Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 20

Aljechin, Alexander – Nimzowitsch, AaronInternationales Schachmeisterturnier - Endrunde, Kecskemét, 10. Juli 1927

Schon sehr frühzeitig, nämlich nach den Zügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Sf6 4. exd5 Sxd5 5. Se4 kam Schwarz in die (übrigens nicht gerade unangenehme) Lage, sich ohne Bauernzentrum behelfen zu müssen. Er löst das Problem zunächst ganz befriedigend, und zwar durch: 5… Sd7 6. Sf3 Le7 7. Ld3 b6 8. O-O Sb4! 9. Lc4 Lb7 10. De2 O-O 11. a3 Sd5 12. Td1 (ein Präventivzug gegen c7-c5), ließ sich aber nun dazu verleiten, das Spiel allzu schnell zu öffnen. 12… c5 Den Vorzug verdiente das langsame Öffnen durch 12. ... c6, dann Qc7 und Rfd8 und endlich c6-c5. Ein eingeklemmtes Spiel darf nicht allzu plötzlich befreit werden, auch auf die Schachstellung wirkt die in raschen Zügen genossene Freiheit berauschend. Aber durch 12. ... c6 usw. war die Partie stark und lebenskräftig zu gestalten (nach 12. ... c6 und 13. ... Qc7 ist auch gelegentliches Nf4 möglich, zum Beispiel: im Falle von geschehenem Bd3). 13. Lb5! Sc7 14. Lxd7 (Auf 14. dxc5 Sxb5 15. Dxb5 Lxe4 16. Txd7 De8 17. c6 Tc8 lässt Aljechin sich natürlich nicht ein.) 14… Dxd7 15. dxc5 Dc6 16. Sd6! (Er verzichtet auf den möglichen Bauerngewinn 16. cxb6 axb6 17. Te1 denn dann würde 17… Sd5 folgen 18. Se5 und Schwarz erhielte ein kraftvoll zentralisiertes Spiel, zum Beispiel: (18. c4 Sf6 19. Sxf6+ Lxf6 mit zwei prächtigen Läuferdiagonalen) 18… Dc7 19. Sd3 Tac8 20. c3 Tfd8 und Weiß ist eher in Nachteil.) 16… Lxd6! (Es gibt nichts Besseres. Auf 16… La6 17. c4 bxc5 18. Se5 Da4 käme 19. Lh6! zum Beispiel: 19… Lxd6 20. Txd6 gxh6 21. Dg4+ Kh8 22. Td7 mit Gewinnstellung.) 17. cxd6 Se8 18. Lg5 Wiederum ein raffinierter Zug. 18… Sf6! 19. Td4 Sd7 20. Le7 Tfc8 21. c3 e5 Und nun zeigt es sich, dass die schwarze Zentralisierung trotz allen gegnerischen Raffinements nicht umzubringen war. Auch steht der Läufer e7 einigermaßen problematisch da, während Bb7, ganz im Gegensatz hierzu, eine rege Wirksamkeit entfaltet. Das Spiel steht gleich, das Bauernminus ist ziemlich belanglos. 22. Tg4 Um dem ausgesperrten Läufer e7 vielleicht doch noch ein Arbeitsfeld zu verschaffen. Gleichzeitig soll Nf3 entlastet werden, denn nun ist g2 durch den Turm gedeckt. 22… Dd5! 23. Tg3 Tc4! 24. Td1 Nach dem Textzug erzwingt Schwarz durch ein eigenartiges Manöver den ihm willkommenen Turmtausch. (Hier glaubt Aljechin mittels 24. Ng5 "stürmen" zu können, zum Beispiel: 24. Sg5 h6 (Er übersieht aber die mögliche Ressource 24… g6! 25. Td1 Dc6! 26. Tf3 f5 und das sonst entscheidende Opfer 27. Txf5 ist wegen des auf g2 drohenden Matts nicht möglich.) 25. Td1 Dc6 26. Sxf7 Kxf7 27. Dh5+ Kg8 28. Dg6) 24… De4 25. Df1 Dc2! 26. Td2 Da4 27. Te2 (Auf das von Aljechin als besser empfohlene 27. h3 hätte ich u. a. auch die Frontveränderung Bb7-e4-g6 in Erwägung gezogen, mit später folgendem f7-f5 usw. Man beachte, dass die schwarzen Zentralmanöver alle über e4 gehen.) 27… Te4 28. Txe4 Dxe4 29. Dc1 h6 30. h3 Kh7 31. Dd1 g6 (Unzulässig wäre 31… f5 wegen des Opfers 32. Sg5+ nebst Qh5+ und Qxg5.) 32. Tg4 Dd5 33. Dc2 Tg8 Wie aus dieser kleinen Analyse hervorzugehen scheint, war 33. ... Rc8! also geeignet, das Illusorische des weißen "Vorteils" überzeugend nachzuweisen. (Die Turmexkursion Ra8-c8-c4 erschien mir verlockend und gewagt zugleich. Gewagt wegen des Drohspiels Nf3-h4xg6, verlockend - aus "System"-Erwägungen. Denn e4 ist hier der strategisch wertvolle Punkt, und von einem solchen sollen die Figuren sich gleichsam magnetisch anziehen lassen. (Siehe unter "Überdeckung".) Auf 33… Tc8 könnte folgen 34. Sh4 e4 35. f3 Dc5+ und nun entweder Kh1 oder Kh2. Auf 36. Kh1 geschieht (auf 36. Kh2 aber hat Schwarz die Wahl zwischen 36… De3 (oder 36. ... Ne5, zum Beispiel: 36… Se5 37. Tf4 De3 38. g3 exf3! 39. Txf7+ Kg8 und Weiß ist gegen die Drohung Qe2+ wehrlos.) 37. fxe4 Tc5) 36… De3 37. fxe4? h5 38. Tg5 De1+ mit Figurengewinn,) 34. Th4 drohend Bg5 34… f6! 35. c4 De6 36. Sd2 Df5 37. Dd1 g5 (Wie Aljechin mit Recht hervorhebt, hätte 37… h5 hier den Vorzug verdient, denn nun kommt der weiße Turm wieder ins Freie. Beide Partner waren in Zeitnot.) 38. Tg4 Dg6 39. Tg3 f5 40. Tc3 e4 Hier einigte man sich auf Remis, und zwar mit Rücksicht auf beiderseitige Zeitnot. Nach 41. Nb3 nebst c5 scheint jetzt wieder der Weiße im Vorteil zu sein. - Der Lernende aber spiele die obige Partie gründlich nach, sie wird u. a. auch sein Gefühl für "Felderschwächen von bestimmter Farbe" (hier die "weißen" Felder g2 e4 c4 d7) entwickeln helfen. 1/2–1/2