Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 90

Jacobsen, Egil – Nimzowitsch, AaronInternationales Sechsmeister-Turnier, Kopenhagen, 13. März 1923

1. d4 Sf6 2. Sf3 b6 3. c4 Lb7 4. Sc3 e6 5. Lg5 h6 hier erscheint dieser Zug eher angebracht 6. Lh4 Le7 7. e3 d6 8. Tc1 Sbd7 9. Lg3 O-O 10. Ld3 a6 Man beachte, dass Schwarz sich in seiner engen Behausung (er beherrscht bloß drei Reihen) recht wohl zu fühlen scheint, denn vorläufig denkt er offenbar weder an c5 noch an e5. Er erfindet vielmehr ein merkwürdiges Manöver in der inneren Linie, wodurch das geplante c5 erst rechten Angriffswert erhalten soll. - Am weißen Aufbau ist 8. Rac1 nicht recht verständlich, denn d6-d5 (diesem möglichen Vorstoß wollte der Turmzug wohl vorbeugen?) lag ja durchaus nicht im Plane des Nachziehenden. 11. O-O Sh5 12. Lb1 g6 13. Se2 Sdf6 14. Sd2 c5 Wodurch er sich bereits - zumindest - die "Paulsenisierung" der Stellung gesichert hat ( nämlich c5xd4 nebst Rac8 ) . Aber Schwarz will mehr erzielen. 15. Sf4 Sg7! Vergleicht man diese Stellung mit der nach dem 11. Zuge von Weiß erreichten, so gewinnt man den Eindruck, dass der Nd7 nach g7 gewandert ist, während es doch in Wirklichkeit der andere Springer gewesen ist: dies war ein echtes Manöver in der inneren Linie, mit Platzwechsel und Rollentausch! 16. De2 Sf5 17. Lxf5 (Oder 17. dxc5 bxc5 18. Lxf5 exf5 nebst Re8 und Bf8, sodann Angriff am Damenflügel, und Schwarz hätte ein volles Spiel.) 17… exf5 18. d5 b5 19. b3 Te8 20. Dd3 Sg4 Er versucht nun in der e-Linie Punkte zu gewinnen, während dem Zuge e3-e4 auf präventivem Wege entgegengewirkt werden soll. ( Weiß plant nämlich Ne2 nebst e3-e4. ) 21. Dc2 Lh4 (Die in der vorigen Note angedeutete Präventivmaßnahme! Von ähnlicher aber - wie wir glauben - etwas geringerer Wirkung würde sich 21… Lc8 erweisen, zum Beispiel: 22. Se2! Lf6 23. e4 fxe4 24. Sxe4 Lf5 25. Sxf6+ usw.) 22. e4 (Danach erhält Schwarz das ausgesprochen bessere Spiel. Besser erscheint 22. Lxh4 Dxh4 23. h3 Se5 24. Sd3) 22… Lxg3 23. hxg3 fxe4 24. Sxe4 Lc8 25. f3! Sf6 (Nicht 25… Se3 wegen 26. Dc3! nebst eventuellem Nf6+.) 26. Sxf6+ (Besser wäre 26. Sc3) 26… Dxf6 27. Dd2 Ta7 28. Tce1 Tae7 29. Txe7 Dxe7 30. Kf2 bxc4 Weiß hat zwar die e-Linie notdürftig gesichert, der schwache c-Bauer, den er aber nun erhält, ist mehr, als die Stellung verträgt. 31. bxc4 a5 32. Sd3 Df6 Ein Lavierungsspiel: als weiße Schwächen fungieren der c-Bauer, die e-Linie und die Schräge f6-b2. 33. Db2 Dxb2+ 34. Sxb2 Lf5 Der Damentausch hat die Lage des Weißen nicht verbessert, Bauer c4 ist jetzt weniger leicht zu decken als vorher, dafür freilich erscheint die Schräge f6-b2 gesichert. 35. Tc1 h5 (Nicht 35… Tb8 36. Sd1 usw., weil der weiße König solange wie möglich ferngehalten werden soll. Der Bauernzug bereitet den später erfolgenden Bauernsturm vor.) 36. Tc3 a4 37. Sd1 (Falls 37. Sxa4 Ta8 38. Sb2! (38. Sb6? Txa2+ nebst Ra6 und Annäherung des Königs an den eingekreisten Springer) 38… Txa2 39. Tb3 so 39… g5 mit überlegenem Endspiel.) (Falls dagegen 37. Ta3 so 37… Tb8 38. Sxa4? Ta8 und gewinnt.) 37… g5 38. Se3 Ld7 39. Ke2 f5 40. Kd2 (Danach wird der Königsflügel schwach, aber auch 40. f4 was besser wäre, hätte kaum völlig ausgereicht, zum Beispiel: 40… gxf4 (oder auch 40… Kf7 41. fxg5 Kg6) 41. gxf4 h4 und Weiß hätte in beiden Fällen mit Schwierigkeiten zu kämpfen.) 40… f4!$155 41. gxf4 gxf4 42. Sd1? (Richtig wäre selbstredend 42. Nc2 nebst allfälligem Ne1, doch hätte Schwarz auch in diesem Falle starken Endspielangriff behalten, zum Beispiel: 42. Sc2 Kf7 43. Se1 Kf6 44. Tc2 Tb8 45. Kc3 Tb1 46. Te2 Tc1+ 47. Sc2 Lf5 nebst Generalabtausch und gewonnenem Bauernendspiel, da der schwarze König nach g3 eindringt.) 42… Kf7 und gewann leicht Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 43. Sf2 Tg8 44. Ke2 Txg2 45. Tc1 Lf5 46. a3 h4 47. Tf1 Kf6 48. Kd1 h3 49. Ke2 h2 50. Ta1 Ld3+ 51. Kxd3 Txf2 52. Ke4 Kg5 53. Tb1 Te2+ 54. Kd3 Te3+ und Weiß gab auf. An diesem Endspiel war die Reflexschwäche des weißen Königsflügels beachtenswert: die Schwäche des weißen Damenflügels übertrug sich gewissermaßen auch auf den anderen Flügel, somit durften die schwarzen Bauern f, g und h sich als qualitative Mehrheit fühlen und dementsprechend vorgehen, was sie auch - nicht ohne Erfolg - taten. Die Partie selbst ist für das hypermoderne Bestreben bezeichnend, auch unter ungünstigen Terrainverhältnissen schwierige Manöver durchzuführen. Wie Schwarz aus der furchtbar beengten Stellung, langsam aber sicher an Boden gewinnend, schließlich zu einem starken Endspielangriff gelangte, dies macht die Partie lehr- und genussreich zugleich. Das kleine Zentrum aber hat sich wieder mal trefflich bewährt. 0–1