Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 108

Nimzowitsch, Aaron – Krause, Orla HermannNordisches Meisterturnier, Kopenhagen, 15. August 1924

In dieser Partie, die durchaus keinen kombinatorischen Eindruck macht, wimmelt es geradezu von brillanten, farbensprühenden Kombinationen, nur dass diese nicht im "Text vorkommen", sondern sich froh und unbekümmert im Hintergrunde tummeln. Dem Leser aber sei das Nachspielen der in den Glossen analysierten Varianten ganz besonders ans Herz gelegt. 1. d4 f5 2. Sf3 Sf6 3. Lf4 d6 Dr. Krauses Spezialvariante, die er auch im Falle eines geschehenen 3. c4 in Anwendung zu bringen pflegt. Die Pointe liegt in dem Plane, den Vorstoß e7-e5 selbst um den Preis eines Bauernopfers durchsetzen zu wollen. Vergleiche den 6. Zug von Schwarz. 4. e3 h6 5. h4 Um der drohenden gegnerischen Expansion - g5 und Bg7 - zuvorzukommen. 5… Sc6 6. d5 Muss, wenn überhaupt, unverzüglich geschehen. Ein Zuwarten, etwa durch 6. c4 oder Nbd2, würde nämlich 6. ... Ng4 zur Folge haben, und dann würden die mit 7. d5 e5 beginnenden Wendungen für Weiß weniger günstig sein als im Text (denn "Ng4" würde ein wertvolles Tempo mehr für Schwarz bedeuten). 6… e5 Das Krausesche Rezept, das aber hier nicht völlig auszureichen scheint. 7. dxc6 exf4 8. Lb5 (Nicht aber 8. cxb7 Lxb7 9. exf4 De7+ 10. Le2 Lxf3 und die f-Bauern werden tripliert.) 8… b6 (Als besser empfiehlt Dr. Krause den Zug 8… Kf7 Darauf wäre, wie es scheint, in der Tat sowohl 9. exf4 De7+ (nicht 9… De8+ wegen 10. Se5+! dxe5 11. cxb7 und gewinnt) 10. De2 Dxe2+ 11. Kxe2 bxc6 12. Lxc6 Tb8 als auch 9. 0-0 für Weiß ungünstig.) (Zum Beispiel: 8… Kf7 9. O-O fxe3 10. Se5+ Kg8 11. fxe3 De7! 12. Sg6 Dxe3+ 13. Kh1 Dg3 14. Sxh8 Sg4 und gewinnt.) (Dagegen würde der anspruchslose Zentralisierungszug 9. Qd4 zu einem für Weiß überlegenen Spiel führen, man prüfe: 8… Kf7 9. Dd4 fxe3 10. fxe3 d5 11. Se5+ Kg8 12. Sd2 b6 13. b4 (um Bc5 zu verhindern), und Weiß steht klar überlegen. Man beachte hierbei, wie beschwichtigend der Zug Qd4 auf das kombinatorisch bewegte Brett gewirkt hat! Die Beimischung von Positionszügen dürfte überhaupt für die moderne Kombination recht bezeichnend sein.) 9. exf4 d5! 10. O-O Lc5 11. g3 Se4 12. Kg2 g5 (Wohl die beste, jedenfalls aber die schärfste Chance. In Betracht kam auch 12… Dd6 . Die Folge wäre dann etwa 13. Se5? (oder 13. c3! a5 14. Sd4 und Weiß steht überlegen.) 13… Le6 14. f3 Sf6 mit der Drohung d4 nebst Nf6-d5-e3.) 13. Se5! O-O! (Fehlerhaft wäre natürlich 13… g4? 14. Sd7 d4 15. b4 Lxb4 16. Dxd4 und Weiß gewinnt eine Figur. Nach dem Textzug ist die kritische Stellung erreicht.) 14. hxg5! (Der logische Zug: da sofortiges 14. Dh5 an der pikanten Antwort 14… De8 15. Dxh6? Tf6 scheitern würde, so soll Qh5 durch den Rh1 gedeckt werden, also) (14. hxg5 hxg5 15. Dh5 De8 16. Th1) (Zu außerordentlich lebhaften Spielen würde aber der unlogische Zug 14. f3 (= positionswidrige Verbauung der wichtigen Diagonale d1-h5) geführt haben: 14. f3 Sd6! 