Aus dem Buch «Mein System» von Aaron Nimzowitsch
Partie-Beispiele zu den ersten drei Kapiteln
Es ist schwer, eine Auswahl zu treffen, denn die Zahl (der gut gespielten Partien ist groß, und es ist gleichzeitig leicht, dies zu tun, denn im Grunde genommen ist jede Partie irgendwie für das System charakteristisch: denn das Spiel in der offenen Linie oder in der 7. Reihe findet sich in fast jeder Partie vor. Letztere (die Partie) unter dem Gesichtswinkel unserer Gesetze zu betrachten ist etwas, was uns niemand verwehren kann und gleichzeitig etwas, was wir stets zu Nutz und Frommen unserer Leser anbringen können. Also deshalb kein Kopfzerbrechen über die zu treffende Wahl und frisch ans Werk!
Partie 1
Illustriert die Folgen des Bauernraubes in der Eröffnung.
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. exd5 Sxd5 Aufgabe des Zentrums. 5. Sf3 c5 Um den Bauern zu "töten" (siehe unter "Preisgabe des Zentrums" im 1. Kapitel). Die "Hemmung" wäre durch etwa Be7, 0-0, b6, Bb7 zu bewerkstelligen gewesen. 6. Sxd5 Dxd5 7. Le3 Um diesen Entwicklung und Angriff (Drohung dxc5 mit Bauerngewinn) in sich vereinenden Zug tun zu können, hat Weiß auf d5 getauscht, siehe unter Abschnitt 4 im 1. Kapitel. 7… cxd4 Temposchlucker verschwindet, bedeutet Zeitverlust. 8. Sxd4 a6 9. Le2 Dxg2 Ein Bauernraub. Die Folgen sind betrübter Art. 10. Lf3 Dg6 11. Dd2 e5 Die Krise. Schwarz will den unangenehmen Nd4 los sein, um durch Nc6 die Entwicklung einigermaßen nachholen zu können. 12. O-O-O! exd4 13. Lxd4 Der weiße Entwicklungsvorsprung ist nun sehr groß. 13… Sc6 14. Lf6 Ein "Schnellzug". Jeder andere Läuferzug würde durch einen gegnerischen Entwicklungszug beantwortet werden können, während nun zur Entwicklung keine Zeit ist: Schwarz muss nehmen. 14… Dxf6 15. The1+ Spielt in der e- und d-Linie zugleich. Die Einbruchgefahr ist groß. 15… Le7 (Oder 15… Le6 16. Dd7#!) 16. Lxc6+ Kf8 (Oder 16… bxc6 17. Dd8#) 17. Dd8+ Lxd8 18. Te8# 1–0
Partie 2
Weiß erhält einen freien, beweglichen Zentralbauern e4; Schwarz hemmt ihn unter Zuhilfenahme der durch die e-Linie gebotenen Ressourcen (Vorposten Se5), gelangt auch ganz richtig dazu ihn, den „Verbrecher“ (6a, 1. Kapitel), zu töten, klappt aber dann zusammen. Das Endspiel ist für Hemmungsprobleme im weiteren Sinne lehrreich.
1. e4 e5 2. Sf3 d6 3. d4 Sf6 4. Sc3 Sbd7 Erschwert die Entwicklung, hält aber die Mitte. Den Zug als "hässlich" zu bezeichnen wäre jedenfalls eine - Geschmacksverirrung. 5. Lc4 Le7 6. O-O O-O 7. De2 c6 Wodurch Schwarz immerhin eine Art von Bauernmehrheit im Zentrum etabliert, allerdings ist noch vorläufig Weiß daselbst am Ruder. 8. a4 Der geschlossene Charakter der Spielanlage gestattet Bauernzüge in der Eröffnung. 8… Dc7 9. Lb3 a6 Um evtl. mit dem c-Bauern vorgehen zu können. 10. h3 exd4 Die Aufgabe des Zentrums ist hier keineswegs als Inkonsequenz aufzufassen: war das Glück kein Glück weil es "nur" von kurzer Dauer war? - Man kann nicht immer glücklich sein. 11. Sxd4 Te8 Hemmungsstrategie, gegen e4 gerichtet. 12. Lf4 Lf8 13. f3 Sc5 Der aufmerksame Lernende wird hier die Besetzung des schwarzen Vorpostens durch Ne5 erwartet haben; aber Schwarz will zunächst abtauschen, um Luft zu bekommen. Ein in eingeklemmten Stellungen empfehlenswertes Stratagem. 14. La2 Se6! 15. Lxe6 Lxe6 16. Dd2 Tad8 17. Tfe1 Lc8 18. Tad1 Sd7! Nun, nach harmonisch durchgeführter Entwicklung (für Harmonie war zwar bei dem großen Terrainmangel nicht viel "Platz" übrig) besetzt Schwarz den Vorpostenpunkt. 19. Sf5 Se5 Beherrscht das Feld. Großer Angriffsradius. Allfällige Vertreibung durch f3-f4 würde den Bauern e4 schwächen. 20. Sd4 f6 Man beachte die zunehmende Lähmung von Bauer e4. 21. Kh1 Df7 22. Df2 Dg6 23. b3 Sf7 Nun wird f6-f5 vorbereitet. Der Lernende wird vielleicht sagen, was habe Ne5 denn geleistet? Genug, denn Weiß konnte nichts unternehmen. 24. Kh2 Te7 25. Sde2 f5! "Tötung des gelähmten Bauern". 26. Sg3 fxe4? (Übereilt; richtig war zunächst Rd8-e8, z. B. 26… Tde8 27. exf5 Lxf5 28. Sxf5 Dxf5 29. Lg3 Txe1 30. Txe1 Txe1 31. Dxe1 Dxc2) 27. Scxe4 (Nach 27. fxe4 wäre der isolierte e-Bauer eine böse Schwäche.) 27… d5 28. Sc5 Tde8 29. Sd3 Txe1 (Schwarz hat nur gleiches Spiel erlangt. 29… Sd6 würde Punkt e5 preisgeben ( 30. Le5 )) 30. Txe1 Txe1 31. Dxe1 De6 32. Dxe6 Lxe6 33. Le3 Dieser gute Zug hemmt die schwarze Bauernmehrheit auf der Damenseite. Schwarz hätte sich nun mit Remis begnügen sollen; er wollte mehr erreichen und verlor wie folgt: 33… Ld6 34. f4 Kf8 35. Kg1 g6 36. Kf2 h5 37. Sc5 Lc8 38. a5 Sh6 39. b4 Kf7 40. c3 Sg8 (40… Sf5 hätte remis gemacht) 41. Kf3 Sf6 42. Ld4 Lxc5 43. Lxc5 Le6 44. Ld4 Se4 45. Se2! (Nicht etwa 45. Sxe4 dxe4+ 46. Kxe4 wegen 46… Ld5+ nebst Bxg2) 45… Lf5 es nützt nicht, Schwarz hat eben einen Bauern weniger, seine Mehrheit ist lahmgelegt, die weiße - mobil 46. g4 hxg4+ 47. hxg4 Sd2+ (viel besser war es, den Läufer zu Hause zu behalten, also 47… Ld7) 48. Kg3 Lc2 49. Sg1 Ke6 50. Kh4 Ld1 51. Sh3 Se4 52. f5+! kunstreiche Verwertung der Majorität! 52… gxf5 (Auf 52… Kf7 wäre 53. fxg6+ Kxg6 54. Sf4+ unangenehm geworden) 53. Sf4+ Kf7 54. g5! Lg4 55. g6+ Ke7 56. g7 Kf7 57. Sg6 c5 58. bxc5 Aufgegeben. 1–0
Partie 3
Ein treffliches Beispiel zum Spiel in der offenen Linie. Snosko bekommt von vornherein daselbst eine überlegene Stellung und dringt ohne vorhergegangene Vorpostenaufstellung in die feindliche Basis ein.
