Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 92
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. exd5 exd5 5. Sf3 Sc6 6. a3 La5 (falls 6… Lxc3+ 7. bxc3 Lf5 8. Ld3 Sge7 9. O-O O-O so 10. Lf4 und Weiß hätte bei nicht übler Zentralwirkung noch den nicht ganz gering zu wertenden Vorteil, dass von den zwei Läufern d3 und f5 sein Läufer der besser gedeckte wäre) 7. Lb5 Se7 8. O-O O-O 9. Sa4 Lb6 10. Sxb6 axb6 11. Ld3 Lf5 Schwarz ist nicht nur besser entwickelt, er hat auch außerdem den festeren Aufbau; das weiße Springermanöver war eben zu zeitraubend. 12. Te1 Die Zentraloperation, die - siehe die vorige Note - a priori nicht gerade optimistisch beurteilt wird. 12… Dd7 (Warum unterlässt Schwarz an dieser Stelle das äußerst naheliegende f7-f6, wodurch die eben eingeleitete gegnerische Zentralaktion im Keime erstickt worden wäre? Denn ohne Ne5, vulgo Besetzung des Vorpostenpunktes in der e-Linie, gäbe es für Weiß anscheinend kein Weiterkommen in der fraglichen Mittellinie! Die Antwort ist für die richtige Beurteilung der durch "Nf3" und "Ne7" gekennzeichneten Stellungen von Belang. Die Drohung Ne5 ist in diesem Moment noch nicht aktuell, würde vielmehr nur zur Verschlechterung der eigenen Stellung führen, zum Beispiel: Ne5, Nxe5, dxe5, und die weiße Mehrheit am Königsflügel wäre wenig beweglich. Andererseits würde gerade f7-f6 der weißen e-Linie neue Impulse geben, denn e6 wäre angreifbar. Und die Moralanwendung? Nun, falls f7-f6 noch irgend aufschiebbar erscheint, soll Punkt e6 zunächst noch gefestigt werden; ist dieses geschehen, dann darf f7-f6 mit ruhigem Gewissen gewählt werden. Man widme sich nun der variantenmäßigen Untersuchung des Zuges f7-f6, diese erweist sich als äußerst lehrreich. 12… f6 13. Sh4 ein interessanter Versuch 13… Sxd4! (sonst wäre auch 13… Lxd3 14. Dxd3 Dd7 15. Ld2 g5 und 16. Qf5 eine solide und sachgemäße Fortsetzung) 14. Sxf5 Sdxf5 15. Dg4 Sd6! (falls 15… Dc8 so 16. Dh3 mit der Drohung g4) 16. Lf4! f5 17. Dh3 Dd7 18. Te2 Sg6! 19. Lxd6 cxd6 20. g3 Se5 und Schwarz steht etwas besser. Man beachte, dass Schwarz sich des gegnerischen Angriffes nur mit Mühe erwehren konnte.) (12… f6 13. Sh4 Sxd4! 14. Txe7 Lxd3 15. Te3 Sxc2 16. Txd3 Sxa1 17. Le3 ( dies sieht nicht schlecht aus, indes es folgt: ) 17… De8 18. Dxa1 De4! 19. Td4 De6 20. Da2 Tad8 21. Sf3 c5 22. Td1 und nun etwa 22… Kh8 nebst Qc6 mit marschbereiter Bauernkolonne, auch in diesem Falle hätte Schwarz ausgesprochenen, wenn auch nur geringen Vorteil (eine Stellung für Capa! ). - Wir sind nun in der Lage zu resümieren: 12. ... f7-f6 dürfte zwar gut genug sein, führt aber unter allen Umständen zu einer temporären Lockerung des schwarzen so festgefügten Aufbaues und daher muss der Textzug als der positionsgemäßere angesprochen werden, zumal "Ne5" ohnehin in diesem Moment nur ein Schlag in die Luft wäre.) 13. Se5? (Der "Schlag in die Luft!" Viel besser erschiene 13. Lf4) 13… Sxe5 14. Txe5 (Auch nach 14. dxe5 wäre Schwarz vorzuziehen gewesen.) 14… Tae8 15. De2 f6 Nun erst darf dieser Zug mit gutem Gewissen geschehen. 16. Te3 c5 17. c3 c4 18. Lc2 g5! Erst nach geglückter Zentralsicherung geht er nun mit Recht an die Realisierung seiner Diversionspläne. Der Textzug schafft dem angriffslustigen Ne7 eine Basis auf h4. 19. b3 Lxc2 20. Dxc2 Sf5 21. Txe8 Txe8 Jetzt hat Schwarz auch noch die e-Linie erobert: die durch das unzeitgemäße 13. Ne5 eingeleitete weiße Zentralaktion ist somit als völlig gescheitert zu betrachten. 22. Ld2 Sh4 Vergleiche die Note zum 18. Zuge. 23. Dd1 cxb3 24. Dxb3 Te2 25. Le3 Df5 Schwarz hat auch jetzt noch an die charakteristische Verquickung von Flügelangriff und Zentraldefensive zu denken, Punkt d5 darf er beispielsweise nie ungedeckt lassen. 26. Db5? (Statt 26. Qb5 hätte 26. Qb1 geschehen sollen, zu retten wäre die Partie auch in diesem Falle nicht, zum Beispiel: 26. Db1 Dg4 27. Df1 h6! 28. h3 De4 nebst f6-f5-f4 usw.) 26… De4! 27. Kf1 Txe3 Aufgegeben. 0–1