Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 13
1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Le7 5. e5 Sg8 Mit diesem schlecht angeschriebenen Zuge leitet Schwarz einen neuen, beachtenswerten Kriegsplan ein. 6. Le3 b6 Die Pointe: geplant wird Ba6 mit Abtausch des weißfeldrigen Läufers. 7. Dg4 g6 8. h4 h5 9. Dg3 La6 10. Sf3 Lxf1 11. Kxf1 Dd7 Nun droht u. a. die Diversion Qc6, gefolgt von b6-b5-b4. Man beachte, dass die weißfeldrigen Punkte wie c2, c4 und b5 an einer gewissen Schwäche laborieren; dies war der Sinn des Läuferabtausches. 12. a3 Sc6 Mit dem Erfolg der Damendiversion (nach d7) darf Schwarz zufrieden sein: a3 ist immerhin eine Schwäche. 13. Td1 Er verteidigt sein Spiel prophylaktisch; dadurch gewinnt die Partie an Interesse. Sämisch gehört übrigens zu den wenigen, die um die Zentralpunkte kämpfen, er ist überhaupt ein strategisch glänzend veranlagter Spieler. 13… Sa5 14. Sg5 Sh6 15. Lc1 O-O-O 16. Dd3 Kb8 17. Th3 Die weiße Stellung macht nun einen wohlkonsolidierten Eindruck, denn die durch Nc4 involvierte Gefahr darf als im Vorhinein lokalisiert betrachtet werden, auf c7-c5 aber kann stets d4xc5 mit (in der d-Linie begründeten) Defensivchancen geschehen, und, was das wesentlichste ist, der Ng5, der nie getauscht werden kann, ohne dass der wiedernehmende Läufer eine prächtige Schräge bekäme, hält den ganzen Königsflügel unter Druck. 17… Tdf8 Wie man bald sehen wird, enthält dieser Zug etwas Gift. 18. Kg1 (Er unterschätzt die Gefahr, der Turm musste sogleich nach f3, denn nun wird ihm der Ausgang verbaut. Auf 18. Tf3! käme allerdings 18… Sf5 19. g3 f6 20. exf6 Lxf6 (drohend Nc6 nebst e6-e5) 21. Te1! Te8! 22. Tf4! Lxg5 (nicht 22… e5 wegen des Qualitätsopfers 23. dxe5 Lxe5 24. Sxd5 Lxf4 25. Lxf4) 23. hxg5 Sc6 und Schwarz wäre wegen der Durchbruchsmöglichkeit e5 doch etwas im Vorteil. Die Eröffnung war eben günstig für den Nachziehenden.) 18… Sf5 19. Se2 Dd8! (Jetzt wäre 19… f6 wegen 20. Sf3 weniger stark.) 20. g3 Es drohte Nxh4, vergleiche den ersten Teil der Note zum 18. Zuge. 20… c5 21. dxc5 bxc5 22. Kg2 Db6 Die Idee besteht nun darin, den e-Bauern nachhaltig anzugreifen, bis f4 erfolgt; dann soll endlich Bxg5 geschehen, der Bc1 kann nicht mehr wiedernehmen, und das Problem "Ng5" erscheint gelöst! 23. f4 Dies hätte noch Zeit, aber Sämisch, dem das Konsolidieren eine psychologische Notwendigkeit geworden ist, kann den Anblick ungedeckter Bauern nicht vertragen. 23… Lxg5 24. hxg5 Tc8 25. Th2 Thd8 Die disponibel gewordenen Türme entfalten nun einen wahren Arbeitshunger. 