1. d4 d5 2. e3 c5 3. c3 e6 4. Ld3 Sc6 5. f4 Stonewall im Anzuge, eine sehr geschlossene Eröffnung. 5… Sf6 6. Sd2 Dc7 7. Sgf3 (Übersieht die durch Qc7 involvierte Drohung. Hier war 7. Sh3 nebst Qf3 die beste Aufstellung.) 7… cxd4! 8. cxd4? (Sonst wäre e3xd4 positionell das Richtige (z. B. e3xd4, Weiß e-Linie mit Vorpostenpunkt e5, während Bauer c3 die gegnerische c-Linie sperrt, siehe 4. Abschnitt des 2. Kapitels), aber hier würde genannter Zug einen Bauern kosten, z. B. exd Qxf4. Trotzdem war er dem Textzuge vorzuziehen, man sehe selbst: 8. exd4 Dxf4 9. Sc4! Dc7 (9… Dg4 10. Se3!) 10. Sce5 Ld6 11. De2 und Weiß hat einen nicht übel gedeckten Vorposten in der e-Linie, den Schwarz auch durch 11… Lxe5 12. dxe5 Sd7 13. Lf4 f6? nicht zu erschüttern vermag, da 14. exf6! Dxf4 15. fxg7 Tg8 16. Dxe6+ für Weiß gewänne. Solange aber die e-Linie samt Vorposten Ne5 bzw. dessen Voll-Ersatz Bauer e5 (nach d4xe5) in weißem Besitz verbleiben, stünde Weiß trotz Bauernminus ausgezeichnet.) 8… Sb4 9. Lb1 Ld7 10. a3 Tc8! Erst durch den feinen Turmzug erhält das sonst anfängerhaft anmutende Springer-Manöver einen Sinn. 11. O-O Lb5! 12. Te1 Sc2 13. Lxc2 Dxc2 14. Dxc2 Txc2 Die 7. Reihe, sekundiert durch Läuferdiagonale b5-f1 und Springerpunkt e4. 15. h3 Ld6 16. Sb1 Se4 Kein Vorposten in unserem Sinne (die Linie dahinter fehlt), aber doch guter Ersatz. 17. Sfd2 Ld3 18. Sxe4 Lxe4 (18… dxe4 mit befestigtem Bd3 wäre auch schon ganz schön und würde uns noch dazu die Gelegenheit geben zu betonen, dass die Kraft einer Linie oder Diagonale stets in einem gedeckten Punkt ihren prägnanten Ausdruck findet: etwa so, als ob der abstrakte Begriff "die Linie" oder "die Diagonale" sich in Materie (denn ein gedeckter Punkt ist meinem Empfinden nach "Materie") verwandelt hätte ...) 19. Sd2 Kd7 20. Sxe4 dxe4 21. Tb1 Thc8 22. b4 T8c3 23. Kf1 Kc6! 24. Lb2 Tb3 25. Te2 Txe2 26. Kxe2 Kb5 27. Kd2 Ka4 28. Ke2 a5 Der entscheidende Durchbruch. Die schwarze Turmstellung (fesselte und bedrohte e3) war aber auch allzu stark. Der Rest ist (in abgekürzter Notation) selbstverständlich: 29. Kf2 axb4 30. axb4 Kxb4 31. Ke2 Kb5 32. Kd2 La3 33. Kc2 Txb2+ 34. Txb2+ Lxb2 35. Kxb2 Kc4 36. g4 Kd3 37. g5 Kxe3 Aufgegeben. 0–1
Partie 4
(Linie, Vorposten, 7. Reihe)
1. d4 Sf6 2. Sf3 d6 3. Sbd2 Sbd7 4. e4 e5 5. c3 Le7 6. Lc4 O-O 7. O-O exd4! 8. cxd4 d5 Die Eröffnungszüge haben wir schon früher besprochen. 9. Ld3 dxe4 10. Sxe4 Sxe4 11. Lxe4 Sf6 Das war unser Abtausch und nachfolgender Tempogewinn. 12. Ld3 Sd5 Spiel in der d-Linie gegen d4. 13. a3 Lf6 14. Dc2 h6 15. Ld2 Le6 16. Tae1 c6 17. Le3 Db6 18. h3 Tad8 19. Tc1 Td7 Der ruhige Aufbau. Das Angriffsobjekt d4 ist unbeweglich, also wozu die Aufregung. 20. Tfe1 Tfd8 21. De2 Dc7 22. Lb1 Se7 Nach getaner Arbeit (denn der Springer hat gearbeitet) tut Luftveränderung gut: der Springer strebt nach f5. 23. Se5 Lxe5 24. dxe5 Dxe5 25. Lxa7 Dxe2 26. Txe2 Td1+ Schwarz dringt nun via d-Linie ins feindliche Spiel ein. 27. Te1 Txc1 28. Txc1 Td2 Nun beginnt das Spiel in der 7. Reihe (hier die 2. Reihe). 29. b4 Sd5 30. Le4 Sf6 31. Lc2 Sd5 32. Le4 Ta2! Gestattet Herbeiführung ungleichfarbiger Läufer. 33. Lxd5 Lxd5 34. Tc3 f5! Alles nach meinem System gespielt. Schwarz sucht nach einem Angriffsziel in der 7. Reihe: das Spiel gegen a3 kann nicht fortgesetzt werden, also will der Nachziehende Bauer g2 bloßlegen. Dieses wird erreicht durch geschlossenes Vorgehen des Königsflügels. 35. Kh2 Kf7 36. Lc5 g5 37. Td3 b5 38. Ld4 Le4 39. Tc3 Ld5 40. Lc5 Kg6 41. Td3 h5 42. Lb6 f4 43. Ld4 Kf5 44. f3 Weiß stand sehr schlecht, die Drohung war g5-g4 nebst g4-g3+ f2xg3 Rg2+. 44… g4 45. hxg4+ hxg4 46. Kg1 Te2 Schwach ist auch die 8. (hier 1.) Reihe (es droht gelegentlich g4-g3), und an Zügen hat Weiß auch keinen Überfluss. 47. fxg4+ Ke4! 48. Td1 Lb3 49. Tf1 Kxd4 und gewann in wenigen Zügen. Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 50. Txf4+ Te4 51. Tf6 Ld5 52. Tg6 Te2 53. Kh2 Txg2+ 54. Kh3 Ta2 0–1
In den nun folgenden 2 Partien bildet der Vorpostenspringer den Hauptakteur. In der ersteren wird er getauscht, findet aber Ersatz im wiedernehmenden Stein. In der zweiten Partie kommt seine Lavierungstüchtigkeit zur Geltung.
