Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 66

Nimzowitsch, Aaron – Vidmar, MilanGroßmeisterturnier, New York, 23. März 1927

In der nachfolgenden Partie werden die Hängebauern geraume Zeit auf ihren Standplätzen d4 c4 behauptet. Dieser - statischen - Sicherheit wird eine sich am äußersten Damenflügel und auch in der Schräge f3-b7 entwickelnde "kleine" Initiative angebaut. 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3. c3 ich brauchte nur remis zu machen. Vidmar brauchte den Gewinn 3… Sf6! 4. e5 Sd5 5. d4 cxd4 6. cxd4 Le7 (6… b6 gefiele uns besser) 7. Sc3 Sxc3 8. bxc3 d5 (auch hier hätten wir 8… b6 vorgezogen) 9. exd6 (möglich war auch 9. Ld3 O-O 10. Dc2 g6 11. h4 usw.) 9… Dxd6 10. Le2 zu den hängenden Bauern c4 und d4 gehört die Läuferstellung e2 und nicht d3 10… O-O 11. O-O Sd7 12. a4! Die "kleine" Initiative, die gegen den demnächst auf b6 auftauchenden Bauern gerichtet erscheint. 12… Dc7 13. Db3 b6 14. c4 Lb7 15. a5! Lf6 (Auf 15… bxa5 wäre 16. Lf4! Db6 17. Da4 mit Doppelangriff gegen a5 und Nd7 erfolgt.) 16. axb6 axb6 17. Le3 h6 18. h3 Tfc8 19. Tfc1! Ein Zug, der im Ergebnis ein ganzes Tempo gewinnt. Schwarz darf das Bauernopfer, das dieser Zug involviert, nicht annehmen, ohne seine Chance vollständig aus der Hand zu geben, zum Beispiel: 19. ... Rxa1 20. Rxa1 Bf3: 21. Bf3: Qc4: 22. Qc4: Rc4: 23. Ra8+ Nf8 24. d5, und Weiß beherrscht das Spiel. 19… Tcb8 20. Txa8 Die doppelte Bewegung Rf8-c8-b8 gab dem Weißen das Tempo, siehe oben. 20… Txa8 21. Sd2 Le7 22. Lf3 Ta3 23. Db2 Lxf3 24. Sxf3 Ta5 25. Dd2 La3 26. Tc2 Ld6 27. Tc1 La3 28. Tc2 Ld6 29. Tc1 Da7 30. Dd3 Ta3 31. De4 Die hierdurch bedingte weiße Zentralhegemonie entspricht ganz dem Logos des Partiegeschehens. Dem aufmerksamen Leser dürfte es aufgefallen sein, dass der von Weiß eingeleitete Flügelangriff (a2-a4-a5xb6) nur dazu geführt hat, dass der Gegner dort den Angriff erlangt hat. Dieses Übergehen des Angriffs auf den Gegner wäre aber nur durch begangene weiße Fehler oder dadurch zu erklären, dass es dem weißen Angriff an innerer Berechtigung gefehlt hat. Nun ist aber in Wirklichkeit keines von beiden der Fall, Weiß hat den Angriff richtig gespielt, auch erschien dieser berechtigt, denn dadurch und nur dadurch war die Stabilität der eigenen Hängebauern zu bewahren. Also muss Schwarz den Angriff am äußersten Flügel - sit venia verbo - usurpiert haben, dieser Angriff war eben nur durch Preisgabe anderweitigen wichtigen Terrains, nämlich der Zentralhegemonie erscheint nach alledem begreiflich. - Der Schluss ist voll zwingender Logik. 31… Sf6 32. Dc6 Txe3! 33. Dxd6! (Die schwarze Flügeloperation raffte sich zu einer äußersten Kraftanstrengung auf, die aber durch kaltblütiges Zentralspiel pariert wurde: Flügeloperation und Zentralaktion hielten sich also die Waage. Über die Annahme des Opferangebotes informiert folgende Variante: 33. fxe3 Da3 34. Te1 Lg3 35. Tf1 Dxe3+ 36. Kh1 Se4 mit der Hauptdrohung Bf4. - Eine beiderseits sehr korrekt gespielte Partie.) 1/2–1/2