Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 46
Illustriert das "Opfer auf Blockade", für welches Stratagem meine in San Sebastian 1912 gegen Spielmann und Leonhardt gespielten Partien bisher als Stammpartien galten. Doch haben wir nun festgestellt, dass ich bereits zu Hamburg 1910 ein von ähnlicher Tendenz erfülltes Bauernopfer gebracht habe, und zwar in der Partie gegen John. Diese Partie, die wir nachfolgend in extenso bringen, muss demnach als Stammpartie betrachtet werden. Weiß: John.
1. d4 d5 2. Sf3 e6 3. e3 c5 4. b3 Sf6 5. Lb2 Sc6 6. Ld3 Ld6 7. Sbd2 O-O 8. O-O De7 9. c4 b6 10. Se5 Lb7 11. Tc1 Tfd8 12. Sxc6 der Springer konnte sich auf e5 nicht gut behaupten. Mit dem Textzuge spielt Weiß auf die "Hängebauern" 12… Lxc6 13. cxd5 exd5 14. Dc2 er behält sich das im Plane liegende d4xc5 für einen günstigeren Moment vor 14… h6 15. Tfd1 Tac8 16. Lf5 Tc7 17. Dc3 und nun geschah 17… c4!! Es folgte 18. bxc4 dxc4 19. Sxc4 Se4 (19… La4 wäre auch ein Zug, hätte aber mit einer Verquickung des Opfers mit Blockadetendenzen nichts zu schaffen)) 20. De1 (das Ideenspiel wäre bei 20. Lxe4 Lxe4! 21. Dd2 Dg5 22. f4 Dd5 zutage getreten: das Bauernminus erschiene durch die Blockstellung kompensiert). Nach dem fehlerhaften Textzuge gewann Schwarz wie folgt:) 20… Lb4 21. De2 Lb5 22. Lxe4 (etwas besser wäre freilich 22. Df3) 22… Dxe4 23. Sd6 es gab nichts Besseres 23… Lxe2 24. Sxe4 Te7 25. Sg3 Lxd1 und gewann nach hartem Kampfe. Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 26. Txd1 Tc7 27. a3 Tc2 28. Tb1 Ld6 29. Sf5 g6 30. Sxd6 Txd6 31. e4 Tdc6 32. g3 Td2 33. La1 Tdc2 34. Lb2 Td2 35. La1 Tcc2 36. Tf1 Kf8 37. Kg2 Ke7 38. d5 f6 39. g4 g5 40. e5 fxe5 41. Lxe5 Txd5 42. Lg7 Td6 43. Le5 Te6 44. Lb8 a6 45. Tb1 Kd7 46. Tb3 Kc6 47. Lg3 Kd5 48. h4 gxh4 49. Lxh4 Tec6 50. Ld8 T2c3 51. Tb2 Txa3 52. Lxb6 Tg6 53. Tb4 Tc3 54. Td4+ Kc6 55. La5 Ta3 56. Ld2 a5 57. Lc1 Ta1 58. Le3 a4 59. Tb4 Kc7 60. Kf3 Ta6 61. Lf4+ Kd7 62. Tb7+ Ke8 63. Tb2 a3 64. Te2+ Kf7 65. Le5 Tb1 66. Ta2 Ta4 67. Kg3 Tg1+ 68. Kh2 Tgxg4 69. Ld6 Tg6 70. Lg3 Tb6 71. Le5 Tb3 72. Kg2 h5 73. Kh2 Ke6 74. Lh8 Td3 75. Kg2 h4 76. Kh2 Kd5 77. Kg2 Kc4 78. Lf6 Td1 79. Tc2+ Kb3 80. Tc3+ Kb4 81. Th3 a2 82. Txh4+ Kb5 0–1
Nach dieser das Wesen des "Opfers auf Blockade" beleuchtenden Einleitung wollen wir uns nun der Nr. 46 widmen, die unser Stratagem äußerst plastisch hervortreten lässt und die ich daher zu meinen Lieblingspartien zähle:
Nach 1. d4 e6 2. c4 Sf6 3. Sc3 Lb4 4. Ld2 O-O (möglich ist auch sofortiges 4… b6) 5. Sf3 d6 6. e3 b6 7. Ld3 Lb7 8. Dc2 ließ Schwarz sich auf ein recht gefahrvolles Unternehmen ein: 8… Lxf3 Es folgte: 9. gxf3 Sbd7 10. a3 Lxc3 11. Lxc3 c6! (Da Schwarz, unter gleichzeitiger Ausnutzung der dynamischen Schwäche des Doppelkomplexes, auch die Läufer zu blockieren sucht, so vermeidet er naturgemäß jede vorzeitige Öffnung, zum Beispiel: den Zug 11… d5 Hierauf könnte nämlich folgen 12. cxd5 exd5 13. O-O-O nebst Kb1 und Rc1. Weiß hätte dann Spiel in der c- und g-Linie zugleich, während die einzige schwarze Gegenchance, nämlich der Vorstoß c5, die die Läufer befreiende Antwort d4xc5 heraufbeschwören würde.) 12. O-O-O d5 13. e4 Ein solches Vorrücken schafft zwar Angriffschancen, schwächt aber andererseits, wie wir wissen, den Doppelkomplex nicht unbeträchtlich. 13… g6 Erzwungen. Und weniger schlimm, als man auf den ersten Blick annehmen möchte: der Aufrollungsaktion h2-h4-h5 wirkt der Nf6 entgegen. 14. cxd5 (14. h4 oder) (14. Kb1 wäre besser gewesen, aber Weiß will) (14. e5 spielen, was, sogleich ausgeführt, wegen 14… dxc4 15. Lxc4 Sd5 ungünstig wäre.) 14… cxd5 15. e5 Sh5 Nun freut sich der Schwarze ob des gelähmten gegnerischen Doppelkomplexes. 16. h4 a5 Um den Bc3 einzuschränken; die Umgruppierung Qe7 Rfc8 nebst Nf8 wird dann möglich. 17. Tdg1 De7 18. Dd2 Tfc8 19. f4 b5!! Das "Opfer auf Blockade": ein Bauer wird geopfert, damit der Königsläufer abgetauscht werden kann; hernach wird Weiß in den weißen Feldern schwach und muss verlieren. 20. Lxb5 Tab8 21. Le2 Sb6 (Korrektes Figurenopfer, aber noch richtiger und auch stilgemäßer war 21… Sg7 22. h5 Sf5 und Nc4 mit überlegenem Spiel.) 22. Kd1 (Die Annahme 22. Lxh5 Sc4 23. Dc2 Sxa3! 24. Dd2! Sc4 mit Remisschluss war noch das Beste für Weiß.) 22… Sc4 23. Lxc4 Txc4 24. Tg5 Sg7 25. h5 Sf5 26. hxg6 fxg6 So sieht die Stellung aus, nachdem Schwarz das in der Anmerkung zum 11. Zuge angedeutete Problem gelöst hat; der doppelte f-Bauer ist hilflos blockiert, und Weiß hat überall Schwächen. 27. Txf5 Ein verzweifelter Versuch, der kräftig widerlegt wird. 27… exf5 28. Lxa5 Tb3! 29. Ke2 Db7 30. Lb4 Da6 Aufgegeben, da (30… Da6 31. Ke1 an 31… Tbxb4 32. axb4 Da1+ 33. Dd1 Tc1 scheitert.) 0–1