1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Sf3 Ld6 5. Ld3 Sf6 6. h3 O-O 7. O-O h6 In der mit Nf3 und Nf6 fortgesetzten Abtauschvariante der französischen Partie bildet die Fesselung Bg5 bzw. Bg4 eines der Hauptmotive. Hier indes wird dieses Motiv durch h3 und h6 ausgeschaltet und wir sehen und hören nur die e-Linie. 8. Sc3 c6 9. Se2 Te8 10. Sg3 Se4 Der Vorposten. 11. Sh5 Sd7 12. c3 Sdf6 13. Sh2 Dc7 14. Sxf6+ Sxf6 15. Sf3 Se4 16. Lc2 Lf5! Alle Figuren richten sich nach dem strategischen Punkte hin, man nennt dieses auch seine Stärke (hier Ne4) betonen. 17. Sh4 Lh7 18. Le3 g5 19. Sf3 f5 20. Te1 Te7 Der Druck in der Linie verstärkt sich von Zug zu Zug. 21. Sd2 f4 22. Sxe4 dxe4 Der Vorpostenspringer wird nun durch den "halben Freibauern" e4 würdig ersetzt. 23. Ld2 Tae8 24. c4 c5 25. Lc3 Lg6! Um Kh7 nebst e4-e3 spielen zu können; es droht auch gelegentlicher Vormarsch gegen die Angriffsmarke h3, etwa durch h6-h5 g5-g4. 26. Dg4 cxd4 27. Lxd4 Le5 28. Lxe5 Txe5 29. Dd1 (Falls 29. Tad1 so 29… e3 30. Lxg6 exf2+ 31. Kxf2 Dc5+ 32. Kf1 Dxc4+ 33. Kf2 Dc5+ 34. Kf1 Db5+ 35. Kf2 Dxb2+ 36. Kf1 Db5+ 37. Kf2 Db6+ 38. Kf1 Da6+ 39. Kf2 Dxa2+ 40. Kf1 Da6+ 41. Kf2 Db6+ 42. Kf1 nebst Doppeltausch auf e1 und Qxg6. Eine schöne Illustration zum Thema: Eroberung eines Bauern mit gleichzeitigem Schachgebot (siehe auch 3. Kapitel, Diagramm 31).) 29… Td8 30. Db1 Td2 31. Lxe4 Dc5! 32. Ld5+ Kg7 33. Dc1 Dxf2+ 34. Kh1 Texd5 Aufgegeben. 0–1
Vorstehende Partie bildet eine durchsichtige, dabei gute Illustration zum Thema „Vorposten“.
Partie 6
Ein Spiel aus der Frühzeit der Schachwissenschaft
Nach den Eröffnungszügen: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. Sc3 Lb4 6. Sd5 Le7 7. d3 d6 machte Tarrasch seinem Gegner durch 8. Sb4 Ld7 9. Sxc6 Lxc6 10. Lxc6+ bxc6 einen Doppelbauern, dessen Schwäche aber vorläufig noch problematischer Natur sein dürfte. Es folgte: 11. O-O O-O 12. De2 c5? (Diesen Zug würde man heutzutage für schlecht halten: die Schwäche des Doppelbauern tritt zu Tage bei Vorgehen seitens Schwarz, nicht aber wäre dieselbe durch weißes Vorgehen (in der Mitte) aufzudecken; im Gegenteil, nach d3-d4 e5xd4 würde Bauer c6 den weißen Vorpostenpunkt in der d-Linie angreifen! (Man sieht, wie sehr das System das Denken erleichtert.) Richtig war also 12… Te8 und Bf8 mit abwartender Haltung.) 13. c3 Um d3-d4 schleunigst um jeden Preis durchzusetzen. Heute weiß man, dass der Zentralangriff durchaus nicht die einzige seligmachende Attacke darstellt. Richtig war Nf3-d2-c4 nebst geplantem b4 oder f4, während die Mitte passiv bleibt. 13… Sd7 14. d4 exd4 15. cxd4 Lf6 16. Le3 cxd4 17. Lxd4 Te8 18. Dc2 Lxd4 19. Sxd4 Sc5 An dieser Springerstellung hängt nun das Schicksal der Partie. Wird dieser Ritter vertrieben, so kann c7 schwach werden. 20. f3 Df6 21. Tfd1 Teb8 Weiß d-Linie mit Punkt d5. Die e-Linie ist für Schwarz wertlos, teils wegen des "gedeckten" e4, teils aber weil die Türme, den Zug b2-b4 zu verhindern, engagiert sind. 22. Tab1 a5 23. Kh1! Die Idee dieses feinen Zuges ist, das Zentrum als Angriffswaffe hervortreten zu lassen: nun (nach Kh1) droht nämlich e4-e5 Qxe5 Nc6, was sonst an dem Schach auf e3 scheitern würde. Positiven Wert hat der Königszug aber kaum, da Schwarz ohnehin Rb7 spielen müsste, schon um die Türme zu verdoppeln. Man sieht, Schwarz operiert in der b-Linie gegen den Vorstoß (Punkt) b4. 23… Tb6 Nicht gut, da Weiß plötzlich in der d-Linie stark wird (der Vorposten d5 wird nun mit Angriff gegen Rb6 besetzt). Dagegen wäre Rb7 (von Steinitz angegeben) oder auch Passivität (etwa 23. ... h7-h6) eher am Platz. (Z. B. 23… h6 24. e5 dxe5 25. Dxc5 exd4 26. Txd4 a4 (die schwarze b-Linie drückt) 27. Tb4 Dd6 mit bequemem Ausgleich.) (Oder 23… Tb7 24. Se2 Tab8 25. Sc3 und nun 25… a4 und die b-Linie macht sich bemerkbar.) 24. Se2 Se6 25. Sc3 Tc6 (Es ist begreiflich, dass Berger Nd5 unbequem findet, besser war aber doch der geordnete Rückzug 25… Dd8 26. Sd5 Tb7 nebst Rab8.) 26. Da4 Tc5 27. Sd5 Dd8 28. Tbc1 Das weiße Manöver Qa4 und Re1 ist von Klarheit erfüllt. Weiß will die c-Linie (die noch umstritten ist) erobern, um dann durch gelegentliches Qc6 daselbst auftrumpfen zu können. 28… Txc1 29. Txc1 c5 Saniert c7. Allerdings wird nun d6 ein Sorgenkind, aber Schwarz stand schon ungünstig (er hatte eben die b-Linie vernachlässigt.) 30. Td1 Sd4 31. Dc4 Weiß will den Nd4 abtauschen, etwa durch Nd5-c3-e2, um dann den d-Bauern nach Herzenslust angreifen zu können. Dieser letztere Angriff muss gelingen, denn die deckenden Figuren können leicht in unbequeme Stellungen geraten (z.B. Schwarz Rd7 Qe7, Weiß Rd5 Qd3), worauf der e-Bauer den gefesselten d-Bauern zum dritten Male angreift mit nachfolgender Eroberung. - Für uns ist es von Interesse zu bemerken, wie die weißen Figuren nach d5 (Qc4!) hinblicken. Es kommt vor, dass man im Besitze eines solchen Punktes, wie d5 hier einer ist, sich auf langwieriges Lavieren einlässt, mit genanntem Punkt als Basis, d. h. die eigenen Figuren kommen und gehen über d5, der arme Bauer d6 wird bald so, bald anders angegriffen und schließlich geht dem Schwarzen der Atem aus, d. i. er vermag im Lavieren nicht Schritt zu halten. Sehr begreiflich, da er nicht nur ohne Basis laviert, sondern auch sonst beengt steht. Hier kommt es freilich nicht zu skizziertem Kampfe, denn Schwarz begeht einen Fehler, der die Partie aus der Bahn der logischen Entwicklung drängt. 31… Tb8 32. b3 Tc8? 33. Txd4 cxd4 34. Se7+ (Nicht 34. Dxc8? Dxc8 35. Se7+ weil der d-Bauer zur Dame ginge.) 34… Dxe7 35. Dxc8+ Df8 36. Dxf8+ Kxf8 und Weiß gewann das Bauernendspiel durch den "entfernten" Freibauern. 1–0
Wir werden dieses Endspiel in der 2. Lieferung als Illustration zum „Freibauern“ bringen und bitten den freundlichen Leser um etwas Geduld. (Siehe Diagramm 66 - Tarrasch-Berger)
Einen schwerkalibrigen Kampf zeigt uns folgende Partie.
