Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 34
Diese Partie habe ich bereits im "System" gebracht. Wenn ich sie hier trotzdem wiederhole - freilich anders glossiert -, so geschieht es aus dem Grunde, weil ich sie als Relation zu unserer Nr. 33 nicht entbehren kann. 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 O-O Gegen Janowsky, siehe vorige Partie, zog ich hier b6. 5. Ld3 c5 6. Sf3 Sc6 7. O-O Lxc3 8. bxc3 d6 9. Sd2 (Ein feiner Zug. 9. Sd2 Falls nun 9… e5 so 10. d5 Se7 (nicht nach 10… Sa5 wegen 11. Sb3) 11. e4 mit einer Bauernkonfiguration, wie wir sie aus der vorigen Partie ( Zug 22 ) kennengelernt haben; der einzige vielleicht in Betracht kommende Unterschied wäre allenfalls der, dass der schwarze b-Bauer noch auf b7 ( nicht schon auf b6 ) stände und der Aufrollungsangriff a2-a4-a5 somit nicht drohte. Wird es aber dem b-Bauern angesichts der offenen b-Linie gelingen, sich auf b7 zu behaupten?) 9… b6 Um das Feld b7 für den ... Springer zu öffnen; Schwarz plant nämlich e6-e5 d4-d5 Nc6-a5 und falls hierauf Nd2-b3, so Na5-b7. 10. Sb3 (Hier war 10. f4 der gegebene Zug. Nach 10… e5 11. fxe5 dxe5 12. d5 Sa5 13. Sb3 Sb7 14. e4 Se8 nebst Ned6 wäre die Bauernkonfiguration der Nr. 33 ( nach dem 36. Zuge ) erreicht, die im großen ganzen doch ziemlich mumifiziert wirkt.) 10… e5! 11. f4 e4! Dieser Zug wäre auch auf 11. d4-d5 erfolgt, zum Beispiel: 11. d5 e4 12. Be2 Ne5 mit Zentralisierung bzw. 11. d5 e4 12. dxc6 exd3 mit Vorteil für Schwarz. - Die Pointe des vor sich gegangenen, anscheinend unblutigen Kampfes ( Zugfolge 9-11 ) besteht gerade darin, dass dieser in Wirklichkeit voller Spannung und sehr blutig war: Weiß hatte den Zug f2-f4 um ein Tempo zu spät getan, dadurch gelang es dem vorwärtsdrängenden e-Bauern, dem gerechten Zorn des f-Bauern mit knapper Not zu entgehen. Hätte Schwarz im 11. Zuge Qe7 gezogen ( statt e4! ) , um sodann, auf erfolgtes 12. fe de 13. d5 den Rückzug d8 zu wählen ( besser wäre aber 13. ... e4! ) , dann käme wieder 14. e4 Ne8 mit allgemeiner Mumifizierung. Nach dem Textzuge 11. ... e5-e4 hat Schwarz ein neues und sehr schwieriges Problem zu lösen, nämlich: Hemmung des weißen Königsflügels (der Bauern f, g und h). 12. Le2 Dd7!! (Eine äußerst schwierige und komplizierte Hemmung wird hierdurch eingeleitet. Eine andere Hemmungsmöglichkeit bestand hier in 12… Se8 doch würde dies nach 13. g4 f5 14. d5 Se7 15. g5 neuerdings zu einer Versteinerung führen, es fehlen eben die Springerfelder c5 und namentlich f5. Eine Hemmungsaktion so zu führen, dass Mumifizierung vermieden bleibt, dies macht das zu lösende Problem zu einem schwer lösbaren!) 13. h3 Se7 14. De1 (Sollte der weiße Angriff nicht einmal zur "Mumifizierung" ausreichend sein, wird man fragen. Nun, man prüfe: 14. Ld2 Sf5 ( dieses Feld wirkt initiativ, beispielsweise droht nun Ng3 nebst Abtausch des den Bauer c4 stützenden Läufer e2 ) 15. De1 g6 16. g4 Sg7 17. Dh4 Sfe8 und nun 18. a4 ( u. a. auch, um Qa4 zu verhindern ) . Falls 18… f5 so 19. g5 nebst 20. d5. Damit wäre eine schwer zu beurteilende Stellung erreicht, zum Beispiel: 19… Sc7 20. d5 La6! ( ein Präventivzug, gegen das drohende a4-a5 gerichtet, darauf soll nun stets b5 erfolgen können ) 21. Kf2 Df7! 