Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 23
Nach den einleitenden Zügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. Sf3 (Heute halte ich 4. Dg4 für besser.) 4… Db6 5. c3 Sc6 6. Ld3 (6. Le2 ist vorzuziehen.) 6… cxd4 7. cxd4 Ld7 8. Le2 Sge7 (Den Vorzug dürfte 8… Sh6 verdienen.) 9. Sa3 wählte Duras den der Tradition zuwiderlaufenden Zug 9… Sg6 (- üblich ist 9… Sf5 mit Druckspiel gegen Bauer d4 - und stellte somit ein neuartiges und interessantes Problem zur Diskussion, ein Problem, das ich so formulieren möchte: "Ist der Zug Ne7-g6 hier als dezentralisierend aufzufassen?" Eine Bauernkette (hier die weißen Bauern d4 und e5 gegen die schwarzen Bauern d5 und e6) lässt sich im allgemeinen nur von der Basis (hier d4) aus angreifen, - weniger ratsam erscheint es dagegen, den Angriff gegen die Spitze der Kette ( hier Bauer e5) richten zu wollen. Soviel über die Kette im allgemeinen. Der spezifische Befund zeigt uns aber die Sache in einem anderen Licht, wir sehen nämlich den Springer a3 und "erschauern" ob dessen absoluter Nutzlosigkeit im Falle eines geschehenen f7-f6. Also scheint der Zug Ne7-g6 eine in gewissem Sinne doch berechtigt erscheinende Zentralaktion einleiten zu wollen und wäre demnach keineswegs als dezentralisierend anzusprechen!? Eine endgültige Stellungnahme behalten wir uns noch vor. Es folgte nun:) 10. O-O (10. h2-h4 kam in Betracht, zum Beispiel: 10. h4 Lb4+ 11. Kf1 f6 12. h5 doch ist der Erfolg dieser als Strafexpedition gedachten Diversion zweifelhaft, denn Schwarz könnte sowohl 12… Sge7 (als auch - im Opferstile! - 12… Sgxe5 ziehen. Nach 13. dxe5 fxe5 14. Dc2 ( noch am besten ) 14… Lc5 stände Weiß recht schlecht. (nicht 14… O-O wegen 15. Le3 nebst Ng5)) 13. h6 fxe5 14. hxg7 Tg8 15. dxe5 Txg7) 10… Le7 (10… f6 konnte sogleich geschehen, doch liebte es Duras, seine Pläne tunlichst zu verschleiern.) 11. Sc2 (Falls 11. Te1 so 11… Lb4 und der Turm müsste wieder nach f1 wandern 12. Ld2? Sxd4) 11… f6 12. Ld3 O-O-O Nun muss es sich entscheiden, ob die schwarze gegen e5 gerichtete Aktion wirklich von Belang ist. 13. b4 Mit der Idee, durch b5 das weiße Zentrum zu entlasten. (Gut war auch der Konsolidierungszug 13. Te1 Übrigens müssen beide Züge gemacht werden, in welcher Reihenfolge, das bleibt sich ziemlich gleich.) 13… fxe5? (Dadurch erhält Weiß das Feld d4 für den Nc2, und damit fällt die Prämisse für die Zweckmäßigkeit des ganzen f7-f6 - Angriffs in sich zusammen. (Vergleiche die Note zu 9. ... Ne7-g6.) Richtig war u. E. die Zugfolge 13. ... Kb8 nebst 14. ... Rc8. Eine plausible Variante wäre: ( 13. b2-b4 ) 13… Kb8 14. Te1 Tc8 15. Tb1 allerdings stände Weiß im Vorteil, denn er hat eine kräftige Initiative ( 16. Bd2 nebst a2-a4-a5 ) , Schwarz aber ist eingesperrt. Diese Hauptvariante bestärkt uns in dem Eindruck, daß das Manöver 9. ... Ng6 doch kaum zur Genüge motiviert gewesen sein dürfte. Und zieht man gar in Betracht, dass sich dem Schwarzen statt Ng6 das im zentralistischen Sinne vollwertig zu nennende Manöver 9. ... Nf5 bot, so kann man nicht umhin, dem Zuge 