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. Sc3 Lb7 5. Lg5 h6 6. Lh4 Le7 7. e3 d6 8. Ld3 Sbd7 Schwarz hat ein festes aber beengtes Spiel; ein solches darf in der Regel nur langsam befreit werden. 9. O-O O-O 10. De2 e5 ("Langsamer", also stilgerechter war hier 10… Sh5) 11. dxe5 Lxf3! (Nicht 11… Sxe5 12. Sxe5 dxe5 13. Tfd1 mit Druck in der d-Linie.) 12. gxf3 Sxe5 13. Lxf6 Lxf6 14. Le4 Tb8 Die weiße d-Linie mit Vorposten Nd5 wird die Lockerung c7-c6 erzwingen können, das steht schon jetzt fest. Allerdings wird Bauer d6 dann unschwer zu verteidigen sein, denn er steht auf einem Feld von der Farbe seines Läufers. Aber wie ist es um die g-Linie bestellt? Das werden wir bald sehen. 15. Tad1 Sd7! 16. Sd5 Sc5 17. Lb1 a5 Kein Vorposten, aber doch stark. Unvertreibbare Springer zu etablieren, darin sollte sich der Lernende ganz besonders üben. 18. Kh1 g6 Diese Lockerung wird durch Qc2 doch erzwungen. 19. Tg1 Lg7 20. Tg3 c6! 21. Sf4 Tb7! Die Situation in der g-Linie ist nun insofern als geklärt anzusehen, als es feststeht, dass die Drohung in einem Opfer auf g6 bestehe (also der "revolutionäre" Angriff). Die langsame Unterminierung durch h2-h4-h5 dagegen ist schwer durchführbar. 22. Dc2 Df6 23. b3 (Kombinatorisch wäre 23. Sh5 Dxb2 24. Txg6 (siehe die vorige Note) 24… fxg6 25. Dxg6 Der Angriff dürfte aber kaum durchdringen.) 23… Te8 24. Se2 Um den Springer nach d4 zu führen. Das Dilemma für Weiß bildet das Vorhandensein von 2 Linien, d und g, er kann sich zu keiner so recht entschließen, und daran geht sein Spiel zugrunde. 24… Td7 25. Td2 Ted8 26. Sf4 Kf8 27. Dd1 h5!! Nicht bloß um Bh6 zu ermöglichen, sondern auch weil der h-Bauer eine große Rolle zu spielen hat. 28. Dg1 Lh6 29. Se2 d5 Wird die Schwäche d6 los und erobert in Bälde die d-Linie. 30. cxd5 Txd5 31. Txd5 Txd5 32. f4 (Auf 32. Nd4 wäre Bf4 gefolgt, z. B. 32. Sd4 Lf4 33. exf4 Dxd4 34. f5 h4! 35. Tg4 Dc3 und f3 ist schlecht zu decken.) 32… Lg7 (Dieser an und für sich schwerfallende Verzicht auf die Diagonale h6-f4 wird einem, der es weiß, dass man Hindernisse (hier evtl. Nd4) in einer Linie zu beschießen habe, verhältnismäßig leicht gemacht. Sofortiges 32… Td2 (statt Bg7) missfiel mir wegen der Antwort 33. Sd4 Lxf4 34. Tf3) 33. Dc1 (Hier hatte ich das Opfer auf g6 (endlich!) erwartet und darauf ein reines Problem vorbereitet, nämlich 33. Lxg6 h4! 34. Tg4 fxg6 35. Txg6 Df5 36. Txg7 De4+ 37. Dg2 (erzwungen) 37… Td1+ 38. Sg1 und nun die Pointe 38… h3!! 39. Dxe4 Sxe4 mit Mattdrohung auf f2.) 33… Dd6 Was nun folgt ist die buchgemäße (ich meine mein Buch) Ausnutzung der d-Linie, wird aber hier durch eine reizende Pointe geschmückt. Ohne meine Regeln zu besitzen, wäre ich nie und nimmer auf das Schlussmanöver verfallen. Im Nachfolgenden will ich die "Lust-" und "Unlustgefühle" bei den einzelnen Zügen illustrieren, damit der Leser so recht folgen kann. 34. Lc2 Se4 35. Tg2 h4 36. Sg1 Ich war froh, den Springer los zu sein und zog 36… Sc3 Dieses Springermanöver ermöglicht das Eindringen in die gegnerische Basis (hier die 1. und 2. Reihe). 37. a4 (37. a3? Sa2 nebst Gewinn des Bauern a3.) 37… Sa2 38. Df1 Sb4 Hier hatte ich die unangenehme Empfindung, dass ich den Läufer entkommen ließe, ihm Spielraum gewährte ... 39. Le4 Td1 Der erste Gedanke war: Wie schade, nun findet auch die Dame den Weg ins Freie; aber schon sah ich das Mattgespenst auftauchen, dasselbe, das mir schon vom 33. Zuge her wohlbekannt war. 40. Dc4 f5! 41. Lf3 h3! 42. Tg3 Sd3! 43. Dc2 Tc1 Hier freute ich mich über die unfreiwillige Heimkehr der Dame. 44. De2 Tb1 Aufgegeben, da die Umgehung Rb2 tödlich wirkt. 0–1
Der Eindruck ist der, daß das System die kombinatorische Arbeit aufs wirksamste unterstützt hat.
Und zuletzt, als Nr. 8, eine kurze Partie, die unter dem Namen die „unsterbliche Zugzwangpartie“ weit und breit bekannt ist. Uns interessiert sie insofern, als hierin der Vorposten bloß als Drohung, als bloßes Gespenst auftritt. Und doch ist seine Wirkung enorm.
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. g3 Lb7 5. Lg2 Le7 6. Sc3 O-O 7. O-O d5 8. Se5 c6 Sichert die Stellung. 9. cxd5 cxd5 10. Lf4 a6! Deckt den Vorpostenpunkt c4, nämlich durch a6 und b5. 11. Tc1 b5 12. Db3 Sc6! Das Gespenst! Mit lautlosen Schritten strebt dieses dem Punkt c4 entgegen ... 13. Sxc6 Sämisch opfert zwei Tempi (Abtausch des Temposchluckers Ne5 gegen den beinahe unentwickelten Nc6), nur um das Gespenst los zu werden. 13… Lxc6 14. h3 Dd7 15. Kh2 Sh5 (Ich hätte ihm noch ein zweites Gespenst applizieren können, durch 15… Db7 nebst Nf6-d7-b6-c4, aber ich wollte mich dem Königsflügel zuwenden.) 16. Ld2 f5! 17. Dd1 b4! 18. Sb1 Lb5 19. Tg1 Ld6 20. e4 fxe4! Dieses sonst ganz überraschend wirkende Opfer ist gegeben durch die nüchterne Kalkulation: zwei Bauern und 7. Reihe und gegnerischer unentwirrbarer Damenflügel - alles das für bloß eine Figur! 21. Dxh5 Txf2 22. Dg5 Taf8 23. Kh1 T8f5 24. De3 Ld3 25. Tce1 h6!! (Ein glänzender Zug, der den Zugzwang deklariert. Weiß hat keine Züge mehr; auf beispielsweise 25… h6 26. Kh2 geschieht 26… T5f3) (desgleichen auf 25… h6 26. g4 . Schwarz macht nun Abwartezüge mit dem König und Weiß muss ihm von selbst ins Messer rennen. Aufgegeben.) 0–1
2. Lieferung
Einleitung
bringt eine für uns prinzipiell wichtige Betrachtung über den positiven Wert philosophischen Durchdringens. - Ein kurzer aber schmerzbewegter Abschied von der offenen Linie.