15. Dxd5+ Kh7 16. hxg5! (16. Sc3 Sxb5 17. Dxd8 Txd8 18. Sxb5 Td2+ ergibt für Weiß nur Remis) 16… Sxb5 17. Sc3! Sxc3? 18. Th1! und gewinnt, zum Beispiel: 18… Df6 (es drohte Matt in drei Zügen) 19. gxf6 Sxd5 20. Txh6+ nebst Matt in wenigen Zügen.) (Nach 14. f3 Sd6 15. Dxd5+ Kh7 16. hxg5 Sxb5 17. Sc3 konnte Schwarz statt Nxc3 die Damen tauschen, 17… Dxd5 18. Sxd5 . Die Stellung wäre dann schwierig, so würde zum Beispiel: 18… hxg5 wegen 19. Th1+ Kg7 20. Th5 zu einem Überhandnehmen des feindlichen Angriffs führen,) (aber mit ( 14. f3 Sd6 15. Dxd5+ Kh7 16. hxg5 Sxb5 17. Sc3 Dxd5 18. Sxd5 ) 18… Th8! wäre zäher Widerstand zu organisieren, zum Beispiel: 19. a4 (19. Sf7? Le6! 20. Sxh8 Lxd5 usw.) 19… Sd4 20. Sxc7 Tb8 21. Th1 Kg7 22. gxh6+ Kh7 (aber nicht 22… Txh6 wegen des Zwischenschachs auf e8 Turmtausch und Matt, also 23. Se8+ Kh7 24. Txh6+ Kxh6 25. Th1#) 23. Sd5 Tf8 (es drohte Matt) 24. c3 und der weiße Gewinn erfordert noch zähe Arbeit. Der logische Textzug war somit vorzuziehen, was natürlich nicht überraschen darf, denn auch in phantastischen Stellungen waltet der Logos seines Amtes.) 14… hxg5 15. Dh5 Df6 16. f3! Macht dem Spuk ein Ende! (Weiß fürchtet sich nicht vor dem Gespenst 16. f3 gxf4 17. fxe4 Dxe5 denn dann würde einfach 18. Sc3! folgen, und der weiße e-Bauer ist tabu! Auf 18… Tf7 , was von einigen als ausreichend erachtet wurde, wäre dann 19. Txf4 geschehen; nun muss Schwarz seinen Trumpf Rh7 bescheidentlich zurückhalten, denn 19… Th7 hätte die Katastrophe 20. Tg4+ Kh8 21. Dxh7+ heraufbeschworen.) (Er hätte also nichts Besseres als den Entwicklungszug 19. ... Be6! Der Gewinn wäre dann durch folgendes studienartige Manöver zu erzwingen: 16. f3 gxf4 17. fxe4 Dxe5 18. Sc3 Tf7 19. Txf4 Le6 20. exf5 Lxf5 21. Th1 (drohend Rxf5!) 21… Le4+ Schwarz muss nun zu vereinfachen suchen! 22. Sxe4 Dxh5 23. Txh5 Txf4 24. Sxc5 Tb4 25. Sa6 Txb5 26. b4!! und gewinnt, (keineswegs aber 26. Sxc7? weil 26… Txb2 27. Sxa8 Txc2+ 28. Kf3 Txc6 mit Eroberung des Springers zum Remis geführt hätte.)) 16… Sd6 17. Sc3 Le6 18. fxg5! Dxe5 19. Dg6+ Dg7 20. Dxe6+ Df7 21. Dxf7+ Kxf7 22. Ld3 Ld4 (Auf 22… d4 wäre 23. Sd5 mit der Drohung b4 gefolgt.) 23. Sxd5 Lxb2 24. Tae1 Tae8 25. Sxc7 Txe1 26. Txe1 Tc8 27. Sd5! (Präziser als 27. Se6 Te8 28. c7 Txe6 29. Lc4 Weiß hat eine fürchterliche Pattsetzung aller schwarzen Offiziere im Auge!) 27… Txc6 28. Te7+ Aufgegeben. (Auf 28. Te7+ Kg6 würde nämlich folgen 29. Sf4+ Kxg5 30. Te6 Lf6 31. c4! und Schwarz geht an Zugzwang zugrunde. Es scheint das Schicksal dieser Partie gewesen zu sein, dass die Kombinationen nicht zur Ausführung gelangen konnten; wer wird aber behaupten wollen, dass sie nicht trotzdem den Gang der Ereignisse lebhaft beeinflusst hätten!) 1–0