Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 91
1. c4 c5 2. f4 Dieser Zug macht einen etwas befremdenden Eindruck, doch ist, wie man bald sehen wird, nicht der Zug falsch, sondern der Eindruck! Wie armselig ist es doch, einen Zug nur nach dessen Aussehen beurteilen zu wollen, ein Vorgehen, das noch zur Zeit der Pseudoklassiker leider Gottes sehr gebräuchlich war! 2… Sf6 3. d3 d5 Sonst folgt 3. e4 mit solidem Aufbau. 4. cxd5 Sxd5 5. e4 Man vergleiche folgenden Partieanfang: 1. c4 c5 2. Nc3 Nf6 3. Nf3 d5 4. cxd5 Nxd5 5. e4 (das vom Verfasser eingeführte sogenannte Dresdener Stratagem). Die von Hansen erreichte Stellung ähnelt der soeben angeführten zwar im Prinzip (der Bauer d3 in einer offenen Linie!), stellt aber im Detail insofern eine Verbesserung dar, als die Ressource Nd5xc3 nebst g6 nunmehr ausgeschaltet erscheint. Herrn Hansen gebührt Anerkennung! 5… Sf6 6. Le3! e6 7. Sc3 Sc6 8. Sf3 Ld7 Um d3-d4 zu erleichtern! 9. d4? (Viel solider erschien 9. h3 nebst Ne2, zum Beispiel: 9… Sh5? 10. Kf2 und 11. g4. Durch den Textzug bekundet der Führer der weißen Steine mangelnden Sinn für festen Aufbau (einem Spieler wie Sämisch wäre d3-d4 [?] gar nicht eingefallen!) 9… cxd4 10. Sxd4 Lb4 Schon hängt alles in der Luft ... 11. Sxc6 Lxc6 12. Dxd8+ Txd8 13. e5 Weiß war gezwungen, seinem Gegner "Zentralzugeständnisse" zu machen, er laboriert nun an weißfeldriger Punktschwäche. 13… Se4 14. a3 Ein geistreiches Auskunftsmittel, er spielt auf verschiedenfarbige Läufer. 14… Lxc3+ 15. bxc3 Sxc3 16. Lc4 (16. Lxa7 verbietet sich wegen 16… Sd5 mit undeckbarem f-Bauern 17. g3? Sxf4 18. gxf4 Lxh1) 16… Tc8 Die bei gegnerischem lockerem Aufbau angezeigt erscheinende Strategie! Alles weiter "hängen" lassen und neue Spannungen schaffen! 17. Tc1 Lxg2 18. Tg1 Txc4 19. Txg2 b5 20. Tgc2 (Oder 20. Txg7 Ke7 und Rhc8 mit überlegenen Drohungen.) 20… Sd5 Ein recht solider Springer! 21. Txc4 bxc4 22. Txc4 Kd7 23. Lxa7 Tc8 Der Triumph des festen Aufbaues! Der ideenreiche Führer der Weißen hat alles zurückerobert, was sich überhaupt erobern ließ, nämlich das ganze verlorengegangene Material. Aber nun steht er da mit dem "lockeren Zeisig" auf f4, dem "Windhund" auf a7 und den zwei "räudigen Schafen" auf a3 und h2, während der König in geziemender Entfernung auf e1 thront ... Es folgt nun ein Ende mit Schrecken! 24. Te4 (Nach 24. Txc8 Kxc8 würde der "lockere Zeisig" daran glauben müssen.) 24… Tc1+ 25. Kf2 (Auf 25. Kd2 würde folgen: 25… Th1 26. Te2 Ta1! (nicht sofort 26… Sxf4 wegen 27. Tf2 g5 28. Le3) 27. Lc5 Sxf4) 25… Tc2+ 26. Kg3 (Oder 26. Kg1 Tc3 27. a4 Tf3) 26… Tc3+ 27. Kg4 Zeitnotfehler, doch hätten auch andere Züge nicht gerettet. 27… f5+ Aufgegeben, denn auf 28. exf6 e.p. folgt natürlich Nxf6+ mit Turmgewinn. - Die Schwäche des allzu hitzig vormarschierten "großen" Zentrums ist in obiger Partie mit aller wünschenswerten Deutlichkeit in die Erscheinung getreten. 0–1