Diese Lieferung soll uns den Freibauern und das Endspiel bringen, aber ehe wir damit beginnen, wollen wir noch einmal schnell einige wenige Partien beleuchten, in denen die von uns so hochgeschätzte offene Linie irgendwie überraschend zu Ehren gekommen ist. Der aufmerksame Leser hat es bereits erraten, ja, wir sind in die offene Linie geradezu vernarrt, wir können sie nicht so ohne weiteres entlassen; ein letztes Abschiednehmen noch und dann noch ein allerletztes und dann ein Winken mit Tüchern: sieht sie uns noch? Ja, sie hat uns gesehen, schau, nun flüstert sie ihrem Begleiter, dem Vorposten-Ritter, etwas zu. Leb wohl! -
Wir zerdrücken eine Träne und wenden uns neuen Dingen zu. Nun sind es andere Helden, mit denen wir uns zu beschäftigen hätten, die Freibauern. Das sind junge Stürmer, die aber – so will es der Gang der Welt – irgendwo und irgendwie blockiert werden. Und dann kommen „Endspieltücken“, schwieriges Lavieren und langsames Vorwärtsschreiten, und schon haben wir uns des Lebens Ernst genähert, dem Positionsspiel (d. h. noch sind einige Kapitel dazwischen).
Die erste Lieferung hat ein gewisses Aufsehen erregt. An dem obligatorischen Nicht-verstehen-wollen hat es aber trotzdem durchaus nicht gefehlt. Die erste Lieferung sei bloß für den schwächeren Spieler von pädagogischem Wert, hieß es von Seiten der Kritik. Das ist keineswegs der Fall, sage ich. Ich habe in genannter Lieferung das Wesen der Elemente enthüllt, es steckt hierin ein Stück Philosophie und schwere Gedankenarbeit. Ist Philosophie nichts? Ist dem starken Spieler philosophisches Durchdringen des Stoffes nichts? Nein, die Wahrheit liegt eher umgekehrt: der schwächere Spieler konnte der ersten Lieferung nur Dessins entnehmen, Dessins freilich, die ihm im praktischen Kampfe nützen dürften; der stärkere Spieler aber, sofern er der Entwicklung der Dinge mit wirklichem Ernst gefolgt ist, mußte jedoch wohl oder übel neue Perspektiven gewinnen. Manöver, die er früher x-Mal automatisch ausgeführt hatte, ohne darüber mehr nachzudenken als von Mal zu Mal, diese Manöver erhielten für ihn plötzlich prinzipielle Bedeutung und entpuppten sich als Teilmanöver eines weitverzweigten strategischen Planes. Ein Beispiel: Das Etablieren eines Springervorpostens (also etwa Sc5, geschützt durch Bd4 und sekundiert durch die offene c-Linie) gehört ebenso wie ein allfälliges Eindringen in die feindliche 7. Reihe (also Tc1-c7 in unserem vorerwähnten Beispiel) zu den vom stärkeren Spieler beliebtesten Manövern. Daß aber der Vorposten einem Eindringen vorarbeite, dieser Zusammenhang erhellt erst aus meinem Buche.
In der „Blockade“, noch mehr aber in dem IV. Kapitel meines „Systems“, suche ich die „Blockadepflicht“ sehr ausführlich zu begründen. Wichtige strategische Zusammenhänge werden hierdurch aufgedeckt. Keineswegs kann ich aber den Kritikern Recht geben, welche den ganzen eben erwähnten Bau für unnütz erklärten. Täte ich mich damit begnügen, das Blockieren eines Freibauern kurzer Hand empfehlen zu wollen, so würde mein Buch den Charakter einer „Sammlung praktischer Winke einer erfahrenen Hausfrau“ annehmen.
Das Kapitel vom Freibauern betrachte ich nun hingegen als eine Vorschule zum Positionsspiel. Dieses (das Positionsspiel) ist mit den Elementen eng verknüpft, daher darf das Ineinanderweben genannter nur scheinbar heterogenen Dinge keineswegs überraschend wirken.
1. d4 g6 2. e4 Lg7 3. Sc3 d6 4. Le3 Sf6 5. Le2 O-O 6. Dd2 Um den Bg7 durch Bh6 abtauschen zu können. 6… e5 7. dxe5 dxe5 8. O-O-O Der von Weiß gewählte Plan ist durch die Einfachheit der anzuwendenden Mittel bestechend. Weiß will unter Zulassung des Damentausches einiges Plus in der d-Linie erzielen. 8… Dxd2+ 9. Txd2 c6? (Solche wichtige Punkte (d6) schwächende Züge sollen nach Möglichkeit vermieden werden, und in der Tat setzt sich bald ein Stein auf d6 fest. Die für den Lernenden wichtige Sachlage ist die, dass die d-Linie vor geschehenem c7-c6 nur "unter Druck" war, während sie nach erfolgtem c7-c6 als geschwächt erscheint. Es käme daher in Betracht, c6 zu unterlassen und beispielsweise 9… Sc6 zu ziehen. Die Folge könnte sein: 10. h3 (um Nf3 ohne nachfolgendes Ng4 spielen zu können) 10… Sd4!? 11. Sf3! (doch nicht 11. Lxd4 exd4 12. Txd4 Sg4!) 11… Sxe2+ (oder 11… Sxf3 12. Lxf3) 12. Txe2 und Weiß steht besser.) (Immerhin war 9… Sc6 der korrekte Zug, nur musste Schwarz dann auf 10. h3 mit 10. ... Be6 fortfahren, z. B. 10. h3 Le6 11. Sf3 h6 12. Thd1 a6 ; in der so erreichten Stellung besitzt Weiß zweifellos die d-Linie, da aber weder ein Eindringen durch etwaiges Rd7 noch die Etablierung eines Vorpostens durch eventuelles Nd5 im Bereiche des Möglichen liegt, so scheint der Wert der Linie problematischer Natur zu sein. Der weiße Zentralbauer e4 ist nämlich schutzbedürftig und dieser Umstand lähmt den Weißen nicht unbeträchtlich; Schwarz kann sowohl sofortiges Rfd8 in Erwägung ziehen (mit der Idee 13. -- Tfd8 14. Txd8+ Txd8 15. Txd8+ Sxd8 16. Sxe5 Sxe4 , diese Variante müsste freilich durch Kh7 oder g6-g5 mit Sicherstellung des Bauern h6 gegen Be3 eingeleitet werden, sonst käme nach dem doppelten Turmtausch nebst Nxe5, Nxe4, die Antwort 17. Sxe4 Lxe5 18. Lxh6 ), als auch das langsame Manöver Rfc8 nebst Kg8-f8-e8 nebst endlich erfolgendem Opponieren in der Kampflinie durch Rc8-d8 erwählen. Letztere Spielweise ist für die geringe Aktivität des Weißen in der d-Linie bezeichnend.) 