Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 27

Sämisch, Friedrich – Nimzowitsch, AaronIII. internationales Schachmeisterturnier, Karlsbad, 6. Mai 1923

Nach den sehr hypermodern anmutenden Einleitungszügen stand Weiß etwas freier: 1. d4 Sf6 2. c4 b6 3. Sc3 Lb7 4. Dc2 Sc6!? 5. d5 (Oder 5. Sf3 d6 6. d5 Sb8 ähnlich wie in der Partie, allerdings hätte Weiß in diesem Falle nach den weiteren Zügen g3 Bg2 und evtl. Nd4 ein besseres Spiel als im Text erlangen können.) 5… Sb4 6. Dd1 a5 Um sich auf allfälliges a3 eine sorgenfreie Retraite über a6 nach c5 zu sichern 7. e4! Sämisch zeigt hier und im folgenden seinen von wissenschaftlichem Ernst durchglühten Schachwillen: wie viele andere an seiner Stelle wären doch der Versuchung erlegen, den unangenehm wirkenden Nb4 trotz dadurch bedingter Selbstschwächung zu verjagen! 7… e5 8. g3 g6 9. Lg2 Lg7 10. Sge2 O-O 11. O-O d6 12. f4 exf4 13. gxf4 Te8 14. Sg3 Sd7 Das weiße Zentrum ist nun gehemmt. Dieser mehr passiven Hemmung sucht Schwarz nun - vergleiche Vorbesprechung - einen Angriff am äußersten Damenflügel anzugliedern. - Wir schulden dem aufmerksamen Leser übrigens eine Erklärung: wir haben das Vorhandensein der schwarzen e-Linie bisher geflissentlich ignoriert und die Hemmungsaktion als bloße Auswirkung der Läuferschräge (g7-c3) betrachtet. Ist dies richtig gesehen? Antwort: von einer höheren Warte aus unbedingt, denn die e-Linie spielte - so gut war e4 überdeckt - als Angriffsmoment fast gar keine Rolle, die wirklichen Akteure waren aber das von Expansionslust beseelte weiße Zentrum auf der einen und die schwarze hemmungs- und (wie sich bald zeigen wird) auch angriffstüchtige Schräge auf der anderen Seite! 15. Df3 (Dass Sämisch den Nb4 ruhig stehen ließ, mussten wir anerkennen, dass er ihm nun aber gar das Feld c2 überlässt, finden wir denn doch überflüssig. Zentrierung durch Be3 war am Platz. Zum Beispiel: 15. Le3 f5? 16. a3 Sa6 17. Ld4) (oder 15. Le3 Df6 (um Bd4 zu verhindern) 16. e5! dxe5 17. Sce4 Dd8 18. f5 mit starkem Angriffsspiel.) 15… a4! Die Schräge wird unternehmend (Drohung a3). 16. Ld2 La6 17. Sd1 Sc2 18. Tc1 Sd4 19. Da3 Sie hatte kein günstiges Feld. 19… Sc5 Der Durchbruch (b6-b5) war genügend vorbereitet, b6-b5 konnte also gleich geschehen. 20. Sf2 f5 (Eine falsche Fährte; der weiße Damenflügel wäre, wie bereits hervorgehoben, die richtige, zum Beispiel: 20… b5! 21. Lb4 (von Maróczy irrtümlich als Widerlegung angesehen) 21… bxc4 22. Lxc5 dxc5 23. Dxc5 Dd6 24. Dxd6 cxd6 mit haltlosem Bauer b2: Schwarz ist im Vorteil.) 21. exf5 gxf5 22. Sh5! Um auf 22. ... Ne2+ nebst Nxc1 durch den später folgenden Angriffszug Qg3 in Vorteil zu kommen. 22… De7 Die Verteidigung Bh8 nebst Kf7 wäre auch spielbar gewesen. 23. Sxg7 (Danach sollte Weiß neuerdings in Nachteil geraten, dagegen hätte er mittels 23. Kh1 Lh8! 24. Dh3 die Balance bewahrt.) 