Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 96
1. e3 g6 2. d4 Lg7 3. Sf3 d6 4. Le2 Sd7 5. O-O e5 6. dxe5 (Dieser plötzliche Übergang in die offene Partie kommt überraschend, man hätte viel eher an die geschlossene Entwicklungsmethode c4 Nc3 und b3 gedacht. Auf 6. c4 hätte Schwarz wohl kaum zu dem Tschigorinschen Auskunftsmittel - f7-f5 - gegriffen, welcher Zug nur die Ressource e5xd4 unnötig schwächen würde, er hätte vielmehr 6. ... Ngf6 gezogen, zum Beispiel: [ 6. c4 Sgf6 ] 7. Sc3 O-O 8. b3 und nun vielleicht 8… exd4 9. exd4 d5 10. c5 Se4! 11. Sxd5 Sdxc5 usw.) 6… Sxe5 (Der Bg7 fängt an, sich zu regen. Nach 6… dxe5 7. e4 Sgf6 8. Lc4! O-O 9. De2 hätte Schwarz zwar einen "Hanham" mit zwei überschüssigen Tempi erreicht - dank dem geschehenen e2-e3-e4 und Bf1-e2-c4 -, aber es ließe sich darüber streiten, ob die erfolgte Läuferfianchettierung auch wirklich eine vorteilhafte Art sei, diese Tempi anzulegen. Die Schräge a3-f8 könnte nämlich ein wenig schwach werden, beispielsweise nach 9… c6 10. a4 Dc7 11. b3 Sb6 12. La3 Te8 13. Sbd2) 7. Sxe5 Lxe5 8. f4 Lg7 9. e4 Se7 10. c3 (Der Versuch 10. f5 könnte für den Fall, dass die Annahme des Opfers ( 10… gxf5 11. exf5 Lxf5 12. Lg5 Lxb2 13. Txf5 Lxa1 ) sich als zu gefährlich erweisen sollte, auch in ganz ruhigem Stile wie folgt zurückgewiesen werden:) (10. f5 gxf5 11. exf5 Lf6 12. Sc3 d5 gefolgt von c6 Bd7 Qc7 oder b6 und 0-0-0.) 10… f5 11. Ld3 (Schwarz plant offenbar die Abwicklung fxe4 und dann d5. Diese Expansion würde aber andererseits zur Schwächung einiger Zentralpunkte führen können, zum Beispiel: des Feldes e5. Daher dürfte 11. Nd2 den Vorzug verdient haben. Der Rekognoszierungsritt des Ritters konnte nämlich nicht frühzeitig genug vorgenommen werden. Eine plausible Variante wäre beispielsweise folgende: 11. Sd2 O-O 12. Lc4+ Kh8 13. Lb3! fxe4 14. Sxe4 d5 15. Sg5 h6 16. Sf3 und Weiß kontrolliert die Mitte.) 11… fxe4 12. Lxe4 d5 13. Lc2 d4! (Mit diesem und den nächsten Zügen sucht Schwarz dem in der vorigen Note angedeuteten gegnerischen Konsolidierungsversuch entgegenzuwirken. Entschieden schwächer wäre übrigens an dieser Stelle das ideenarme 13… Lf5) 14. cxd4 Dxd4+ 15. Dxd4 Lxd4+ 16. Kh1 Lg4! Dieser Zug enthält mehrere Pointen. Erstens soll das gefürchtete Manöver Nb1-d2-f3 durch allfälliges Bxf3 entkräftet werden, zweitens soll auf 17. Re1 die Antwort Kd7 erfolgen können, ohne dass 18. Rd1 möglich würde, und drittens soll auf 17. h3 der Läufer hartnäckigst auf g4 verbleiben. 17. Te1 (Falls 17. h3 so 17… h5 (viel schwächer wäre 17… Lf5 zum Beispiel: 18. La4+ c6 19. Sd2! O-O-O 20. Sf3 und Weiß wäre nicht ohne Konsolidierungsmöglichkeiten) 18. Kh2 Sf5! Falls nun 19. Lxf5 so (Falls aber 19. g3 - um den Läufer zu erobern -, so 19… h4! und Schwarz gewinnt, zum Beispiel: 20. hxg4 hxg3+ 21. Kg2 Th2+ 22. Kf3 Txc2 23. Sa3 (oder 23. gxf5 g2 24. Te1+ Kf7 25. Le3? Lxe3 26. Kxe3 Te8+) 23… Tf2+ 24. Txf2 gxf2 25. Ld2 Lxb2 und Schwarz hat materiellen Vorteil.) 