Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 93
1. e4 e6 2. d4 d5 3. exd5 exd5 4. Sf3 Ld6 5. Ld3 Sc6 6. c3 Sge7 7. O-O Lg4 8. Te1 Dd7 9. Lg5 f6 Punkt e6 ist stark befestigt, f7-f6 darf also ruhig geschehen ) 10. Lh4 h5 eine kleine Neuerung! 11. Sbd2 (Falls nun 11. Lg6+ Kf8 12. Dc2? so 12… Sxg6 13. Dxg6 Lf5 mit Damengewinn) 11… g5 12. Lg3 Lxg3 die dadurch bedingte Schwächung des Punktes c5 muss Schwarz sich eben gefallen lassen 13. fxg3! O-O-O 14. b4 (Die Stellung ist äußerst schwer zu beurteilen, und zwar namentlich wegen der großen Mannigfaltigkeit der vorhandenen Kriegsschauplätze: als solche fungieren nämlich beide Flügel und das Zentrum ( e-Linie ) . Soviel aber steht jetzt schon fest: die Hingabe an die Idee der Flügelattacke darf unter keinen Umständen eine Vernachlässigung des zentral gelegenen Kriegsschauplatzes mit sich führen. Die gleichzeitige Beobachtung des Zentralgebietes ( und zwar hätte dieselbe beim Weißen offensiv, beim Schwarzen aber defensiv betont zu sein ) erscheint uns unerlässlich. Nach alledem ist es einleuchtend, dass wir dem Diversionszuge b4 keinen rechten Geschmack abgewinnen können. In Betracht käme viel eher die Umgruppierung 14. Re3 15. Qf1 und 16. Rae1. Möglich und zu interessanten Spielen führend wäre auch die Fortsetzung 14. Sb3 zum Beispiel: 14… Dd6 (falls 14… b6? so 15. Sc5!) 15. Sc5 . Nun würde 15… h4 auf folgende Weise widerlegt werden: 16. Db3 Sa5 (16… b6 verlöre nach 17. La6+ Kb8 18. Sb7 die Qualität ohne rechten Ersatz, zum Beispiel: 18… Dd7 19. Sxd8 Sxd8 20. Db5 Dd6 21. Db4) 17. Da4 b6 18. b4 hxg3 ( nun sieht die weiße Stellung verdächtig aus ) 19. bxa5! (nicht 19. La6+ denn die Anwesenheit dieses Läufers auf d3 - zwecks Verhinderung von gelegentlichem Nf5- erscheint wünschenswert) 19… bxc5 ( es drohte a5xb6 mit Vernichtung ) 20. dxc5!! (ein köstliches Gewinnverfahren, schlecht wäre 20. Txe7 c4!) 20… Dxc5+ 21. Kh1 Lxf3 ( er war gegen die Doppeldrohung Ba6+ und Qxg4 wehrlos ) 22. La6+ Kb8 23. Tab1+ Ka8 24. Lb7+ Kb8 25. Lxd5+ Kc8 26. Le6+ nebst Matt im nächsten Zuge.) (Demnach müsste Schwarz - nach 14. Sb3 Dd6 15. Sc5 - auf h4 verzichten. Gut und positionsgemäß wäre 15… Tde8 . Die Folge könnte sein 16. Db3 (16. Da4? h4 17. b4 Kb8 18. b5 Sd8 und Weiß ist gefährdet) 16… Sd8 17. Te3 Sec6 18. Tae1 Txe3 19. Txe3 h4 20. Sd2 hxg3 21. hxg3 mit annähernder Stellungsbalance. Die letztere Variante zeigt uns an einem Exempel, wie die von uns mehrfach verlangte Verquickung von Flügel- und Zentralspiel in der Praxis durchzuführen sei. Im nachfolgenden wird die Zentralidee von weißer Seite schwach betont und Schwarz erhält so die Möglichkeit, die notwendig erscheinende Zentralsicherung mit einem Minimum an Kräften durchzuführen, um so alle nur irgend verfügbaren Truppen nach dem Königsflügel zu werfen.) 14… Tdg8 (Findet seine Erklärung im nächsten Zuge von Schwarz. Natürlich wäre auch 14… Tde8 gut und sicher.) 15. De2 Tg7! Damit wird eine notdürftige Sicherung der e-Linie erzielt. Der "Rg7" bildet somit den Träger der mehrmals angedeuteten Verquickungsidee. 16. a4 (Die Zentralinitiative 16. h3 Lf5 17. Lxf5 Sxf5 18. De6 würde an der Antwort 18… g4 scheitern.) 16… Dd6 17. a5 h4 18. b5 Sd8 19. b6 Kb8! 20. bxc7+ (Etwas besser erscheint 20. c4) 20… Dxc7 21. c4 hxg3 22. hxg3 dxc4! Schafft einerseits das Zentralfeld d5 für den schwarzen Springer und lenkt andererseits den Nd2 von der Verteidigung des Königsflügels weg. 23. Sxc4 (Falls 23. Lxc4 so 23… Sf5 mit entscheidendem Angriff.) 23… Dxg3 24. a6 Sd5 25. Le4 (Interessant wäre die Variante 25. axb7 Sf4 26. Da2 a6! und Schwarz gewinnt. (nicht 26… Txb7 wegen 27. Teb1 mit der Drohung Qxa7)) 25… Sf4 26. Db2 Lxf3 27. Lxf3 Tgh7 Aufgegeben. Weiß hatte es im 14. Zuge versäumt, seinen Springer nach c5 zu dirigieren: infolgedessen verflüchtigte sich sowohl Zentraldruck als auch Königsangriff. Schwarz hatte es - im Gegensatz hierzu - verstanden, mittels 14. ... Rg7 Zentraldefensive mit Angriffsplänen am Flügel zu verbinden. Und siehe da, nicht nur gelang die restlose Durchführung der Angriffspläne, der Rg7 kam auch als Verteidiger voll und ganz zu seinem Recht: über das Zentrum hinweg wusste dieser schützend nach b7 und a7 hin zu wirken. Ein für die asymmetrische Spielbehandlung sehr lehrreicher Fall. 0–1