23… Dxg7 24. Kh1 Te2 25. Lc3 Lxc4 (Nun droht das Damenopfer 26. ... Qg2: 27. Kg2: Bd5+ 28. Kh3 Re3+ 29. Kh4 Nf3+ 30. Kh5 Bf7+ usw. Auf 25… Lxc4 26. Tg1 wäre 26… Kf7 die Folge, zum Beispiel: 27. Lf3 Dxg1+! nebst Nf3: mit schwarzem Vorteil. Das Interessanteste an der Sache ist aber, dass dieses Damenopfer später in veredelter Form wiederkehren hätte sollen, vergleiche die Note zum 26. Zuge von Schwarz.) 26. Lf3 Kf8? (Ein durch Zeitnot verursachter Fehler. Das Damenopfer wäre immer noch sehr stark gewesen, zum Beispiel: 26… Sxf3 27. Lxg7 Lxd5 und Weiß wäre so ziemlich hilflos, beispielsweise 28. Lh6 (Auf 28. Kg2 Kxg7 29. Kh3 Te6 30. Tg1+ Kf7 hätte Schwarz bei nur ganz geringem materiellen Minus sehr starken Angriff behauptet, der sehr wahrscheinlich entscheidend geworden wäre.) 28… Kf7 29. Tcd1 Td2! 30. Txd2 Sxd2+ 31. Kg1 Tg8+ 32. Lg5 Sf3+ 33. Kg2 Sxg5+ 34. Kg3 und nun 34… Sf3+ 35. Kh3 Sd2 36. Td1 Lg2+ 37. Kh4 Sf3+ 38. Kh5 Se6 39. De3 (oder 39. Sh3 Tg4) 39… Tg6 und gewinnt. Demnach konnte Schwarz also im 26. Zuge die Partie sehr elegant (die vielen stillen Züge!) entscheiden.) 27. Lxd4? (Eine schnelle Revanche für den soeben geschehenen Zeitnotfehler, die natürlich auch ihrerseits durch Zeitmangel zu erklären ist. 27. Tcd1 Sd3 28. Lxd4 Dxd4 29. Lxe2 Sxf2+ 30. Txf2 Dxf2 31. Lxc4 hätte für Weiß entschieden.) 27… Dxd4 28. Lxe2 Lxe2 29. Dh3 Weiß hat kaum etwas Besseres. 29… Dxd5+ 30. Kg1 Lxf1 31. Dh6+ Ke8 32. Kxf1 Kd7 33. Dxh7+ Kc6 Schwarz sollte jetzt ohne Schwierigkeiten gewinnen. 34. Dh3 Tg8 35. b4 axb3 36. axb3 Kb7 37. Tc3 Ta8 38. Df3 Ta1+ (Damit erschwert sich Schwarz den Gewinn ganz bedeutend: den Turm hätte er vorderhand auf a8 stehen lassen sollen, sofortiges 38… Se4 hätte leicht gewonnen.) 39. Kg2 Se4 40. Sxe4 fxe4 41. Txc7+ Die dank 38. ... Ra1+ ermöglichte Ressource. 41… Kxc7 42. Dc3+ Kb7 43. Dg7+ Kc6 44. Dxa1 e3+ Nun folgt ein äußerst lehrreiches Damenendspiel, in dem Schwarz etwas besser steht. Wir geben die Züge in fortlaufender Reihe. 45. Kg3 Dd2 46. Da8+ Kc5 47. Da3+ Kd5 48. Da4 De1+ 49. Kg4 De2+ 50. Kg3 b5 51. Db4 Df1 52. h4 (Remischancen gewährte 52. f5! zum Beispiel 52… Ke5 53. Dc3+ Ke4 54. Dc6+ nebst Remis.) 52… Df2+ 53. Kg4 Dg2+ 54. Kf5 Dc2+ 55. Kg4 Ke6! (55… Ke6 diesen Zug hatte Weiß in der Vorausberechnung übersehen, falls nun 56. Dxb5 Dg2+ 57. Kh5 Dd5+ und gewinnt) 56. f5+ Dxf5+ 57. Kg3 e2 58. Dc3 Df1 59. De3+ Kf7 60. Da7+ Kg6 61. h5+ (die Flamme des ewigen Schachs will von Zeit zu Zeit durch frisches "Holz" genährt werden!) 61… Kxh5 62. Dh7+ Kg5 (nun entkommt der König nach b2, aber dieses Fluchtfeld muss zuerst noch durch Aufstellung einer Kulisse (Bauer d5) vulgo Rückendeckung gesichert werden) 63. Dg7+ Kf5 64. Df7+ Ke5 65. De7+ Kd5 66. Db7+ Kd4 67. Db6+ Ke4! (noch wäre die Flucht nach b2 hin zwecklos) 68. Dc6+ d5! (die Kulisse!) 69. De6+ Kd4 70. Db6+ Kd3 71. Dxb5+ Kc2 Aufgegeben. Bei Bauer d6 statt Bauer d5 würde Qc4+ remis machen. Resümee: Nach 23. Kh1, statt Nxg7, wäre die schwarze e-Linie kaum entscheidend zu verwerten gewesen. Dagegen hätte das (laut Vorbesprechung) korrekte Vorgehen am Damenflügel (19. ... b6-b5 oder 20. ... b6-b5) einen ziemlich leichten schwarzen Sieg ergeben. 0–1