22. Tfd1 (22. Dh6 scheiterte an der Kombination 22… Sxd5 23. cxd5 Lxe2 24. Kxe2 Dxd5 25. Sc1 Sh5! mit dauernd abgesperrter Dame: Schwarz gewinnt durch allgemeinen Bauernvormarsch )) 22… Kh8 und dann 23. ... Nh5, und Schwarz sucht mittels Rg8 Kh8-g7-f8-e7-d7 den Durchbruch h7-h6 vorzubereiten. Hält man sich ferner vor Augen, dass Schwarz vor geschehenem 20. ... Ba6 noch erst a7-a5 hätte spielen können ( um die Gegenchance a4-a5 zu amputieren ) , so wird man sich darüber klar, dass die von weißer Seite anzustrebende Mumifizierung auf große praktische Schwierigkeiten stoßen muss.) 14… h5 Der Beginn der Einschnürung. 15. Ld2 (Oder 15. Dh4 Sf5 16. Dg5 Sh7 17. Dxh5 Sg3) 15… Df5! Um nach h7 zu wandern, dies war die originelle Pointe des Hemmungsmanövers. 16. Kh2 Dh7! 17. a4 Sf5 (17… Sf5 Drohend 18. -- Sg4+ 19. hxg4 hxg4+ 20. Kg1 g3 usw.) 18. g3 a5 b6 ist leicht zu decken. 19. Tg1 Sh6 20. Lf1 Ld7 21. Lc1 Tac8 Nun ist die Sachlage eine andere als beim 14. Zuge. Schwarz braucht die Abschließung durch d4-d5 nicht mehr zu fürchten, er hat Spiel genug am Königsflügel. 22. d5 Kh8 23. Sd2 Tg8 24. Lg2 g5 25. Sf1 Tg7 26. Ta2 Sf5 27. Lh1 Tcg8 28. Dd1 gxf4! 29. exf4 Lc8 30. Db3 La6 31. Te2 (Weiß nimmt seine Chance wahr. Der e-Bauer ist schutzbedürftig geworden. Auf reines Verteidigungsspiel, wie etwa 31. Ld2 wäre es zu einer schönen Kombination gekommen, nämlich 31… Tg6! 32. Le1 Sg4+ 33. hxg4 hxg4+ 34. Kg2 Lxc4! 35. Dxc4 und nun folgt der stille Zug 35… e3!! und das Matt auf h3 ist nur durch 36. Sxe3 zu parieren. Das kostet aber die Dame.) 31… Sh4 32. Te3 (Hier hatte ich natürlich 32. Nd2 erwartet, denn die Schutzbedürftigkeit des wichtigen Bauer e4 bildet, wie bereits hervorgehoben, die einzige Gegenchance für Weiß. Darauf wäre ein reizendes Damenopfer die Folge gewesen, nämlich 32. Sd2 Lc8 33. Sxe4 Df5! 34. Sf2 Dxh3+ 35. Sxh3 Sg4# Die Pointe liegt übrigens darin, dass die Züge Bc8 und Qf5 keineswegs umgestellt werden dürfen, zum Beispiel:) (32. Sd2 Df5? ( statt Bc8! ) 33. Dd1! Lc8 34. Df1 und alles ist gedeckt) (während auf 32. Sd2 Lc8! 33. Dd1 der Zug 33… Lxh3 den Eckpfeiler des weißen Gebäudes wegfegen würde. 34. Kxh3 Df5+ usw.) 32… Lc8 33. Dc2 Lxh3! 34. Lxe4 (34. Kxh3 Df5+ 35. Kh2 hätte Matt in drei Zügen zur Folge.) 34… Lf5 Das Beste, denn nun ist h5-h4 nicht mehr aufzuhalten; nach Fall des Bauer h3 ist die Verteidigung eben hoffnungslos geworden. 35. Lxf5 Sxf5 36. Te2 h4 37. Tgg2 hxg3+ 38. Kg1 Dh3 39. Se3 Sh4 40. Kf1 Te8! (40… Te8 Ein präziser Schlusszug, denn nun droht 41. -- Sxg2 42. Txg2 Dh1+ 43. Ke2 Dxg2+ und gegen diese Drohung ist Weiß wehrlos.) (Auf 40… Te8 41. Ke1 würde sogar Matt durch 41… Sf3+ 42. Kf1 Dh1+ erfolgen. Eine der schönsten Blockadepartien, die ich je gespielt habe.) 0–1