Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 105

Rubinstein, Akiba – Nimzowitsch, AaronIII. internationales Schachmeisterturnier, Karlsbad, 13. Mai 1923

1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 d5 Diese hier zuerst angewandte Neuerung führt zu schwierigen Stellungen und ist somit nur demjenigen zu empfehlen, der nicht nur "einen einzigen streng korrekten" Weg zu kennen glaubt, nämlich den der breiten Landstraße. Eine Bergtour, die zwar über Abgründe führt, aber andererseits auch herrliche Ausblicke eröffnet, ist selbstverständlich nichts für solche zahme Seelen. 5. exd5 (Wegen der hier möglichen Hauptvariante 5. Lb5 dxe4! vergleiche unsere Nr. 44.) (Dr. Lasker empfiehlt an dieser Stelle übrigens 5. Sxc6 bxc6 6. exd5 Dxd5 7. Sc3 Dxd1+ 8. Sxd1 doch scheint uns der so erreichte weiße Endspielvorteil problematischer Natur zu sein.) 5… Dxd5 6. Le3 e6! (Schlecht wäre 6… e5 wegen der Antwort 7. Sb5 Schwarz braucht das Feld e5 für die Dame. Hätte Schwarz seinen a-Bauern bereits auf a6, was bei weißem Sicilianer zu erreichen wäre, so erschiene e7-e5 zwar zulässig, wäre aber doch nicht geeignet, dem Nachziehenden ein leichtes oder bequemes Spiel zu sichern: die Partie ist eben auf heroische Verteidigung, nicht aber auf bequemes Schiebeschach eingestellt. Man vergleiche folgenden Anfang einer im Juli 1928 von uns gegen Norman-Hansen (Schwarz) gespielten Partie: 1. c4 e5 2. a3 (Weiß spielt nun einen Sicilianer mit einem Tempo mehr) 2. ... Nf6 3. Nc3 d5 4. cxd5 Nxd5 5. d4 exd4 6. Qxd4 Be6 7. e4 Nc6 8. Bb5 Ne7! 9. Nge2 a6 10. Ba4 b5! 11. Qxd8 Rxd8 12. Bc2 Ne5 (auch Na5 kam in Frage) und Schwarz erhielt etwas Spielraum in der Brettmitte. Der "energische" Vorstoß 7. e4 wäre eben besser durch das zurückhaltende 7. e3! zu ersetzen gewesen, zum Beispiel: 7. ... Nc6 8. Bb5. Falls nun Ne7, so 9. Qe4!. Ja, selbst bei 9. Nf3 (statt 9. Qe4) stände Weiß nach den weiteren Zügen 9. ... a6 10. Ba4 b5 11. Qxd8 Rxd8 12. Bc2 besser (weil fester) als in der Partie. Der leichtbeschwingte Vorstoß e2-e4 (bzw. e5 bei schwarzem Sicilianer) scheint eben nicht recht in die schwerblütige Partieanlage hineinpassen zu wollen.) 7. Sc3 Lb4 8. Sb5 (Hier kam 8. Le2 Sge7 (8… Dxg2? 9. Lf3) 9. O-O in Frage.) 8… De5! Die Lichtseite des zurückhaltenden 6. ... e6 tritt nun zutage. 9. a3 Lxc3+! (Gut genug wäre auch der Rückzug nach e7, zum Beispiel: 9… Le7 10. Le2 a6 11. Sd4 Sf6 mit der Absicht 0-0 und Rd8. Aber die gewählte Fortsetzung ist u. E. folgerichtiger, denn der "schwarzfeldrig" betonte Sturm, den der Gegner nun einzuleiten in der Lage ist, muss auszuhalten sein, und andererseits würde das Vermeidenwollen von Komplikationen im Widerspruch zu der ganzen Partieanlage stehen. Es kommt nun zu einem furchtbaren Ringen.) 10. bxc3!? (Nach 10. Sxc3 Sf6 hätte Weiß die zwei Läufer, aber der Nachziehende wäre besser zentralisiert. Die Textfolge ermöglicht das Eindringen nach d6, allerdings auf Kosten eines Bauern.) 10… a6 11. Sd6+ Ke7 12. Sc4 Dxc3+ 13. Ld2 Dd4 Um 14. Bb4+ durch Nxb4! zu parieren. 14. Ld3 b5 Um den Springer von den "schwarzen" Punkten wegzubringen; gleichzeitig wird eine weißfeldrig betonte Gegenaktion (Bb7) in die Wege geleitet. 15. Sa5 De5+ 16. Le2 Sxa5 17. Lxa5 Lb7 Um auf 18. 0-0 mittels Qd5 den Damentausch zu erzwingen. 