Aus dem Buch «Die Blockade» von Aaron Nimzowitsch
Abschnitt I
Unter Blockade versteht man die mechanische Stoppung eines feindlichen Bauern durch einen Offizier. Diese mechanische Stoppung wird dadurch erreicht, dass man seinen eigenen Offizier dicht vor den zu blockierenden Bauern setzt. Beispiel: schwarzer Bauer d5 wird durch einen weißen Springer d4 blockiert.
Es ist — in der Meisterpraxis zum Mindesten — üblich, einen gegnerischen Freibauern zu stoppen, es fehlt aber meines Wissens bisher an einem Versuch, die Notwendigkeit dieser Maßnahme theoretisch begründen zu wollen. Eine solche Begründung finden, hieße das Problem der Blockade lösen!
Man kommt dem Verständnis des hier angedeuteten Problems ein wenig näher, wenn man sich in das Wesen des Bauern als solchen vertieft. Zu seinen markantesten Eigentümlichkeiten gehört unzweifelhaft dessen gewaltige Expansionslust, der Wunsch vorzurücken. Von dieser Tendenz, durch ein Vorgehen an Bedeutung gewinnen zu wollen, gibt das freie Zentrum eine klare Vorstellung. Sehen wir uns beispielsweise folgende, übrigens noch unveröffentlichte Vorgabepartie an:
Ausgangsstellung, Weiß am ZugWeiß: Ke1, Dd1, Th1, Lc1, Lf1, Sb1, Sg1, a3, b2, c2, d2, e2, f2, g2, h2. Schwarz: Ke8, Dd8, Ta8, Th8, Lc8, Lf8, Sb8, Sg8, a7, b7, c7, d7, e7, f7, g7, h7.
1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4 Lc5 4. c3 Sf6 Wie man gleich sehen wird, ist Schwarz willens, sich den e-Bauern herausschlagen zu lassen; hernach wird aber das weiße Zentrum mobil. Daher wäre es vorsichtiger gewesen, der eventuellen weißen Bauernlawine schon jetzt ein kräftiges "Halt!" zuzurufen und zwar durch 4. ... d7-d6. Es folgte: 5. d4 exd4 6. cxd4 Lb6 Das fehlende Schach auf b4 schwächt die Verteidigungsmittel des Schwarzen. Dieses Schachgebot würde nämlich - wir denken uns den Bauern auf a2 - dem Nachziehenden die Zeit dazu lassen, den Bauern e4 zu verspeisen. Und das wäre eine treffliche Chance, die Bauernbewegung zu hemmen, denn wie ich mit scherzhaftem Pathos zu sagen pflege, hätten langjährige (!) Erfahrungen den Beweis dafür erbracht, dass ein toter Bauer nicht mehr vorgehen könne. Nun aber, nach erfolgtem 6. ... Bb6, setzt sich die weiße Bauernmasse in Bewegung. 7. d5 Se7 An der Hand der hier vorzuführenden kleinen Partie können wir nicht nur die Expansionslust der Bauern beleuchten, sondern wir haben vielmehr auch die Möglichkeit, zu sehen, was die Meinung mit dem angedeuteten Vorgehen sei. Wäre der Springer nach b8 oder a5 gegangen, so würde er zurückgeworfen bezw. deplatziert sein. Wir registrieren also unter a: die Tendenz des Vorgehens ist teilweise in dem Wunsche begründet, den Gegner zu demobilisieren. Unter b registrieren wir die Absicht, mit den Bauern vorzustürmen, um sie loszuwerden. Eine ziemlich selbstmörderische Tendenz, nicht wahr? Nein, gar nicht, denn der Bauer ist seinem Wesen nach zugleich auch Sperrstein, er steht den eigenen Offizieren im Wege, verbaut ihnen die Aussicht nach dem feindlichen Lande, und daher ist die mit dem Vorgehen verknüpfte Selbstvernichtungstendenz eigentlich von Kraft und Selbstbejahung erfüllt. Also resümiert war b der Wunsch, durch Vorgehen nebst Durchbruch Linien für die im Hinterlande postierten Offiziere (Türme) zu gewinnen. Schließlich ist es auch denkbar, durch das Vorgehen eine Keilbildung zu bezwecken (c). In der Partie geschah 8. e5 (So stark ist die Expansionslust der Bauern (insbesondere der freien Zentralbauern), dass dieselbe eine andere, gleichfalls sehr starke Tendenz, nämlich das Bestreben sich zu entwickeln (z. B. durch Nc3) vollständig übertönt! 8. Sc3 wäre natürlich schwächlich wegen der Antwort 8… d6 und das Zentrum ist gehemmt, höchstens könnte später mal die unter b näher bezeichnete Arbeit einsetzen, das wäre indes zu wenig, denn Weiß ist berechtigt, auf Keilbildung (c) zu spielen, was zur Einsperrung führen dürfte. Es folgte nun) 8… Se4 Schwarz spielt auf materiellen Gewinn, während Weiß eher ideelle Zwecke verfolgt; er will nämlich durch d5-d6 die Entwicklung des Gegners hemmen, um so insbesondere dessen Läufer c8 moralisch zu töten. In dem nun eingeleiteten Kampfe zweier "Weltanschauungen", der "materialistischen" und "idealistischen" siegte die letztere; merkwürdig genug, aber, wie ich scherzhaft zu sagen pflege, doch erklärlich, denn die Partie ward - - vor dem Kriege gespielt! - Nun spielte ich 9. d6 cxd6 10. exd6 Sxf2 und die kritische Stellung ist entstanden. 11. Db3! Sxh1 12. Lxf7+ Kf8 13. Lg5 Aufgegeben. Der Bauer d6, der den Gegner eingeschnürt, war der Hauptakteur in dem kleinen Drama. Derselbe war aber nichts anderes, als das zu einem "Keil" kristallisierte Resultat des Bauernmarsches e4-e5, d4-d5-d6 etc. 1–0
In aller Kürze seien hier die inneren Beweggründe der Bauernbewegung im Zentrum hervorgehoben:
a) Demobilisierung des Gegners,
b) Linienöffnung,
c) Einschnürung durch Keilbildung.