Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 87
Die nun folgende Partie illustriert unser Stratagem an einem für die moderne Turnierpraxis besonders typischen Fall. Die Zentralsicherheit, auf die Schwarz sich bei seinen Flügeldiversionen stützt, ist nämlich gar nicht ohne weiteres als solche erkennbar; beispielsweise würde die pseudoklassische Richtung sie glatt als eine Fiktion ablehnen. Und doch weiß der hypermodern orientierte Nachziehende, sie zur Basis einer langandauernden Flügelattacke zu machen. Die Partie möge nun für sich selbst sprechen. 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 b6 4. g3 Lb7 5. Lg2 Lb4+ 6. Ld2 Lxd2+ 7. Sbxd2 c5! Schwarz hält seine Zentralstellung nach 8. dxc5 bxc5 für durchaus verteidigungsfähig. 8. O-O (Bogoljubow wählte in unserer Berliner Partie 1927 die Fortsetzung 8. dxc5 . Nach 8… bxc5 9. O-O Dc7 10. Dc2 O-O 11. Tad1 h6! [um die Umgruppierung Nf3-g5 und später Nge4 zu verhindern] 12. a3 Sc6 13. Tfe1 Tab8 14. Tb1 a5 sah er sich aber bereits dazu veranlasst, mittels 15. b3 an die Verteidigung seiner sich am Damenflügel bemerkbar machenden Schwächen zu denken.) 8… O-O 9. Db3 Dc7 10. Tfd1 h6 er lässt sich Zeit 11. De3 d6 12. dxc5 bxc5 der Bauer d6 ist natürlich, aller Rückständigkeit zum Trotz, gesund wie ein Präriebewohner! 13. Se1 Lxg2 14. Sxg2 Dc6! 15. Df3 Die schöne Zentralschräge will er ihm natürlich nicht überlassen, nun aber, nach erfolgtem Damentausch, kann der schwarze König verteidigend eingreifen. 15… Dxf3 16. Sxf3 Td8 17. Td3 Sc6 18. Tad1 Se8 Dieser Springer wird bald durch den König abgelöst. 19. Ta3 Ein Angriffszug, der aber in Wirklichkeit nur so tut, als ob. Es drohte nämlich bereits etwa Rdb8 und falls b3, so a5 usw. Der Textzug bedeutet also eine feine Präventivmaßnahme gegen diese hier angedeutete Drohung. 19… a6! Um "Ra6" für immer auszuschalten. 20. Sf4 Tdb8 21. Td2 Tb4 22. Tc2 Kf8 23. e3 Ke7 24. h4 Sc7 25. Sd3 Tb7 26. Sd2 a5 27. f3 Sb4 28. Sxb4 Txb4 Es fällt schwer, dem Angriff eine Spitze zu geben, Weiß weigert sich nämlich konstant, das schwächende b2-b3 zu ziehen, aber andererseits haben sich doch im Laufe der Zeit auch am anderen Flügel gewisse Schwächen ergeben. 29. Kf2 a4 30. Ke2 Kd7 31. Kd1 Kc6 32. Se4 f5 33. Sf2 e5 34. Td3 Tab8 35. Kc1 Weiß hat sich recht geschickt verteidigt. 35… Se6 36. a3! Tb3 37. Tcd2 Txd3 38. Txd3 Sc7 39. Kc2 Sa8 Drohend Nb6 nebst gelegentlichem d6-d5. 40. e4 Sb6 41. b3 axb3+ 42. Txb3 Tf8 43. Tc3 Sa4 44. Td3 Sb6 45. Tc3 Sa4 46. Td3 Sb6 47. Tc3 Remis. Das Remis lag durchaus nicht im Plane des Nachziehenden, Schwarz übersah vielmehr die dreimalige Stellungswiederholung. Er hätte im 45. Zuge g6 spielen sollen, dann hätte h5 und f4 gedroht. Spielt Weiß 46. Kb3! Rb8 47. Rd3, so könnte fxe4 48. Nxe4 d5 49. cxd5+ Nxd5+ 50. Kc4 (oder 50. Kc2 c4) Nb6+ 51. Kc3 Na4+ folgen. Aber wahrscheinlich wäre doch nicht mehr als Remis herausgekommen. - Schwarz hatte die ganze Partie hindurch den Angriff und die kompaktere Bauernstellung: unser Stratagem hat sich somit gut bewährt. 1/2–1/2