9. ... Ng6 das Epitheton "dezentralisierend" beizulegen. (nicht 15. b5 Sa5 nebst evtl. Nc4)) 14. Lxg6 hxg6 15. Sxe5? (Damit gibt Weiß den ganzen Vorteil aus der Hand; richtig war 15. dxe5 zum Beispiel: 15… Sxb4 16. Le3 nebst 17. Nc2-d4, gewiss hätte Weiß so einen Bauern eingebüßt, aber die geradezu imponierende Zentralinsel in Verbindung mit den möglichen Linearangriffen hätte ihn ziemlich bald in starken Vorteil gebracht. - Der Textzug 15. Ne5: ist fehlerhaft, denn einerseits erhält der Turm das Feld h4 ( mit Zentralauswirkung! ) und andererseits gelangt Bd7 zur Wirksamkeit. Und zum Überfluss war 15. Ne5: auch aus prinzipiellen Gründen zu verwerfen: "Für den zu blockierenden Partner bedeutet jeder Figurenabtausch eine Erleichterung." - Weiß sollte nun höchstens Remischancen behalten. (nicht 16. Tb1 wegen 16… La4)) 15… Sxe5! 16. dxe5 La4 17. Dd2! Noch der einzige Zug, (auf 17. Dd2 d4 soll 18. Lb2 d3 19. Sd4 Txd4 20. Dc3+ folgen können.) 17… Kb8? Damit revanchiert Schwarz sich für den Bock im 15. Zuge. (Durch 17… Th4! 18. Lb2 Lxb4 19. Sxb4 Dxb4 20. Tac1+ Kd7 war ein Bauer zu gewinnen, auch bliebe Feld d4 unter dauernder Kontrolle des Nachziehenden.) 18. Sd4! Intendiert eine Zentralisierung, selbst unter Preisgabe eines Bauern, und diese plötzliche wagemutige Betonung der Zentralidee rettet das dem Zusammenbruch so nahe weiße Spiel. Hätte der Anziehende schon früher an die Möglichkeit des Bauernopfers gedacht, so hätte er natürlich nicht verfehlt, 15. d4xe5 zu spielen, aber damals, also im 15. Zuge, mag er für "heroische" Beschlüsse noch nicht reif gewesen sein ... 18… Th5 (Falls 18… Lxb4 so 19. Dd3 nebst Be3 und Rb1, und Weiß erhielte ein aus Blockade und Angriff harmonisch zusammengesetztes Spiel, ganz ähnlich übrigens der in der Note zum 15. Zuge gezeigten Variante.) 19. Dd3 Tdh8 20. h3 g5 21. Le3 g4 Auf der einen Seite vollwertige Zentralzüge ( Nd4!, Qd3! und Be3! ) auf der anderen - in ihrer Hilflosigkeit rührend wirkende Flügelschläge: unter solchen Umständen macht es keine Schwierigkeiten mehr, den Sieger zu prognostizieren. 22. Sf5 Lb5 (Oder 22… Dd8 23. Sxe7 Dxe7 24. Dd4 nebst Qxg4.) 23. Da3 Eine Zentralauswirkung von großem Radius: von d4 nach a7 und g4 hin. 23… Da6 24. Dxa6 Lxa6 25. Sxe7 Lxf1 26. Txf1 g5! Es folgt noch ein zäher, aber auf die Dauer doch vergeblicher Widerstand: 27. f3! gxh3 28. g4 T5h7 29. Lxg5 Te8 30. Kh2 Kc7 Das Turmendspiel nach doppeltem Schlagen auf e7 wäre für Schwarz unhaltbar. 31. Tc1+ Kd7 32. f4 (viel einfacher gewann hier 32. Lf6) 32… Tg7! 33. Kxh3 Txg5 34. fxg5 Txe7 35. g6! Der eine g-Bauer fällt, aber der zweite wird sehr stark. 35… Tg7 36. g5 Txg6 37. Kg4 Tg8 38. Tc3 Td8 39. b5 d4 40. Th3 Kc7 41. g6 d3 42. Th1 Kd7 43. Th7+ Kc8 44. Th1 Kd7 45. Kg5 d2 46. g7 Aufgegeben. Eine für die "Zentralisierung" äußerst wichtige Partie, deren gründliches Studium wir angelegentlichst empfehlen. (Es könnte folgen 46. g7 Ke7 47. Kg6 d1=D 48. Txd1 Txd1 49. g8=D Tg1+ 50. Kh7 Th1+ 51. Kg7 Tg1+ 52. Kh8 Th1+ 53. Dh7+ Txh7+ 54. Kxh7 Kf7 55. Kh6 und gewinnt das Bauernendspiel.) 1–0