Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 1

Nimzowitsch, Aaron – Ahues, Carl OscarJubiläumsturnier der Berliner Schachgesellschaft, Berlin, 20. Februar 1928

1. c4 Sf6 2. Sc3 c6 3. e4 d5 4. e5 d4 5. exf6 dxc3 6. bxc3 gxf6 (Klarer war jedenfalls die Spielweise 6… exf6 . Wieso klarer? Ja, weil die Aufstellung Bd6, 0-0 und Re8 dann nicht mehr zu verhindern gewesen wäre. Diese Aufstellung aber würde eine Zentralisierung bedeuten und somit die größtmögliche Sicherheit gegen alle denkbaren Überraschungen gewähren.) (Ganz anders verhält sich die Sache nach dem Textzuge ( 6. ... gxf6 ) . Denn gewiss erhält Schwarz dadurch sehr bald ein "stolzes" Bauernzentrum, nur fragt es sich, hat dieses Bauernzentrum auch wirklich eine genügende Veranlassung dazu, auf irgendetwas stolz zu sein? Man sehe: die Beweglichkeit desselben ist gering, zum Beispiel: 6… gxf6 7. Sf3 e5 8. d4 e4? 9. Sh4! f5 10. g3 nebst Ng2 und Bf4 mit Lähmung. Aber auch im "Verharren" erweist sich das Zentrum hier als schwächlich, wie die Note zum 9. Zuge dartun wird. Also war 6. ... exf6 das rechte Verfahren.) 7. Sf3 c5 (Positionell richtiger erscheint 7… e6 mit Abwehrstellung in der Mitte.) 8. d4 Sc6 9. Le2 f5 (In Betracht kam 9… e5 , um so stehenzubleiben ( = die Politik des Verharrens ) . Die Folge wäre 10. Le3 Da5 (10… b6 11. O-O nebst Qd2, Rad1, und Weiß drückt in der d-Linie.) 11. O-O Dxc3 12. dxe5! (viel besser als 12. Tc1 was nur die Dame zur Verteidigung zurückgetrieben hätte: über a5 nach c7.) 12… fxe5 (oder 12… Sxe5 13. Dd5!) 13. Sg5 Lf5 14. Lh5 Lg6 15. Lxg6 hxg6 16. Dd5 und gewinnt.) (Der Textzug f5 ist ein schwerer Fehler, der das ganze Zentrum preisgibt. Relativ am besten erscheint 9. ... Rg8, allerdings verbleibt Weiß auch dann im Vorteil, zum Beispiel: 9… Tg8 10. g3 Lh3 11. Tb1 Dc7 12. Da4 Ld7 13. Dc2 usw.) 10. d5 Sa5 11. Se5 Damit ist das Spiel entschieden. 11… Ld7 (Oder 11… Lg7 12. Da4+ Kf8 (12… Ld7? 13. Sxd7! Lxc3+ 14. Ld2 Lxa1 15. Sf6+ Kf8 16. Lh6#!) 13. f4 f6 14. Sf3 mit totaler Positionsherrschaft.) 12. Lh5 Lg7 13. Sxf7 Db6 14. Sxh8+ Kf8 15. Sf7 Weiß gibt das ganze eroberte Material glatt und willig wieder her, erhält aber einen Riesenspringer auf e6. So soll es gemacht werden. Nicht immer am starren Besitz festhalten wollen! Elastisch spielen (= die erworbenen Vorteile in andere Vorteile umsetzen), das ist die Parole! 15… Le8 16. Sg5 Lxc3+ 17. Kf1! (Nicht 17. Ld2 wegen 17… Lxh5 18. Dxh5 Lxd2+ 19. Kxd2 Db2+) 17… Lxa1 18. Se6+ Kg8 19. Lxe8 Txe8 20. Dh5 Ta8 21. Dxf5 Db4 22. g3 Dxc4+ 23. Kg2 De2 Schwarz ist hilflos. 24. Ld2 (Noch exakter erscheint 24. Te1! Dxe1 25. Sg5 Lg7! 26. Df7+ Kh8 27. Lb2! und gewinnt.) 24… Sc4 (Oder 24… Dxd2 25. Sg5 Lg7 26. De6+ mit ersticktem Matt.) 25. Te1 Dxd2 26. Sg5 Sd6 Der Rest ist ein Blutvergießen, das wir - wir sind keine Liebhaber von Mord und Totschlag - in gekürzter Notation bringen: 27. Dxh7+ Kf8 28. Dxe7+ Kg8 29. Dh7+ Kf8 30. Dh6+ Kg8 31. Dg6+ Lg7 armer Läufer, deine Stunde hat geschlagen; immerhin ein Trost: du stirbst im Heimatlande! 32. Dh7+ Kf8 33. Se6+ Ke8 34. Sxg7+ Kd8 35. Se6+ Ke8 36. Te5 und Schwarz gab auf. 1–0