Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 12

Tartakower, Savielly – Nimzowitsch, AaronInternationales Meisterturnier des British Empire Club, London, 21. Oktober 1927

1. d4 e6 2. Sf3 Sf6 3. e3 b6 4. Ld3 Lb7 5. Sbd2 c5 6. O-O Sc6 7. c3 Tc8 8. De2 Le7! 9. dxc5 bxc5 10. e4 d5 11. exd5 exd5 Schwarz hat die Partie originell angelegt (Zug 8 und 11). Das Spiel steht annähernd gleich, doch hat Schwarz bereits in dieser Stellung einige, wenn auch kaum wahrnehmbare Preferenceaktien im Zentralgebiet. Es folgt nun: 12. La6 Lxa6 13. Dxa6 O-O 14. Td1 Dc7 15. Sf1 Tb8 16. De2 Tfd8 (16… Tfe8 wird verworfen, denn es handelt sich vor allem um eine Konsolidierung der Stellung; der wertvolle d-Bauer darf mit Recht eine seiner würdige Eskorte beanspruchen!) 17. Le3 h6! Zentraltaktik: Ich beabsichtige nämlich, meinem Gegner fast alle Zentralfelder zu nehmen; sein einziges Mittelfeld f5 wird nun quasi entwertet (denn auf Nf1-g3-f5 würde einfach Bf8 folgen und Weiß hätte keine passende Angriffsfortsetzung, denn Bg5 ist verhindert). 18. Sg3 Lf8 19. Dc2 Sg4 Schwarz ist auf der Jagd nach Zentralstellungen (Punkt e5). 20. Sf1 Sce5 21. Sxe5 Sxe5 22. b3 a5! Der der Zentralisierung angebaute Angriff! 23. Td2 c4 Eine andere, womöglich noch "festere" Spielweise bestand hier in Rd7 Rd8 und a5-a4; falls dann bxa4, so Nc4 mit nachfolgendem Eindringen der Türme via b-Linie. 24. bxc4 (Eine bessere Verteidigung gewährte 24. Tad1 und falls 24… Sd3 so Qualitätsopfer auf d3.) 24… Sxc4 25. Td3 a4! Mittels a4-a3 soll nun auf b2 ein wichtiger Einbruchspunkt geschaffen werden. 26. Sd2 Sxe3! 27. fxe3 (Bei 27. Txe3 d4 28. Td3 Lb4 stände Weiß erst recht gefährdet.) 27… Da7 28. Tb1 Txb1+ 29. Dxb1 Lc5 30. Kf2 Tb8 31. Dc2 Dd7 Die weißen Schwächen, nämlich Bauer e3, Punkt b2 und die etwas verwundbare Königsstellung, werden nun kunstgerecht behandelt (siehe unter "Lavierungstechnik" in einem der letzten Kapitel). 32. Sf3 (32. c4? d4!) 32… De6 33. De2 (33. Dxa4? Lxe3+!) 33… a3! Endlich! 34. Td2 Tb1 35. Sd4 Df6+! 36. Df3 De5 womit Schwarz sowohl zentral als auch "seitlich" den Höhepunkt erreicht hat. (Denn was wäre noch "zentraler" als e5, und wer könnte sich mit einem eingedrungenen Turm, der zum Überfluss auch noch die 2. Reihe beherrscht, an Umgehungstüchtigkeit messen?) 37. g3 (Ein sofort entscheidender Fehler, der von Schwarz allerdings nicht ausgenutzt wird. Einzig möglich war nur noch 37. Dg3 darauf wäre gefolgt 37… Lxd4 38. cxd4 De6 und Weiß kann noch einigen, wenn auch allerdings nur schwachen Widerstand leisten. Eine plausible Variante wäre beispielsweise 39. Dc7 (um Qc6 zuvorzukommen) 39… Da6 40. Dd8+ Kh7 41. Dxd5 Df1+ 42. Kg3 Tb2 und gewinnt. Zu beachten wäre hierbei die entscheidende Mitwirkung des Bauern a3.) 37… Lxd4? (Sofort gewann hier 37… Tc1 Falls hierauf 38. Se2 so (falls aber 38. Sc6 Dxc3 (am einfachsten) und gewinnt.) 38… Lxe3+) 38. cxd4 De6 39. Kg2 Ermöglicht Rf2 mit etwas Gegenspiel in der f-Linie; das weiße Spiel ist aber trotzdem nicht zu halten. 39… Tb2 Der schwarze Haupttrumpf! 40. Tf2 f5 41. Kg1 Tb1+ (Zeitnot. Korrekt war 41… Kh7 42. Kg2 (der f-Bauer ist nicht zu nehmen, zum Beispiel: 42. Dxf5+ Dxf5 43. Txf5 Txa2 44. Txd5 Tb2 und forciert den a-Bauern) 42… Kg6 43. Kg1 De4 und gewinnt ähnlich wie in der Partie.) 42. Kg2 g6 Diese direkte Deckung des f-Bauern ist lange nicht so nachhaltig wie die indirekte, vergleiche die vorige Anmerkung. 43. Df4 De4+ 44. Dxe4 dxe4 45. Te2 (Jetzt geht die schwarze Uhr wieder richtig. Nach g3-g4 wäre sie ins Stocken geraten. Zum Beispiel: 45. g4 fxg4 46. Tf6 Tb2+ 47. Kg3! (beileibe nicht auf die erste Reihe), und Weiß braucht nicht zu verlieren. Man versteht nun, dass diese aus den Wolken gefallene Rettungsmöglichkeit nie in der Partie "drin war", denn nach 41. ... Kh7 und 42. ... Kg6 hätte Schwarz die Damen tauschen können, ohne dass Weiß Durchbruchsmöglichkeiten irgendwelcher Art erlangt hätte.) 45… Kf7 Es folgt nun ein in seiner Einfachheit reizvolles Schlussspiel, ein Paradigma zu dem von mir in "Mein System" behandelten Spezialfall: Die "absolute" 7. Reihe plus Freibauer gewinnen fast immer. ("Absolut" nennen wir sie, falls der Turm hierbei den König auf der 8. [1.] Reihe einschließen hilft.) 46. Kf2 Ke6 47. Td2 Kd5 48. Ke2 Tb2 Der abgegebene Zug, bei dem Schwarz den ganzen folgenden Durchbruch voraussah. Es folgte 49. Kd1 droht den lästigen Eindringling Rb2 zu vernichten 49… g5 die Hilfsaktion von der anderen Seite her 50. Tc2 (Auf 50. Txb2 axb2 51. Kc2 f4! ist Weiß verloren) 50… f4! 51. gxf4 gxf4 52. Tc5+ Kd6 53. exf4 Txa2 nun haben wir die "absolute" 7. Reihe plus Freibauer 54. Ta5 e3 55. Ke1 Ta1+ 56. Ke2 a2 57. f5 Th1 und gewann in wenigen Zügen. - Trotz der Unterlassung im 41. Zuge trat die Hauptidee, nämlich die Verquickung von Zentraldruck und seitlicher Umgehung, recht deutlich in die Erscheinung. Ein lehrreiches Beispiel! 58. Kxe3 a1=D 59. Txa1 Txa1 60. Kf4 Tg1 61. h3 Kd5 62. h4 h5 63. f6 Ke6 64. f7 Tg4+ 65. Kf3 Kxf7 0–1