19… Lxf5 und Schwarz hätte den Vorteil der zwei Läufer.) (Oder ( 17. h3 h5 18. Kh2 Sf5 19. g3 h4! ) 20. La4+ (um den Läufer in Sicherheit zu bringen) 20… Kf7 21. hxg4 hxg3+ 22. Kg2 Th2+ 23. Kf3 g2 24. Td1 Tah8! 25. gxf5 gxf5! und Weiß ist gegen die Drohung R8h3+ Ke2 g1=Q+ wehrlos.) (Dass auch 17. Sd2 statt 17. h3 nach 17… O-O-O 18. Sf3 Lxf3 19. Txf3 The8 20. Tb1 Sf5 zu einer für Weiß minderwertigen Stellung führen würde, dürfte einleuchten, wir verweisen nur auf die Variante 21. Lxf5+ gxf5 22. Ld2 Lxb2! 23. Txb2 Txd2 und gewinnt.) 17… Kd7! Der König rückt mutig vor. Dass er sich hierbei auf die quasi in der Luft schwebenden Läufer stützt, ruft unwillkürlich die Erinnerung an die verwegensten akrobatischen Leistungen wach (wir meinen natürlich die lebende Pyramide). 18. Sd2 Tae8 19. Sc4! Sd5 20. Ld2? (Viel stärkeren Widerstand würde Ne5+ ermöglichen (diese Konsolidierungschance zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Partie). Allerdings bliebe Schwarz auch dann etwas im Vorteil, zum Beispiel: ( 20. Se5+ ) 20… Kc8 21. Tb1 Lf5 22. Lxf5+ gxf5 23. Ld2 Lxe5 24. fxe5 Kd7 und Ke6 mit immerhin überlegenem Schlussspiel.) 20… Le2 Gewinnt einen Bauern. Die Partie sollte sich nun ziemlich glatt zugunsten des Nachziehenden abwickeln. 21. Lb3 Lxc4 22. Lxc4 Sb6 23. Lb3 Lxb2 24. Tad1 Txe1+? (Ein Fehler, der die gegnerischen Läufer zu Worte kommen lässt. Nach 24… Kc8 hätte Weiß keinerlei Ersatz für den verlorenen Bauern.) 25. Lxe1+ Kc8 26. Le6+ Kb8 27. Lh4 Die schwarze Lage erscheint nun kritisch: gegen den drohenden Turmtausch (Rd8+), gefolgt von Bauernjagd (Bg8 usw.) fällt es schwer, eine genügende Parade zu finden. 27… Sc8 (Zum Remis hätte wohl auch 27… c5 ausgereicht, zum Beispiel: 28. Td8+ Txd8 29. Lxd8 c4 30. Lxb6 axb6 31. Lxc4 und nun etwa 31… Lc1 32. g3 g5 33. f5 Kc7 34. Kg2 Kd6 35. Kf3 (35. f6 Ke5 36. f7 La3 37. Kf3 h5) 35… Ke5 36. Kg4 Kf6 37. Kh5 Kg7) 28. Td8 Txd8 29. Lxd8 La3! Auf diese Parade hatte Schwarz sich verlassen. 30. g4? (Dies verliert. Zweifelhaft wäre allerdings auch 30. Lg8 und zwar wegen 30… Le7 (30… h5? 31. Lf6! Le7 32. Le5 h4 33. Lh7! g5 34. f5 Sd6 35. f6 Lf8 36. g3! hxg3 37. hxg3 c5 38. Kg2 b5 39. Kf3 drohend Kg4) 31. Lxe7 Sxe7 32. Lxh7 Kc8 33. g4 Kd7 34. h4 b5 (nicht 34… Ke6 wegen 35. Lxg6) 35. h5 gxh5 36. gxh5 Ke6 37. h6 Kf6 38. Kg2 c5 39. Kf3 a5 40. Le4 a4 wäre Weiß nicht ungefährdet.) (Dagegen scheint 30. Lf6! klar auszugleichen, zum Beispiel 30… Se7 (Oder 30… Le7 31. Lg7 Ld6 32. f5 gxf5 33. Lxf5 h5 34. h4 usw.) 31. g4 nebst Kg2 mit dem Drohspiel Bxe7 g5 und Bg8. - Der vorzeitige Turmtausch (24. Re1:) scheint also die schwarzen Gewinnchancen aus der Hand gegeben zu haben.) 30… Le7 Der Gewinnzug. Es folgte noch: 31. Lxc8 Lxd8 32. Le6 g5 33. f5 b5 (trotz ungleichfarbiger Läufer ist Weiß nun hoffnungslos) 34. Kg2 c5 35. Kf3 Kc7 36. Ke4 Kd6 37. Lb3 c4 38. Lc2 Lf6 39. Ld1 a5 40. Lc2 a4 41. Ld1 a3 Aufgegeben. 0–1