26. Kh3 d4 Langsames Vorrücken der Zentralmasse, akkompagniert durch gradweises Zentralisieren der das Vorgehen stützenden Figuren. 27. Df3 Td5 28. b3 c4! 29. b4 Sc6 30. c3 d3 (Damit wird eine schöne und, wie es scheint, auch korrekte Kombination in die Wege geleitet. Und doch wäre es vom praktischen Gesichtspunkt aus empfehlenswerter gewesen, der von uns mehrfach illustrierten Vereinfachungsstrategie den Vorzug zu geben: ohne sonderliche Anstrengung hätte Schwarz so Teile der Zentralisierung ins Endspiel hinüberretten können und zwar wie folgt: 30… Tcd8 31. cxd4 Scxd4 32. Sxd4 Sxd4 Nun würde 33. De4 (die Gegenzentralisierung) an (der Zug 33. Df2 hätte aber 33… Sb3 zur Folge, zum Beispiel: 34. Le3 Db7 mit erdrückendem Stellungsübergewicht.) 33… Sf5 scheitern.) 31. Sg1 d2 32. Thxd2 Txd2 33. Lxd2 Td8 34. De2 (Falls 34. Lc1 so 34… Txd1 35. Dxd1 Df2 36. Se2 Kc8 37. Da4 Df3 und gewinnt) (oder 34. a4 Sce7 nebst Nd5 und Ne3 mit sofortigem Gewinn.) 34… Td3 35. Sf3 Dd8 36. Tf1 Dd5 37. Tf2 h4 Triumph der mittelspielartig betonten Zentralisierungsidee, Weiß verliert jetzt die Dame. 38. gxh4 Scd4 39. cxd4 Sxd4 40. Dxd3 Er hat nichts Besseres. Das Endspiel sollte nun leicht gewonnen sein, aber die Ermüdung (die bei 30. ... Rcd8 statt des Bauernopfers wohl kaum eingetreten wäre) lässt den Führer der schwarzen Steine einen schweren Fehler begehen, der ihn schier um die Früchte seiner Spielweise gebracht hätte. 40… cxd3 41. Sxd4 Dxd4 42. Kg3 De4? (42… Da1 43. Kf3 Dxa3 44. Ke3 Kc7 hätte spielend gewonnen.) 43. Th2 Kb7 44. a4 Kc6 45. a5 Kd5 46. h5 gxh5 47. Txh5 Nun beginnt sozusagen eine neue Partie, es gelang mir, sie nach hartem Kampfe zu gewinnen, nachdem Sämisch einmal eine Remismöglichkeit verpasst hatte. Wir bringen das Endspiel wegen seiner Länge in abgekürzter Notation. 47… De2 48. Th2 Dd1 49. Tf2 Ke4 50. Kh2 Kf5 51. Tg2 Df1 52. Kg3 Ke4 53. Tf2 Dh1 54. Tg2 Kd4 55. Th2 Dd1 56. Tg2 Kc4 57. Tf2 Dh1 58. Th2 De4 59. Tf2 Kb3 60. Th2 Kc2 61. Tf2 Kd1 62. Th2 Dc6 63. Kg4 Dc2 64. Kg3 Dxd2 die einzige Chance! 65. Txd2+ Kxd2 66. f5! Ke3 67. g6 fxg6 68. f6 (Gespensterfurcht, 68. fxe6 hätte zum Remis geführt, zum Beispiel: 68… d2 69. e7 d1=D 70. e8=D Df3+ 71. Kh2 Kf2? 72. Dxg6) 68… d2 69. f7 d1=D 70. f8=D Dg1+ 71. Kh3 Ke4 72. b5? Dh1+ 73. Kg3 De1+ 74. Kg4 Dxa5 75. Dd6 Db6 76. Kg5 Dxb5 77. Kf6 Df1+! 78. Kg7 Df5 79. Dc6+ Kxe5 80. Dc5+ Ke4 81. Dxa7 e5 82. Dg1 Kd5 83. Dd1+ Kc5 84. Dc1+ Kb5 85. Db2+ Kc6 86. Dc3+ Kd7 87. Dd2+ Ke8 88. Dd5? (Mit 88. Da5 konnte Weiß noch einigen Widerstand leisten) 88… Dd7+ ein sehr interessantes Damenendspiel. 0–1