Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 104
1. d4 f5 2. e4 fxe4 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 b6 (eine äußerst gewagt erscheinende Neuerung. Auf das übliche 4… Sc6 ist außer 5. d5 Se5 6. Dd4 Sf7 7. Lxf6 exf6 8. Sxe4 f5! 9. Sg3 g6 10. O-O-O Lh6+ 11. Kb1 O-O 12. Sf3! noch folgende nie versuchte Spielweise beachtenswert:) (( 4… Sc6 )? 5. Lxf6! exf6 6. a3! f5 7. Lc4 Se7 8. d5 und Weiß ist bereit, die nach allfälligem d7-d6 auf e6 auftauchende Schwäche nach Gebühr auszunutzen.) 5. Lc4 (viel besser erscheint hier die in der vorigen Note skizzierte Abwicklung: 5. Lxf6! exf6 6. a3! mit ernstlichen Schwierigkeiten für Schwarz) 5… e6 6. Lxf6 Dxf6 7. Sxe4 De7! (Nur wenige Züge sind geschehen, und schon bietet die Stellung eine Fülle von phantasievollen Möglichkeiten. Man betrachte beispielsweise die folgenden Varianten: 7… Dg6 8. Df3 Lb7! (nicht 8… d5 wegen 9. Ld3!) 9. Sd6+? Lxd6 10. Dxb7 O-O 11. Dxa8 Sc6 nebst Qxg2) (oder 7… Dg6 8. Df3 Lb7 9. Sf6+ Dxf6 10. Dxb7 Dxd4 11. Dxa8 Lb4+ 12. c3 Lxc3+ 13. Kf1 O-O und Schwarz muss gewinnen) (oder schließlich 7… Dg6 8. Df3 Lb7 9. Ld3! Lb4+ 10. c3 Tf8 11. Sd6+ Ke7 12. Sxb7 Txf3 13. Lxg6 Txc3 14. Ke2 Tc4 15. Ld3 Txd4 16. a3 und Weiß sollte gewinnen. Der Versuch 7. Qg6 hätte somit übrigens zum schwarzen Nachteil geführt.) 8. Ld3 Sc6 9. c3 Lb7 10. Sf3 O-O-O (Nun hat Schwarz glücklich eine Stellung erreicht, die nach landläufiger Auffassung nicht als verteidigungsfähig gilt. Doch ist die landläufige Auffassung nicht immer richtig. So gelten beispielsweise nur sehr wenige Stellungen als verteidigungsfähig, während doch in Wirklichkeit der größte Teil aller Positionen noch zu halten ist. Übrigens scheint an dieser Stelle auch 10. d5 nebst e5 möglich gewesen zu sein, zum Beispiel: 10… d5 11. Seg5 e5 12. dxe5 Sxe5 13. O-O Sxf3+ 14. Sxf3 O-O-O doch behielte Schwarz hierbei gewisse Schwächen in der e-Linie und den weißfeldrigen Punkten, zum Beispiel nach 15. Da4 Kb8 16. Tae1 Df6 17. Se5 Ein solches Resultat darf nicht verwundern, pflegt doch der plötzliche Übergang in die offene Partie nur selten reibungslos zu verlaufen.) 11. O-O Tg8! (Der Idee nach eine Zentralaktion, denn die Meinung ist: g7-g5-g4 nebst Entlastung des Punktes e5. In Betracht kam stattdessen wiederum die "Befreiung" durch 11… d5 12. Sg3 e5 dies wäre aber wegen 13. Sxe5 Sxe5 14. Te1 ein Fehler.) (Spielbar wäre indes folgende so ziemlich außerhalb der modernen Schulweisheit liegende Variante: 11… d5 12. Sg3 h5 13. h4 und nun 13… e5 da das vorhin erwähnte Schlagen auf e5 (Nxe5) nun scheitert (Bauer h4 hängt).) 