10. a4 Anscheinend kompromittierend, in Wirklichkeit wohl motiviert, denn erstens soll b7-b5, welcher Zug einen indirekten Angriff gegen e4 bedeuten würde, also unerwünscht wäre, verhindert werden und zweitens soll der schwarze Damenflügel belagert werden. Zu genanntem ehrgeizigen Umzingelungsplan fühlen wir uns berechtigt, denn der nunmehr, also nach erfolgtem 9. ... c6 unbestreitbare Positionsvorteil in der Mittellinie darf mit Recht belebend wirken, auch nach den Flügeln hin. Wird so formuliert: überlegene Zentralsituation berechtigt zu einem Vorstoß am äußersten Flügel. 10… Sg4 11. Lxg4 Lxg4 12. Sge2 Sd7 (In ungewöhnlichen Situationen erscheinen gewöhnliche Züge selten angebracht. Richtig war die Entwicklung 12… Sa6 nebst Rfe8 und Bf8, die Schwäche d6 wäre gedeckt und die Stellung durchaus haltbar.) 13. Thd1 Sb6 14. b3 Lf6 15. f3 Le6 16. a5 Sc8 17. Sa4 Nun ist klar zu ersehen, dass die vorhin besprochene Entwicklung 12. ... Na6 weniger zeitraubend gewesen wäre als das Textmanöver Nb8-d7-b6-c8. Weiß hat nun eine starke Stellung am äußersten Damenflügel und droht, den Gegner durch Nc5 zu umfassen; man sieht nun, dass 10. a4! nicht gar so wenig Angriffswert besaß. 17… b6! (Ausgezeichnet pariert. Auf 17… b6 18. axb6 axb6 19. Sxb6 Sxb6 20. Lxb6 käme natürlich 20… Lg5) 18. Td3! Das "eingeschränkte" Vorgehen, das hier ganz besonders plastisch in die Erscheinung tritt, indem der Turm von der d-Linie in die c-Linie und von dort in die a-Linie gebracht wird. 18… bxa5 (Schlecht. Richtig war 18… Tb8 ; die schwarze Stellung war immer noch lebenskräftig, wie ich überhaupt, zugleich mit Dr. Lasker, an die "Verteidigung" glaube.) 19. Tc3 Se7 20. Tc5 Tfb8 21. Sec3 Der a-Bauer läuft nicht davon. 21… a6 22. Txa5 Kg7 23. Sb6 Ta7 24. Sca4 Der eine Springer machte dem anderen Platz. 24… Tab7 25. Txa6 Sc8 26. Sxc8 Txc8 27. Sc5 Tbc7 28. Td6 Nun erst wird der im 9. Zuge von Schwarz geschwächte Punkt d6 besetzt; eine Okkupation hatte aber immer schon in der Luft geschwebt. 28… Td8 29. Txe6 Aufgegeben. 1–0
In den Anmerkungen zu obiger Partie haben wir die dem Verteidiger einer Linie zu Gebote stehenden Ressourcen näher kennen gelernt. Da solches von größtem praktischen Wert für die Spielführung sein dürfte, geben wir nachfolgend eine zweite in ähnlichem Sinne lehrreiche Partie.
1. Sf3 Sf6 2. c4 c5 3. Sc3 d5 (Spielbar; solider erscheint indes 3… e6 ( 4. d4 cxd4 5. Sxd4 Lb4 )) (oder auch 3. ... Nc6. z.B. 3… Sc6 4. d4 cxd4 5. Sxd4 g6 . Nun könnte Weiß zwar versuchen, den Gegner mittels 6. e4 langsam einzuschnüren, dieser Versuch könnte aber durch 6… Lg7 7. Le3 Sg4! (Breyer) 8. Dxg4 Sxd4 9. Dd1! Se6! (von mir herrührend) hinreichend pariert werden. Die nach 9. ... Ne6 erreichte Stellung ist ziemlich reich an Ressourcen, nämlich I. Qa5 II. 0-0 nebst f5 III. b6 nebst Bb7. Der Lernende untersuche die hierbei sich ergebenden Spielweisen.) 4. cxd5 Sxd5 5. d4 cxd4 (Am besten für Schwarz erscheint 5… Sxc3 6. bxc3 cxd4 7. cxd4 e6) 6. Dxd4 e6 7. e3 Ein sehr zurückhaltender Zug, zu dem ich mich entschlossen habe, weil ich die unternehmenden Fortsetzungen 7. e4 und 7. Nxd5 exd5 8. e4 als wenig effektiv erkannt hatte, (z. B. 7. e4 Sxc3! 8. Dxc3 (nach 8. Dxd8+ nebst bxc3 hätte Weiß einen kranken c-Bauern in einer offenen Linie zu pflegen) 8… Sc6 9. a3 (oder 9. Lb5 Ld7) 9… Da5! mit Ausgleich.) (Oder 7. Sxd5 exd5 8. e4 dxe4! 9. Dxd8+ Kxd8 10. Sg5 Lb4+ 11. Ld2 Lxd2+ 12. Kxd2 Ke7 mit gleichstehendem Spiel.) (Der sich mit Entwicklungsproblemen befassende Lernende prüfe die Variante 7. Sxd5 exd5 8. e4 Sc6 (statt des von uns angegebenen 8. ... dxe4!). Nach 9. Dxd5 Dxd5 10. exd5 Sb4 käme 11. Lb5+ und Schwarz wäre um eine gute Fortsetzung verlegen.) 7… Sc6 8. Lb5 Ld7 9. Lxc6 Lxc6 10. Se5 Sxc3 11. Sxc6 Dxd4 12. Sxd4 Sd5 13. Ld2 Die hier abgebildete Stellung ist bei aller scheinbaren Harmlosigkeit voller Gift. Weiß droht die c-Linie zu besetzen, außerdem verfügt er über ein bequemes Feld für den König (e2), während letzteres für den Schwarzen nur in eingeschränktem Maße der Fall ist (vergl. Anmerkung zum 17. Zuge von Schwarz). In solchen Stellungen muss der Verteidiger äußerst vorsichtig spielen. 13… Lc5 (Um den Springer aus dem Zentrum zu entfernen; da derselbe aber nach b3 wandert, um c5 zu einem Vorpostenpunkt zu "krönen", so erweist sich 13. ... Bc5 als angenehm für Weiß. Am besten erscheint 13. ... Be7 mit der Absicht Bf6, z. B. 13… Le7 14. e4 Sb6 15. Tc1 O-O 16. Ke2 nun ist Weiß zwar voller Stolz über seinen entwickelten König, indes die schwarze Majestät kann in diesem Falle auf Entwicklung verzichten, denn der Be7 ist ein schlauer Minister, der die Regierungs-Geschäfte aus eigener Kraft zu führen vermag, z. B. 16. Ke2 16… Lf6! 