Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 24
Nach den uns aus Partie Nr. 18 wohlbekannten Einleitungszügen 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Sc3 Sf6 4. Lb5 d6 5. d4 Ld7 6. Lxc6 Lxc6 7. Dd3 Sd7 wählte Weiß 8. d5 statt Be3, vergleiche die oben zitierte Partie), und es gelang ihm, unter Ausnutzung der Schwäche des a-Bauern ein Druckspiel am äußersten Damenflügel zu erlangen. Es geschah: 8… Sc5 9. Dc4 Ld7 10. b4 Sa6 11. Le3 Le7 12. O-O O-O 13. a4 Kh8 14. Sb5 Db8 (In Betracht kam das Bauernopfer: 14… g6 und falls hierauf 15. Sxa7 so 15… f5 16. Sb5 f4 mit einigen Gegenchancen am Königsflügel.) 15. c3! (Verhindert den befreienden Vorstoß c6, zum Beispiel: 15. c3 c6 16. dxc6 bxc6 17. Sxd6 Lxd6 18. Dxa6 und Bauer b4 ist gedeckt.) 15… h6 (Auf sofortiges 15… f5 wäre 16. Lg5 die für Weiß bequeme Antwort gewesen.) 16. Sd2! Um auf f7-f5 den vorteilhaften Gegenstoß f2-f4 folgen zu lassen. (Schwarz hat einen Turm weniger im Spiel.) 16… g5 Wie wäre f7-f5 nun zu verhindern bzw. unwirksam zu machen? 17. Tfe1! f5 18. exf5 Lxf5 19. Sf1 (Noch einfacher wäre 19. f3 nebst 20. Ne4, und Weiß ist stark in den weißen Punkten und auch - nicht zuletzt - in der e-Linie. Den außerordentlich charakteristischen Turmzug könnte man auch als "mysteriösen Turmzug" bezeichnen.) 19… Lg6 20. Sg3 Lf6 21. f3 Lg7 (Für Weiß käme hier der Aufrollungszug h2-h4 in Betracht. Dieser Angriff würde aber daran scheitern, dass der (wohl bereits totgesagte!) Befreiungsversuch c7-c6 plötzlich in voller Lebensgröße auftauchen würde, zum Beispiel: 21… Lg7 22. h4? c6! 23. dxc6 bxc6 24. Dxc6 gxh4 mit unklarem Spiel. Man beachte die Vitalität der möglichen (oder auch unmöglichen) Befreiungsversuche; nur selten pflegt es vorzukommen, dass ein befreiender Bauernvorstoß für immer von der Bildfläche verschwindet, dagegen geschieht es viel häufiger, dass derselbe als Eventualdrohung unter der Oberfläche weiterlebt.) (Die richtige Hemmungsstrategie (gegen die Eventualdrohung c7-c6 gerichtet) bestand hier in der Zugfolge 22. Re1-e2 und 23. Ra1-d1 (nicht sofort 22. Rad1 wegen der störenden Antwort Bg6-c2). Dann wäre h2-h4 nicht mehr aufzuhalten gewesen. So ganz einfach wäre die Sache allerdings noch immer nicht, denn Schwarz könnte noch Gegenversuche unternehmen. Eine lehrreiche Möglichkeit zeigt beispielsweise folgende Variante: 21… Lg7 22. Te2! Kh7! (Um Bf7 folgen zu lassen, welcher Zug ohne vorhergegangenen Königszug an 23. Qe4 mit Dauerzentralisierung scheitern würde. Jetzt aber könnte auf 23. Ra1-d1 die Diversion Bf7 sehr gut erfolgen, denn 24. Qe4+ wäre dann wegen 24. ... Bg6 wertlos.) 23. h4!! (Dieser Zug wird durch die Königsstellung h7 ermöglicht!) 23… c6 24. dxc6 bxc6 25. h5 drohend hxg mit Schachgebot: Weiß gewinnt. Aus Gesagtem geht demnach die Richtigkeit von 22. Re1-e2 überzeugend hervor.) 22. Ta2 Dieser Zug gibt dem Gegner eine Möglichkeit, sein Spiel zu befreien, ohne allerdings - so schlecht war schon seine Stellung - ernst zu nehmende Rettungsaussichten zu gewähren. 22… Lf7! 23. Se4 Macht aus der Not eine Tugend, das Qualitätsopfer sollte für Weiß gewinnen. 23… c6 24. Sbxd6 Lxd5 25. De2 Lxa2 26. Dxa2 Dc7 27. b5 cxb5 28. axb5 Sb8 29. De6 Gewaltige Zentralisierung, glänzende Entwicklung und die direkte Angriffschance h2-h4, das sollte zum Gewinn genügen. 29… a6 30. h4! axb5 31. hxg5 Ta6 32. Td1 (Falls 32. gxh6 so 32… Lf6) 32… Dc4 Breyer verteidigt sich recht geistreich, und es gelingt ihm in der Tat, das Mittelspiel zu überleben, aber nur, um eine verlorene Endspielstellung zu erreichen. 33. Dxc4 bxc4 34. gxh6 Lf6 Hier fing ich an, schwach und immer schwächer zu spielen - ich stand damals noch unter dem psychischen Druck der furchtbaren Nachkriegsperiode, die ich als eines der vielen Opfer kurz vorher mitmachen musste - bis das Spiel remis wurde, es folgte: 35. Tb1 b6 36. Lxb6 Sd7 37. Le3 Lh4 38. Sxc4 (Leicht gewonnen hätte 38. Tb7 zum Beispiel 38… Sf6 39. Sf7+ Txf7 (am besten) 40. Txf7 Sxe4 41. fxe4 Ta3 42. Ld2 Ta2 43. Td7) 38… Sf6 39. Sxf6 Lxf6 40. Sd2 (auch hier gewann der direkte Angriff 40. Tb7 zum Beispiel 40… Tc6 41. Sb6 Txc3 42. Sd7 Tf7 43. Tb8+ Kh7 44. Sf8+ Kh8! 45. Lg5! Tb3 46. Te8 und gewinnt.) (Oder 40. Tb7 e4 41. fxe4 Lxc3 42. e5 Tc6 43. Sd6! und Weiß muss gewinnen. Weiß spielt - eine Depressionserscheinung! - zu wenig direkte Angriffe.) 40… Tg8 41. Se4 Lh4 42. Kh2 Ta2 43. Ld2 Lg3+ (jetzt ist ein weißer Gewinn nicht mehr möglich) 44. Kh3 Lf4 45. Sf6 Tf8 46. Lxf4 exf4 47. Tb6 Ta1! 48. Kg4 Tg1 49. Kxf4 Txg2 50. Kf5 Th2 51. Kg6 Tg2+ 52. Sg4 Tg3 53. Tb7 (Die 7. Reihe hätte früher ausgenutzt werden sollen, jetzt ist es dafür zu spät!) 53… Tgxf3 1/2–1/2