12. De2 Kb8 13. a4 (Vielleicht hätte 13. La6 den Vorzug verdient, der Bauernsturm wäre ja nicht davongelaufen.) 13… a5 Der durch Ba6 nicht blockierte Bauer dokumentiert seine Beweglichkeit. 14. Tfb1 g5 15. b4 d5 Im richtigen Moment, da der Springer e4 nicht mehr nach dem günstigen Felde d2 darf. 16. Sg3 (Falls nämlich 16. Sed2 so 16… axb4 und das geplante 17. a5 ist wegen 17… bxc3 mit Angriff auf Nd2 nicht mehr angängig.) 16… axb4 17. a5! g4 18. Se5 Sxe5 19. dxe5 c5! 20. cxb4 (Durch 20. a5xb6 konnte nun Weiß die vom Gegner beabsichtigte bemerkenswerte Zugfolge erzwingen: 20. axb6 c4 21. cxb4! Tc8! (die Öffnung der c-Linie durch c4xd3 wäre für Schwarz verhängnisvoll, zum Beispiel: 21… cxd3? 22. Da2! usw.) 22. Da2 Tc6 23. Da7+ Kc8 24. b5 Tc5!! Eine solche Turmumstellung gehört nicht zu den alltäglichen! Die somit entstandene Stellung ist voller Spannung, gewaltige Angriffe prallen an ebenso kolossalen Verteidigungsressourcen wirkungslos ab, die Stellung ist durchaus heroischer Natur. Zur Illustration geben wir: 25. Le2 Lg7 26. Lxg4 Lxe5 27. Te1 Txg4 28. Txe5 c3 29. Sf5 Dd7 30. Da3 Tgc4 31. Se3 Dxb5 32. Sxc4 Dxc4 33. Txe6 c2 34. Tee1 und Weiß dürfte gewinnen. Schwarz kann indes besser spielen: 25. Be2 Bg7 26. Bxg4 Bxe5 27. Rbe1 d5-d4 mit gewaltigen Verwicklungen. In der Partie geschah indes:) 20… cxb4 21. Tc1 (Auf 21. axb6 wäre einfach 21… Dc5 erfolgt.) 21… Lh6 22. Tcb1 Dc5 23. axb6 Dxb6 24. Ta4 Lf8 25. Sh5 Der Springer droht, sich auf f6 festzusetzen. 25… Lc5 26. Sf6 Tg7 27. Lb5 Lc8 28. Tba1 Lb7 Schwarz wird immerzu "geplagt". 29. Kh1 (Weiß, der die Partie mit bemerkenswertem Elan geführt, hätte statt des Textzuges wiederum 29. Tb1 wählen sollen.) 29… Ld4! 30. Tb1 Lc3 31. Se8 Tg5 32. Df1 Txe5 33. Sf6! Dd6 34. Sxg4 Tg5 35. f3 Tdg8? (Indem Schwarz plötzlich zum Königsangriff bläst, wird er seinem Hauptplan (Zentrumspiel gegen Flügelangriff) vorübergehend untreu! Richtig und stilgerecht war 35… Tgg8) 36. La6! Db6 37. Dd3 Tc8 Schleunige Rückkehr der Türme ist die erzwungene Parole! 38. Lxb7 Kxb7 39. Dxh7+ Tc7 40. Dd3 Tg8 41. h3? (Besser war 41. Se3 mit den Drohungen Nd1 bzw. Nc2.) 41… Tgc8 42. Se3 Tc5 43. f4? Db5 Die Konsolidierung. 44. Dd1 Ta8! 45. Txa8 Kxa8 46. f5 Ein Fehler, aber die weiße Stellung ist sowieso unhaltbar, der Bc3 und die Freibauern sind allbeherrschend. 46… d4 47. f6 dxe3 48. Df3+ Dc6 49. Dxe3 Lxf6 50. Tf1 (Oder 50. Txb4 Tc1+ 51. Kh2 Dd6+ 52. Tf4 Le5) 50… Tc2 51. Dg3 Le5 52. Dg8+ Kb7 Weiß gibt auf. 0–1