17. Le3 Tfc8 18. b3 Lxd4 19. Lxd4 und nun 19… Sd7 (oder auch 19… Txc1 (statt Nd7) 20. Txc1 Tc8 21. Txc8+ Sxc8 22. Kd3 . Nun kommt zwar die weiße Majestät zur Geltung, es ist aber fraglich, ob die schwarze nicht nachkommt, 22… f6 23. Kc4 Kf7 24. Kb5 a6+! (sonst Läuferopfer) 25. Kc5 Ke7 nebst Kd7 mit Remisschluss. Demnach war 13. ... Be7 die richtige Verteidigung.)) 14. Sb3 Lb4 (Hier war 14. ... Bb6 oder auch 14. ... Be7 entschieden besser. Bb6 hätte c7 gegen Einbruch gesichert und das ist ja im Falle der Verteidigung das gebotene Mittel! Nach 14… Lb6 15. e4 Se7! wäre der weiße Vorteil minimal.) 15. Tc1 Td8 16. Lxb4 Sxb4 17. Ke2 Ke7 Schwarz hat für den König ein Feld gesäubert, aber die kostbare Zeit! (Bf8-c5-b4). 18. Tc4 Sa6 (Ein unangenehmer Rückzug. Auf 18… Sc6 wäre nicht 19. Sc5 gefolgt, wegen der Antwort 19… Sa5! nebst b6!, sondern vielmehr zunächst Turmverdopplung. Schwarz würde ungünstig stehen.) 19. Thc1 Td7 Die schwarze Stellung macht noch einen ganz vertrauenerweckenden Eindruck, nun, da sie bereits den Todeskeim in sich trägt. Die nächsten 2 Züge des Anziehenden degradieren die schwarze d-Linie zu einer passiven, d.h. sie nehmen ihr jeden Angriffswert. 20. f4! Thd8 21. Sd4 f6 Schwarz beabsichtigt e6-e5. Ist das eine Drohung? Falls nicht der Fall, so finde der Lernende für Weiß einen vernünftigen Wartezug! 22. a4! (Auch ein Doppelschritt eines Bauern kann abwartende Politik enthalten. Weiß fürchtet den Zug e5 keineswegs, denn nach 22. a4 e5 23. fxe5 fxe5 24. Sf3 wäre e5 schwach.) (In Betracht kam jedoch das energische 22. b4 , wäre aber wegen 22… b5! weniger vorteilhaft. Nun aber droht dieser Zug (b2-b4), den Schwarzen weiter einzuengen.) 22… e5 Das Losschlagen ist in gedrückten Stellungen psychologisch erklärlich, wenn auch nicht immer in gleichem Maße objektiv berechtigt. So auch hier. Allerdings steht Schwarz in jedem Falle schlecht. 23. fxe5 fxe5 24. Sf3 Ke6 25. b4 b6 26. T1c2! Einer von diesen unscheinbaren Zügen, die für den eingeengten, überall umdrohten Gegner unangenehmer sind, als der schlimmste direkte Angriff. Der Zug ist "deckend" und "abwartend", auch enthält er einige Drohwirkung, aber nach Lage der Dinge ist letztere nur minimal, denn die Drohwirkung als solche war ja hier Nebensache. Die (geringfügige) Drohung ist Ng5+ nebst Ne4, sodann b4-b5 nebst Zurückwerfen des Springers nach b8. 26… h6 27. h4! Td6 28. h5 Als Folge von 26. Rc2 haben sich nun ganz neue Angriffsmöglichkeiten ergeben, g7 ist nämlich rückständig geworden. Das Manöver Rc4-g4 würde aber nicht allein die Schwäche des g-Bauern als solche markieren helfen, sondern vielmehr auch den schwarzen König in eine äußerst fatale Situation versetzen. Alle diese Möglichkeiten fielen dem Weißen wie eine reife Frucht in den Schoß, einzig und allein als logische (oder psychologische) Folge des Wartezuges 26. Rc2. Die feinsten Züge sind eben doch die Wartezüge! 28… Td5 29. Tg4 T5d7 30. Tc6+ Td6 (Auf 30… Kf5? 31. Tcg6 mit Matt.) (Auf 30… Kd5 31. Tcg6 e4! wäre 32. Sd2 Sxb4 33. Sxe4 die für Weiß vorteilhafte Folge.) 31. Tg6+ Der Besitz der Punkte c6 und g6 gewährleistet eine tadellose Umfassung des gegnerischen Königs. Man beachte die sprungbrettartige Ausnützung der c-Linie (Rc-c4-g4). 31… Ke7 (Auf 31. ... Kd5 käme eine niedliche Katastrophe: 31… Kd5 32. Tcxd6+ Txd6 33. e4+! Kc6 34. b5+ und der Springer, der sich auf a6 so geborgen gefühlt hat, geht zu seiner eigenen Überraschung verloren!) 32. Txg7+ Kf8 33. Txd6 Txd6 34. Txa7 Sxb4 35. Sxe5 Te6 Weiß gewinnt. Ein Übergewicht an Material zur Geltung zu bringen gehört zu den wichtigsten Dingen und hierin kann der Lernende sich nicht genug trainieren. Weiß hat nun 2 Bauern gewonnen. Ein Blick auf die Stellung zeigt I. dass die 7. Reihe in weißem Besitz ist; II. dass e3 isoliert und g2 rückständig sind. Also gilt es, unter Verwertung der 7. Reihe die isolierten bzw. dislozierten Truppenteile zusammenzuschweißen (zu vereinen). Zu diesem Zwecke wird der Springer mit Tempogewinn nach f5 dirigiert. 36. Sg6+ Kg8! 37. Se7+ Kf8 38. Sf5 Sd5 39. g4 Die Springerstellung f5 wirkt wie oben erläutert, sie deckt e3, greift h6 an und gestattet Kf3 (König versteckt sich hinter dem Pferde, er ist so ängstlich). 39… Sf4+ 40. Kf3 Sd3 Um auf Rh7 mittels Ne5+ nebst Nf7 zu decken. 41. Ta8+! Kf7 42. Th8 Sc5 43. Th7+ On revient toujours à sa première amour! Es lebe die 7. Reihe! 43… Kg8 (Denn 43… Kf8 44. Sxh6 ergäbe Mattangriff, resp. das Vorrücken des g-Bauern wäre unaufhaltbar.) 44. Txh6 Txh6 45. Sxh6+ Kf8 46. Sf5 Sxa4 47. h6 Kg8 48. g5 Kh7 49. Kg4 Sc5 50. Kh5 Nach dem Motto: Das Ganze voran (siehe im späteren Kapitel über das Endspiel). 50… Se6 51. g6+ Kg8 52. h7+ Kh8 53. Kh6 Aufgegeben. 1–0
Die nun folgende Partie Nr. 11 bringt uns das „eingeschränkte Vorrücken“ in einer Turmlinie, wobei letzteres nicht etwa sporadisch auftritt, wie ein Wetterleuchten, sondern vielmehr dauernd das Feld beherrscht. Der Lernende möge hieraus ersehen, wie eng die „Elemente“ mit der höheren Spieltechnik verbunden sind. Die tiefgründige Kenntnis der Elemente bedeutet mehr als den halben Weg zur Meisterschaft.
