Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 59
1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. Dg4 Diese von mir erfundene Spielweise liegt nur wenigen: es ist nicht jedermanns Sache, einen Bauern herzugeben, um hinterher ... nicht auf Angriff zu spielen! 4… cxd4 5. Sf3 Sc6 6. Ld3 Sge7 7. O-O Sg6 8. Te1 Dc7 9. Dg3 Was hat Weiß nach erfolgtem Bauernopfer eigentlich geleistet, wird man fragen. Die Antwort ist einfach, er hat den Punkt e5, der den Schlüsselpunkt aller kommenden Blockierungsoperationen bilden soll, trefflich gestützt und somit seinem eigenen Spiel eine Spitze gegeben. Die Idee des von Weiß gewählten Aufbaues tritt klar hervor: der Verlust des Bauern d4 ist, so sagt uns die erreichte Formation, insofern zu verschmerzen, als dessen, also des Bauern, hauptsächliche Funktion von anderen Steinen ausgefüllt erscheint. Nämlich Bauer e5, der Träger der ganzen Einengungsstrategie, bedarf nicht mehr des Schutzes durch Bauer d4, er ist durch Turm, Springer und Dame glänzend gedeckt. Ergo hat Weiß zwar einen Bauern weniger, dafür aber eine Menge Spiel mit Bauer e5 als Seele aller kommenden Operationen. Vergleiche die Note zum 6. Zuge in der vorigen Partie. Übrigens halten wir den 8. Zug des Nachziehenden für schwächlich, richtig war 8. ... Be7, dies hätte auch h2-h4-h5 unterbunden. 9… Lc5 10. h4 Weniger ein Angriffszug, als ein Versuch, Bauer e5 zu entlasten. 10… Kf8 (Besser erscheint jedenfalls 10… Ld7 zum Beispiel: 11. h5 Sge7 12. Dxg7 O-O-O obzwar dann 13. Lg5 unangenehm genug wäre.) 11. h5 Sge7 12. h6 g6 13. a3! Um eine neue Schwächung (a7-a5) hervorzurufen. 13… a5 Nun ist b5 den weißen Figuren zugänglich geworden, aber b2-b4 zuzulassen wäre noch gefährlicher gewesen. 14. Lg5 Sg8 Erzwungen, denn sonst folgt Bf6 nebst Ng5 usw. 15. Sbd2 f6 Es ist fraglich, ob dieser gewaltsame Befreiungsversuch nicht besser durch ruhiges Ausharren zu ersetzen gewesen wäre, aber es ist andererseits natürlich, dass der Belagerte Ausfälle unternimmt. Der Versuch einer aktiven Verteidigung ist erklärlich, denn auf passives Verhalten hatte Weiß unter anderen auch das Manöver Nd2-f1-h2-g4-f6 erwogen. 16. Sb3!! (Auf diesen Zwischenzug, der b7-b6 und somit eine Schwächung der Springerstellung auf c6 hervorrufen soll, bin ich, offen gesagt, einigermaßen stolz. Auf sofortiges 16. exf6 hatte ich 16… Ld6! zum Beispiel: (nicht aber den Damentausch 16… Dxg3? 17. fxg3 Ld6 18. Te2! Lxg3 19. Tf1 und Schwarz dürfte ziemlich hilflos dastehen, denn der Ng8 ist tot, es droht auch gelegentliche Linienfreimachung durch f6-f7) 17. Dh4 e5 18. Lb5 Ld7 und es war mir nicht ersichtlich, wie ich opfern könnte, denn dass so gut wie jedes Opfer bei der toten Turm- und Springerstellung des Gegners reüssieren müsste, darüber war ich mir im klaren, aber wo und wie opfern? Nein, zuerst soll, so sagte ich mir, der Nc6 entwurzelt werden, damit erst ist die Basis für ein Durchbruchsopfer, sei es auf d4 oder e5, geschaffen!) 16… b6! 17. exf6 Dxg3 (Falls statt dessen 17… Ld6 so 18. Dh4 e5 19. Lb5! (nun, bei Bauer auf b6, hat dieser Zug eine ganz andere Wirkung, als zuvor!) 19… Ld7 20. Lxc6 Lxc6 21. Lf4! exf4 22. Sbxd4 Ld7 23. Sg5 und gewinnt.) 18. fxg3 Ld6 (Auf 18… a4 hätte ich folgenden kombinatorischen Weg gewählt: 19. Sxc5 bxc5 20. f7! Kxf7 21. Lb5 Sge7 22. Se5+ Sxe5 23. Txe5 und gewinnt.) 19. Lb5 Sa7 20. Sfxd4! Kf7 (Oder 20… e5 21. Lc6 Tb8 22. Sb5 usw.) 21. c4! e5 22. cxd5 exd4 23. Le8+ Kf8 24. f7 Der Rest ist Schweigen! (Ne7 Bf6). 24… Lf5 25. Sxd4 Lc5 26. Tad1 Sb5 27. fxg8=D+ Txg8 28. Lxb5 Kf7 29. d6 Aufgegeben. Auch in dieser Partie sind die Überdecker zu Ehren gelangt. 1–0