18. f3 Sf6 Endlich hat Schwarz Zeit und Muße gefunden, den armen Springer zu entwickeln: die sich dem letzteren auf d5 und e3 nun bietenden Möglichkeiten entschädigen aber reichlich für die lange Wartezeit. 19. Lb4+ Ke8 Le Roi s'amuse! 20. O-O Td8 21. Ld3 Sd5 22. La5 Td7 23. Te1 Dd4+ "Die schwarze Dame hat immer einen Ausweg mit Schachgebot", vermerkt das Kongressbuch staunend. (!) 24. Kh1 Sf4 Um die "zwei Läufer" aus der Welt zu schaffen. Dass dieses möglich wurde, ist der intensiv betriebenen Zentralisierung zu verdanken. 25. Dd2 Sxd3 26. cxd3 h5! Mit einem Turm weniger im Spiel muss Schwarz auf den Bauer d3 vorderhand noch dankend verzichten: er plant stattdessen das Manöver h4 nebst Rh8-h5-d5 oder auch Rh8-h6-g6. 27. Tac1 Th6 28. Lc3 (Hier wäre 28. Te3 (nebst Rce1) eher am Platze gewesen, denn erstens ist der Bauer d3 weniger tabu als Weiß - etwas allzu optimistisch - anzunehmen scheint, und zweitens würde so der Entwicklung f6 nebst Kf7 vorgebeugt worden sein.) 28… Dxd3! 29. Df4 Dd6 30. Dg5? (Ein antiprophylaktischer Zug, der das vom Gegner geplante f6 nebst Kf7 geradezu begünstigt, vergleiche die vorige Note. 30. De3 wäre am Platze gewesen.) 30… f6 31. De3 e5 32. Lb4 Er ist immer noch von schwarzfeldriger Bosheit erfüllt. 32… Dd4 33. Db3 Dd5 34. Dc2 Dd3 35. Dc5 Kf7 36. Tc2 Th8 Womit Schwarz endlich zu einer Vollentwicklung seiner Streitkräfte gelangt. 37. Td2 Df5 38. Txd7+ Dxd7 39. Dc2! Lc8! (Auf 39… Tc8 wäre 40. Dh7 gefolgt.) 40. Td1 Df5 Die Verteidigung verläuft naturgemäß weißfeldrig. 41. Dc7+ Kg6 42. h3 Te8 43. Tc1 Df4 44. Tc6 Lf5 Drohend Rec8. 45. Dd6 h4 (Stärker als 45… Te6) 46. Ld2 Dg3 47. Tc3 a5! Ein "Staatsstreich": er opfert den ganzen Mehrbesitz, erhält aber einen kombinierten Angriff an beiden Flügeln zugleich, vergleiche die nächste Note. 48. f4 Df2 49. Tf3 De2 50. fxe5 Txe5 51. Tf4 b4! 52. axb4 a4 53. Txh4 a3 54. Kh2 a2 Weiß ist natürlich unrettbar verloren, auf der einen Seite hat er einen Freibauern zu zähmen, auf der anderen aber sieht er sich einem Mattangriff gegenübergestellt. Der Rest ist aber noch recht interessant. 55. Lc3 De3 56. Lb2 (56. Lxe5? Dxe5+ 57. Dxe5 fxe5 und der a-Bauer geht zur Dame.) 56… De1 57. Dd4 Te3 Drohend Qg3+ usw. 58. Df4 Te4 59. Dg3+ Dxg3+ 60. Kxg3 Te2 61. Ld4 Td2 Aufgegeben. (Denn es könnte folgen 61… Td2 62. La1 Td1 63. Lb2 Tb1 64. Ld4 Tb3+ nebst Rxb4 und Rxd4 und a1Q. Das Unglück für Weiß (in der Schlussphase) bestand darin, dass er für den eroberten h-Bauern einen allzuhohen Preis - in Form eines deplacierten Turmes - zu zahlen hatte. An der Partie selbst sind die schwarzen Damenzüge beachtlich: anscheinend hatten sie nur der Abwehr momentan drohender Gefahren zu dienen und entbehrten somit jedes verbindenden Grundgedankens. In Wirklichkeit aber handelte es sich hierbei um eine planmäßige Ausnutzung des zur Verfügung stehenden Zentralterrains unter gleichzeitiger zielbewusster Betonung der vorhandenen weißfeldrigen Gegenchance. Also: Zentralisierung plus weißfeldriges Gegenspiel auf der einen Seite; gewaltiges, schwarzfeldrig betontes Druckspiel auf der anderen Seite. Der Sieg der schwarzen Partei darf unter solchen Umständen als Triumph der sich auf moderne Stratageme stützenden "heroischen Verteidigung" angesprochen werden.) 0–1