1. e4 Sf6 2. d3 c5 3. f4 Sc6 4. Sf3 g6 5. Le2 Lg7 6. Sbd2 d5 7. O-O O-O 8. Kh1 b6 9. exd5 Dxd5 10. De1 Lb7 11. Sc4 Diese Springerstellung bildet den (mageren) Trost für die unharmonisch aufgebaute Stellung (Be2). Schwarz steht ganz überlegen. Weiß hätte im 5. Zuge oder noch eher c2-c4 spielen müssen. 11… Sd4 Vorposten in der d-Linie. 12. Se3 De6 13. Ld1 Sd5 14. Sxd4 cxd4 15. Sxd5 Dxd5 16. Lf3 Dd7 17. Lxb7 Dxb7 Weiß hat seine Stellung durch Abtausch erleichtert, aber die offene c-Linie erzwingt den nächsten lockernden Zug. 18. c4 dxc3 19. bxc3 Tac8 20. Lb2 Tfd8 21. Tf3 Lf6 22. d4
Damit ist eine aus dem Damengambit wohlbekannte Stellung mit vertauschten Farben erreicht, man vergl. folgenden Anfang einer Beratungspartie Nimzowitsch gegen Prof. Kudrjawzew und Dr. Landau, Dorpat 1910:
1. d4 d5 2. Sf3 Sf6 3. c4 e6 4. Sc3 c5 5. cxd5 exd5 6. Lg5 cxd4 7. Sxd4 Le7 8. e3 O-O 9. Le2 Sc6 10. Sxc6 bxc6 nun ist die gleiche Bauernkonfiguration mit vertauschten Farben entstanden wie in Thomas-Aljechin. Es folgte 11. O-O Le6 12. Tc1 Tb8 13. Dc2 Ld7 14. Tfd1 "Es ist nun das bekannte Thema des isolierten Bauernpaares c6, d5 zur Diskussion" A. N. im D.W. 1910, Seite 460. 14… Se8 15. Lxe7 Dxe7 16. Sa4 Sf6 17. Sc5 Tb6 18. Td4! Tfb8 19. b3 Le8 20. Ld3 h6 21. Dc3 Ld7 22. Ta4 mit bedeutendem Positionsvorteil. 22… Ta8 23. Dd4 Se8 24. Ta5 Sc7 25. Da4 Sb5 26. Lxb5 cxb5 27. Dd4 Lc6 28. b4 Tab8 29. Sb3 f6 30. Dc5 Dxc5 31. Sxc5 Ta8 32. Tc3 Te8 33. Txa7 d4 34. Td3 dxe3 35. Txe3 Txe3 36. fxe3 Ld5 37. a3 Lc4 38. Kf2 Td6 39. Td7 Txd7 40. Sxd7 Kf7 41. Sb6 Lb3 42. Kf3 Ke6 43. Ke4 Kd6 44. Kd4 Le6 45. a4 Kc6 46. a5 h5 47. e4 f5 48. exf5 Lxf5 49. Sd5 Kb7 50. Kc5 Ld7 51. h4 Lc6 52. Sc3 Lxg2 53. Kxb5 1–0
Wir kehren nun wieder zur Aljechinpartie zurück.
1. e4 Sf6 2. d3 c5 3. f4 Sc6 4. Sf3 g6 5. Le2 Lg7 6. Sbd2 d5 7. O-O O-O 8. Kh1 b6 9. exd5 Dxd5 10. De1 Lb7 11. Sc4 Diese Springerstellung bildet den (mageren) Trost für die unharmonisch aufgebaute Stellung (Be2). Schwarz steht ganz überlegen. Weiß hätte im 5. Zuge oder noch eher c2-c4 spielen müssen. 11… Sd4 Vorposten in der d-Linie. 12. Se3 De6 13. Ld1 Sd5 14. Sxd4 cxd4 15. Sxd5 Dxd5 16. Lf3 Dd7 17. Lxb7 Dxb7 Weiß hat seine Stellung durch Abtausch erleichtert, aber die offene c-Linie erzwingt den nächsten lockernden Zug. 18. c4 dxc3 19. bxc3 Tac8 20. Lb2 Tfd8 21. Tf3 Lf6 22. d4 Dd5 23. De3 Db5 24. Dd2 Td5 25. h3 e6 26. Te1 Da4 27. Ta1 b5 28. Dd1 Tc4 Das eingeschränkte Vorrücken oder auch die c-Linie als Sprungbrett zur a-Linie hin, siehe Abschnitt 5, Seite ... . Man beachte die Gleichheit der Manöver in der vorgeführten und der Beratungspartie. 29. Db3 Td6 30. Kh2 Ta6 Auch die d-Linie wird sprungbrettartig ausgenützt. 31. Tff1 Le7 32. Kh1 Tcc6 Sehr fein! Die Umgruppierung Qc4, Raa4 und Rca6 wird geplant. 33. Tfe1 Lh4 34. Tf1 (Weiß darf nicht durch etwaiges Re5 seine eigene Basis schwächen, z. B. 34. Te5? Dxb3 35. axb3 Txa1+ 36. Lxa1 Ta6 37. Lb2 Ta2 und Schwarz gewinnt.) 34… Dc4! 35. Dxc4 Txc4 Der Abtausch ist Wasser auf die Mühle des Schwarzen, denn nun ist a2 recht schwach geworden. Der Lernende beachte, dass der Abtausch als Konsequenz des ruhigen Besetzens von strategisch wichtigen Punkten, fast möchte ich sagen automatisch entstanden ist. Der Anfänger sucht den Abtausch auf andere Weise zu erreichen: er verfolgt die Figur, die ihn lockt, mit (Abtausch-) Anträgen und holt sich - einen Korb; der Meister besetzt die starken Punkte, und der wünschenswert erscheinende Abtausch fällt ihm wie eine reife Frucht in den Schoß. Siehe 6. Kapitel. 36. a3 Le7 37. Tfb1 Ld6 38. g3 Kf8 39. Kg2 Ke7 Zentralisieren des Königs siehe 5. Kapitel. 40. Kf2 Kd7 41. Ke2 Kc6 42. Ta2 Tca4 43. Tba1 Kd5 Die Zentralisierung ist vollendet. 44. Kd3 T6a5 45. Lc1 a6 46. Lb2 h5 Ein neuer Angriff und doch die logische Folge des Spiels am äußersten Damenflügel: denn die weißen Türme sind an den a-Bauern gekettet, und selbst wenn wir annehmen wollten, dass die schwarzen Türme von ähnlicher Unbeweglichkeit seien (was übrigens nicht voll zutrifft, denn die letztgenannten können über c4 ins Spiel gebracht werden, etwa zum Angriff gegen c3), so bleibt doch als unzweifelhaftes Plus die unternehmendere Königsstellung des Schwarzen übrig. Und dass erwähntes Plus überhaupt ins Gewicht fallen könne (denn bei beweglichen gegnerischen Türmen wäre dieser Vorteil beinahe illusorisch), haben wir eben hinwiederum nur dem Umstande zu verdanken, dass die weißen Türme, als Folge der schwarzen Diversion, an Atemnot litten. So hat also der Angriff am äußersten Flügel die Bedeutung der größeren Beweglichkeit des eigenen Königs in der Mitte nicht unwesentlich erhöht. Der strategische Kontakt zwischen den zwei anscheinend getrennten Kriegsschauplätzen ist somit klar erwiesen, und ebenso verhält es sich hier mit dem Königsflügel: h7-h5 soll h3-h4 provozieren helfen, damit dann e6-e5 wuchtig wirken (g3 wird bloßgelegt) kann. Ein im strategischen Sinne sehr lehrreicher Fall, der hiermit dem Lernenden zum Studium empfohlen sei. 47. h4 f6 48. Lc1 e5 Der die gegnerische Niederlage besiegelnde Durchbruch. 49. fxe5 fxe5 50. Lb2 exd4 51. cxd4 b4! So naheliegend dieser Zug auch ist, so muss es jeden Kenner entzücken zu sehen, dass der Durchbruch nichts anderes wollte als die Beseitigung des störenden c3. Dieses Sich-bescheiden-können ist des Meisters schönste Zierde! 52. axb4 Txa2 53. bxa5 Txb2 Aufgegeben. 0–1
Das „eingeschränkte Vorgehen“ ward hier virtuos durchgeführt.
Damit verabschieden wir uns von der offenen Linie und widmen uns den Freibauern.