Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

2. Hemmung und Blockade

Auch damit sind, genau wie mit der Zentralisierung auch, treffliche Erfolge zu erzielen, und ich kann die Anwendung der Hemmungsstrategie allen Spielern — ohne Klassenunterschied! — bestens anempfehlen! Man erlebt es oft mit Staunen, daß gerade ein Spieler geringerer Klasse das Blockieren mit einer größeren Frische und Unbefangenheit handhabt als der in der ersten Klasse Spielende. Ganz besonders gilt Gesagtes aber für die Anwendung meines Spezialstratagems: „Des Opfers auf Blockade.“ Hier versagt der in Ehrfurcht vor dem Bauernmaterial ergraute erstklassige Amateur viel eher als der begabte Schüler aus der 2. Klasse. Man beachte beispielsweise folgende zwischen zwei Amateuren gespielte Partie.

NN – Jacobson, Karl1900

1. d4 d5 2. c4 e5 3. dxe5 d4 4. a3 Lf5 5. e3 c5 6. exd4 Sc6! Ein ganz überraschendes "Bauernopfer auf Blockade" 7. d5 Sxe5 8. Sf3 Ld6 9. Le2 Se7 10. O-O Dc7! der weiße Mehrbauer ist vorläufig nicht aktiv, die zentralisierte schwarze Armee aber bildet eine treffliche Grundlage für eine langsam aber sicher durchzuführende Einschnürung 11. Sxe5 Lxe5 12. f4 so hat nun also die Zentralwirkung d6-h2 zu einer Auflockerung der weißen Stellung geführt 12… Ld4+ 13. Kh1 O-O-O 14. Sc3 a6 (noch besser erscheint 14… Lxc3 nebst Rd6; der Angriff in der b-Linie wäre dann durch b7-b6 nebst a7-a5 auf a3-a4 leicht abzuwehren gewesen) 15. g4 (besser 15. Ld2 nebst b4) 15… Lxc3 16. bxc3 Le4+ 17. Lf3 Lxf3+ 18. Dxf3 f5! 19. h3 g6 (Zeitverlust, g4xf5 war ohnehin nicht zu befürchten, sofortiges 19… Kb8 kam in Betracht) 20. Le3 Kb8! Platz für den Blockeur! Der Springer strebt nämlich nach d6 21. Tab1 (besser 21. Df2) 21… Sc8 22. Tb3 Sd6 die weiße Stellung macht nun einen recht hilflosen Eindruck, die "weißen" Punkte c4 und e4 sind schwach, und Bauer d5, und mit ihm die Schräge f3-b7, erscheint blockiert 23. Tfb1 Ka8 24. Tb6 The8 25. Df2 Txe3! 26. Txd6 Tde8 27. Tdb6 Te2 28. Df1 De7 29. T6b2 De4+ 30. Kg1 Dd3 Aufgegeben 0–1

Der Führer der schwarzen Steine, Herr Karl Jacobsen aus Kopenhagen, war damals, nach etwa dreimonatigem Unterricht, gerade in die 2. Klasse aufgerückt.

Mit dem in obiger Partie zur Anwendung gelangten Stratagem ist die Hemmungsstrategie selbstredend bei weitem nicht erschöpft. Die Hemmung umspannt ein weites Gebiet und ist daher wahrlich nicht leicht zu assimilieren. Vor allem gilt es, den inneren Wert der Hemmung richtig zu erfassen. Eine feindliche Bauernmasse hat den Wunsch, vorzugehen; wir suchen diesem Wunsche entgegenzuwirken, indem wir uns dem drohenden Vorgehen entgegenstemmen. Wäre durch eben geschilderten Vorgang der gedankliche Inhalt des Hemmungsprozesses genügend scharf umrissen? Nein. In Wirklichkeit ist die Hemmung nur ein Teilmanöver eines sich langsam vorbereitenden Angriffs. Sie ist auf die Dauer nur dann wirksam, wenn dem mehr passiv wirkenden Entgegenstemmen eine ausgesprochene Angriffsidee angegliedert ist: besteht das Hemmungsinstrument aus einer Turmlinie, dann wird der zu hemmende Bauer selbst zum Angriffsobjekt; stützt dagegen die Hemmungsaktion sich auf eine Schräge, so fungiert als Angriffsobjekt der vom Hemmungsläufer beschossene Flügel ... Diese Erkenntnis von dem inneren, latenten Angriffswert der Hemmung (vergleiche Nr. 26—28) wird den schachlichen Horizont des Studierenden erweitern helfen.

Als unsere nächste Aufgabe betrachten wir es, den Sinn des Lernenden für den größeren oder geringeren Grad der dynamischen Schwäche eines Bauern (bzw. Bauernkomplexes) allmählich zu schärfen. Zu diesem Behuf führen wir eine Reihe von Partien vor, in denen Doppelbauerkomplexe, trotz anfänglicher Elastizität, schließlich doch zu völliger Bewegungslosigkeit erstarren. Wir halten dies für eine zweckmäßige Übung. An keinem Bauern ließe sich die dynamische Schwäche besser illustrieren als gerade an einem Doppelkomplex.

Nach diesen quasi vorbereitenden Übungen sind wir dann endlich so weit, daß wir uns mit dem Problem der Blockierung befassen können (Hemmung ist die Vorstufe dazu). So lernen wir es, ein Blockadenetz zu weben und die Gefahren zu meiden, die aus einer allfälligen Undichtigkeit desselben für uns entstehen könnten. In diesem Sinne wird die Anwendung prophylaktischer Maßnahmen ganz besonders empfohlen. Und zuletzt bringen wir zwei neuerdings aufgekommene recht eigenartige Varianten (nämlich meine Dresdener Dreiecksvariante und die Französische Partie mit „keck verstelltem“ c-Bauern) und suchen eine Brücke zwischen diesen Varianten einerseits und den Gedankengängen der Blockade andererseits zu schlagen.

Dem aufmerksamen Leser wollen wir ein sorgfältiges Studium des ganzen zweiten Abschnitts nochmals ganz besonders empfehlen. Es ist viel daraus zu lernen.