Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 94

Marshall, Frank James – Nimzowitsch, AaronGroßmeisterturnier, New York, 9. März 1927

Hier entwickelten beide Partner ihre Springer nach e2 bzw. e7, und die Partie verlief zunächst recht monoton: 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. exd5 exd5 5. Ld3 Se7 6. Se2 Lf5 7. O-O O-O 8. Sg3 Lg6 9. Sce2 Ld6 10. Lf4 Sbc6 11. Dd2 Dd7 12. Tae1 Tae8 Aber nun kam Leben ins trockene Spiel! 13. c3 Sc8! 14. Le3 S6e7! Dieser kombinierte Rückzug der vereinigten Springer bezweckt letzten Endes die Herstellung der Asymmetrie, denn dadurch, dass der Nc8 nach e4 hinzielt, erhält der schwarze Aufbau plötzlich den Charakter der Variante "Nf6" gegen "Ne2".- Dieser nicht unoriginelle Rückzug ist vom Verfasser übrigens bereits gegen Spielmann versucht worden ( Kopenhagen 1923 ) : dort geschah Ne7-g8 Nc6-e7 und dann Ng8-f6-e4. 15. Sf4 Lxf4 16. Lxf4 Lxd3 17. Dxd3 Sg6 18. Df3 (Auf 18. Ld2 wäre 18… Sd6 gefolgt, aber auch nach dem Textzuge erhält Schwarz etwas Spiel.) 18… f5 19. Ld2 Txe1 20. Txe1 f4 21. Se2 Df5 (Nicht übel wäre auch: 21… Sh4 zum Beispiel: 22. Dh5 Sxg2 23. Kxg2 f3+ 24. Kh1 fxe2 25. Txe2 und nun etwa 25… Se7 und Nf5 mit Spiel in den "weißen" Punkten.) 22. c4! Geschickt pariert, er sucht in die feindliche Umwallung eine Bresche zu schlagen. 22… Sb6 (Nicht 22… De4 wegen 23. Dxe4 und Nc3.) 23. cxd5 Sxd5 24. Sc3! Sxc3 25. Lxc3 c6 26. Lb4 Td8 27. De4 Df7 28. a3 h6 29. g3 Df6 30. Lc3 Td5 31. De8+ Kh7 32. De4 Df5 33. Kg2 Dg4 (Schwarz will sich nicht bescheiden, das Endspiel nach 33… Dxe4+ 34. Txe4 fxg3 35. hxg3 Kg8 36. Te8+ Kf7 37. Ta8 a6 38. Tb8 Td7 39. Kf3 Se7 40. Ke4 Sd5 schien ihm nicht vorteilhaft genug.) 34. f3 Dg5 35. Ld2 Df6 (Einfacher wäre jedenfalls 35… Dd8 zum Beispiel: 36. Lxf4 Txd4 37. Df5 Dd7 38. Dc2 Td3 und der Läufer gelangt nicht zur Besetzung der wichtigen Schräge c3-g7.) 36. Lxf4 Txd4 37. Dc2 Td5? (Übersieht die Antwort; 37… Dd8 sollte geschehen sein.) 38. Ld2 Dd8 39. Lc3 Weiß hat nun einen freien spannkräftigen Läufer und ist daher im Vorteil. 39… Td3 40. Te4 Dd5 41. De2 Dd7 42. h4 h5 43. Te8 Td1 44. Ta8 a6 45. Tb8 (Mit der Absicht, die Bauern hervorzulocken (es droht Rxb7), wonach der Damenabtausch mit gewonnenem Turm-Läufer-Endspiel erfolgen soll. Aber Schwarz findet eine verschmitzte Parade. Richtig war übrigens 45. De4 Schwarz hätte dann mittels 45… Df7 nebst Rd1-d5-f5 versucht, sich über Wasser zu halten. Leicht wäre die Verteidigung nicht geworden.) 45… Th1!! 46. Kxh1 (Hierzu entschloss sich Marshall nach einem Verbrauch von 70(!) Min. seiner Bedenkzeit. Zum Verlust würde führen 46. De8 zum Beispiel 46… Sf4+! 47. gxf4 Dh3+ 48. Kf2 Tf1+ 49. Ke3 Dxf3+ 50. Kd4 Dd5+ 51. Ke3 Tf3+ 52. Ke2 Dd3+ 53. Ke1 Tf1#) (Ungünstig wäre auch 46. Qc4, zum Beispiel: 46. Dc4 Sxh4+! 47. gxh4 Dh3+ 48. Kf2 Dh2+ nebst Qxb8. So scheint die Annahme erzwungen und das abwechslungsreiche Spiel ist remis.) 46… Dh3+ 47. Dh2 Remis. (Natürlich nicht 47. Kg1? wegen 47… Dxg3+ 48. Dg2 Dxb8 49. Dg5 Df4 50. Dxh5+ Dh6 und Schwarz ist im Vorteil.) 47… Df1+ 48. Dg1 Dh3+ 1/2–1/2