Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 26

Nimzowitsch, Aaron – Marshall, Frank JamesGroßmeisterturnier, New York, 17. März 1927

1. c4 Sf6 2. d4 e6 3. Sf3 c5 Ergibt ein beengtes Spiel. 4. d5 d6 5. Sc3 exd5 6. cxd5 g6! Der Läufer übernimmt die Kontrolle des Zentralpunktes e5 und somit auch die Verpflichtung, die weiße Zentralmasse (etwa in der Form eines Bauernpaares auf e4 und f4) am weiteren Vormarsch zu hindern. 7. Sd2! (Viele Leser werden es bedauerlich finden, daß Weiß dem von Marshall inaugurierten Zentralhemmungsproblem gewissermaßen aus dem Wege geht, anstatt etwa mittels 7. e4 Lg7 8. Ld3 O-O 9. O-O a6 10. a4 Te8 11. h3 einen Lösungsversuch zu unternehmen. Ich hielt jedoch die Stellung nach 7. e4 usw. für annähernd balanciert, im Detail schien mir die Möglichkeit 11. ... b6 nebst Ra8-a7-e7 beachtenswert zu sein. Schwarz hätte übrigens auch schon im 10. Zuge Bc8-g4 nebst Bxf3 spielen können, was wäre dann gegen den Hemmungsaufbau Qc7 nebst Turmverdoppelung in der e-Linie zu erfinden gewesen? Der freundliche Leser wird es nach alledem begreiflich finden, dass ich mit dem Textzuge auf Verwicklungen spielte, anstatt mich mittels 7. e4 auf ein Geleise zu begeben, das möglicherweise zu einer Stellung führen könnte, in der beide Partner, nach erst erreichter Maximalentfaltung ihrer Streitkräfte, doch plötzlich nicht mehr weiter können (= der sogenannte tote Punkt!).) 7… Sbd7 8. Sc4 Sb6 9. e4 Lg7 (Hier hätte 9… Sxc4 10. Lxc4 Lg7 geschehen können. Nach beispielsweise 11. O-O O-O 12. h3 Te8 13. Dd3 a6 14. a4 Ld7 wäre Schwarz in der Lage, seinen Aufbau mittels Qc7 und Turmverdoppelung in der e-Linie zu vervollständigen.) 10. Se3! Daran hatte Marshall nicht gedacht: Weiß beabsichtigt nun, a2-a4-a5 nebst erneuter Postierung des Springers auf c4 folgen zu lassen. Von nun an scheint Weiß im Vorteil zu sein. 10… O-O 11. Ld3 Sh5 12. O-O Le5 13. a4 Sf4 14. a5 Sd7 15. Sc4 Sxd3 16. Dxd3 f5 17. exf5 Txf5 18. f4 Da Weiß den Gegner gewähren ließ, so erhielt dieser die Möglichkeit, das weiße Bauernzentrum aufzurollen. Der Anziehende ist aber nach wie vor stark zentralisiert (Nc4!) und hat auch Chancen am Damenflügel. - Statt des kombinatorischen Textzuges war übrigens auch Ne4 sehr gut. 18… Ld4+ 19. Le3 Lxc3 20. Dxc3 Sf6 21. Db3 Für den d-Bauern erhält Weiß Kompensation, man beachte u. a., dass der schwarze Damenflügel schwer zu entwickeln ist. 21… Txd5 (Auf 21… Sxd5 wäre 22. Tae1!! gefolgt, womit Be6 wegen der Antwort Bxc5 verhindert wird. Schwarz wäre dann ganz hilflos, Weiß könnte dann u. a. durch Bd2 nebst Turmverdopplung in der e-Linie gewinnen.) 22. f5! gxf5 23. Lg5 (Dieser Zug enthält eine eigenartige Pointe. Falls nämlich 23. Lg5 Le6 (mit dieser Parade hat Weiß vor allem zu rechnen), so 24. Dxb7 (drohend Bxf6 nebst Figurengewinn) 24… Tc8 25. Tae1! und der Läufer muss die Deckung des einen von den beiden Türmen aufgeben, worauf Bxf6 den schutzlos gewordenen Turm gewinnt.) 23… Td4 24. Sb6+ c4 25. Dc3 axb6 26. Dxd4 Kg7 27. Tae1 bxa5 28. Te8! Der schnellste Weg zum Gewinn. 28… Dxe8 29. Dxf6+ Kg8 30. Lh6 Aufgegeben. 1–0