Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 63

Krause, Orla Hermann – Nimzowitsch, AaronFernpartie (begonnen am 26.05.1924), Januar 1925

Der weiße Isolani entstand nach den Zügen: 1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Sf6 5. Sc3 Sc6 6. Sf3 Lg4 (in Betracht kam 6… g6) 7. cxd5 Sxd5 Es folgte 8. Lb5! (besser als der Angriffsversuch durch 8. Db3 zum Beispiel: 8… Lxf3 9. gxf3 e6! - von Dr. Krause empfohlen - (Nicht schlecht wäre übrigens auch die einfache Fortsetzung 9… Sb6 , zum Beispiel: 10. d5 Sd4 11. Dd1 e5) 10. Dxb7 Sxd4 11. Lb5+ Sxb5 12. Dc6+ Ke7 13. Dxb5 Sxc3 14. bxc3 Dd5 und Schwarz steht gut.) 8… Tc8 9. h3 Lxf3 10. Dxf3 e6 11. O-O Le7 12. Sxd5! Dies ist hier sehr stark, und Schwarz hat das feinste Gegenspiel aufzubieten um überhaupt die Balance halten zu können. Und doch ist der Textzug im strategisch-theoretischen Sinne nicht anders zu werten als ein Eingeständnis dessen, dass die Rederei von der angeblich vorhandenen dynamischen Kraft des Isolani eben nur Rederei ist. Nein, die graue Wirklichkeit zeigt uns ein anderes Bild; der Besitzer des Isolani muss froh sein, dass es ihm gelungen ist, die Schwäche seines Isolani zu verdecken. 12… Dxd5 13. Dxd5 exd5 14. Le3 a6 15. La4 Ld6 (nach diesem Zuge werden die schwarzen Schwierigkeiten enorm; die Rochade - aber welcher Meister denkt im Endspiel an die Rochade! - hätte jedenfalls leichteres Spiel ergeben, zum Beispiel: 15… O-O 16. Lb3 Tcd8! 17. Tac1 Sa5 18. Tc2 Sxb3 19. axb3 Ld6 20. Tfc1 , und die weiße c-Linie wird sich ertragen lassen) 16. Lb3 Se7 17. Ld2! Damit droht die Verdopplung der Türme in der e-Linie. Die Schutzbedürftigkeit des Bauern d5 wirkt lähmend, Weiß hat mit seinen zwei Läufern ein schönes freies Spiel. 17… b6!! Die Einleitung eines versteckt liegenden Defensivmanövers. 18. Tae1 Kd7 19. Te2 h6! 20. Tfe1 Thd8 21. a3 Nun droht bereits Bb4. 21… Tc7! Der schwarze Verteidigungsplan wird nun begreiflich: er wollte die Türme auf d8 und c7 haben, also musste 17. ... b6 geschehen (gegen Ba5 gerichtet). Aber auch h6 war notwendig, denn sonst könnte Weiß durch Bg5 die Lockerung f6 erzwingen: das "Loch" auf e6 wäre dann nicht zu ertragen gewesen. 22. g4 (Oder 22. Lb4? Lxb4 nebst Kd6) 22… Kc8 Mit der Defensivdrohung Nc6 Be3 Bf8!, und das schwarze Spiel ist befreit. 23. Le3! Sg6! Schwarz darf mit der Befreiung nicht länger zögern, die mögliche Verstärkung des weißen Spiels durch f2-f4-f5 muss auf prophylaktischem Wege vermieden werden. 24. Lxd5 Sf4 Erzwingt den Ausgleich. Es folgte noch: 25. Lxf4 Lxf4 26. Te8 Tc1 27. Txd8+ Kxd8 28. Kf1 Txe1+ 29. Kxe1 Lc1 30. b3 Lxa3 31. Lxf7 Lb2 32. d5 Ke7 33. Le6 Kd6 Der Isolani d4 hat sich hier einigermaßen bewährt, aber nur im Sinne der landläufigen Praxis. Theoretisch genommen dürfte der Verlauf dieses Spiels eher einer Bankrotterklärung des Isolani gleichgekommen sein: statt angeblicher Dynamik ein ängstliches Verdecken der statischen Schwäche! - Dr. Krause hat die Partie übrigens trefflich angelegt und durchgeführt; dass aus dem Isolani nichts herauszuholen ist, ist offenbar nicht sein Verschulden. 1/2–1/2