Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 33

Janowski, Dawid – Nimzowitsch, AaronGroßmeisterturnier, St. Petersburg, 29. April 1914

Nach den einleitenden Zügen 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 b6 5. Ld3 Lb7 6. Sf3 Lxc3+ 7. bxc3 d6 (möglich war 7… c5! nebst Nc6) 8. Dc2 Sbd7 9. e4 e5 hatte Schwarz eine anscheinend wohlkonsolidierte Stellung erreicht. Indes spielt der Läufer auf b7 eine ziemlich zweifelhafte Rolle, denn, einerseits genügen seine Kräfte nicht, um d4-d5 zu erzwingen, und andererseits macht sich sein Fehlen auf der Schräge c8-g4 sehr bald unangenehm bemerkbar. Der Übergang in die offene Partie war eben zu plötzlich erfolgt. Es geschah nun 10. O-O O-O 11. Lg5 h6 12. Ld2 Te8 13. Tae1 Sh7 (Durch den etwas befremdend wirkenden Zug 13. ... Re8-e6 (nebst Qe8) hätte Schwarz darauf spielen können, das gegnerische "Verharren" zu unterbinden (also d4-d5 zu erzwingen). Die Folge könnte etwa sein: 13… Te6 14. Sh4! um die Felderschwäche f5 auszunutzen, vergleiche die Note zum 9. Zuge 14… g6! 15. f4 (nicht 15. Lxh6 wegen 15… Sg4) 15… exf4 16. Lxf4 und nun hätte Schwarz die Wahl zwischen 16. ... g5? 16. ... Nh5 und 16. ... Qe8. Das strategische Ziel, das der Nachziehende sich gesetzt haben mag, würde bei 16. ... Qe8 am klarsten hervortreten, nämlich 16… De8 (Noch einleuchtender wäre aber die Variante 16… Sh5 zum Beispiel: 17. Df2? Tf6 18. g3 g5 19. e5 Sxf4 20. gxf4 Txf4 und gewinnt) (oder 16… Sh5 17. Lg3 Sxg3 18. hxg3 Dg5 nebst Ra8-e8 und Schwarz hätte nichts auszustehen.) 17. d5 Te7 18. Lxh6 Sg4 19. Lg5 f6 20. Lc1 Sge5 und Weiß erfreut sich zwar des Besitzes eines Mehrbauern, ist aber im übrigen nicht auf Rosen gebettet, u. a. ist sein Doppelkomplex gelähmt und Schwarz hat Zentralpunkte.) (Wahrscheinlich wäre aber auf 13… Te6 die Antwort 14. Te2 erfolgt, zum Beispiel: 14… De8 15. Tfe1 und Weiß setzt mit äußerster Hartnäckigkeit die Politik des Verharrens fort. Aber auch Schwarz hätte einen Erfolg zu buchen, die Möglichkeit f2-f4 ist, dank dem Wegzug des f-Turmes, in die Ferne gerückt.) (Außer 13. ... Re6 kam auch 13… Sf8 in Betracht, zum Beispiel: 14. h3 Sg6 15. Sh2 Te7 16. f4? exf4 17. Lxf4 De8 18. d5 c5 und d4-d5 wird doch erzwungen.) (Und schließlich war auch an ein sofortiges 13… c5 zu denken, doch könnte Weiß hierauf mittels 14. d5 alles verbauen.) 14. h3 (Auf 14. Kh1 (im Kongressbuch empfohlen) könnte u. a. auch 14… Sdf6 geschehen, zum Beispiel: 15. Sg1 Sg4 und der Vorstoß f2-f4 erwiese sich als undurchführbar.) 14… Shf8 (Auch hier wäre 14… Sdf6 usw. möglich gewesen.) 15. Sh2 Se6 16. Le3 c5! 17. d5 Sf4 Schwarz hat seine am Damenflügel dank c7-c5 verlorengegangenen Chancen am Königsflügel wiedergefunden. 18. Le2 Sf8 19. Lg4 Lc8 Endlich gelangt der Läufer auf die rechte Diagonale. 20. Dd2 La6 (20… S8g6 wäre einfacher gewesen, aber Schwarz glaubt nicht an seinen eigenen Königsangriff; dass es ihm nicht gelingen wollte, d4-d5 ohne Zugeständnisse an den Gegner zu erzwingen - denn c7-c5 war ein solches - hatte ihn deprimiert. Er begnügt sich daher im nachfolgenden damit, eine Froschstellung einzunehmen, und hätte so beinahe - die Partie gewonnen.) 21. g3 S4g6 22. Le2 Sh7 23. h4 Sf6 24. Ld3 Tb8! Der Turm wird als Präventivfigur nach e7 gebracht. 25. De2 Tb7 26. Lc1 Tbe7 27. Kh1 Lc8 28. Tg1 Kf8 29. h5 Sh8 30. g4 Sh7 31. Lc2 Tb7 32. f4 f6 Endlich hat Janowsky den schon immer geplanten Vorstoß durchgesetzt, doch musste er, um dieses zu erreichen, manch wertvollen Punkt preisgeben, zum Beispiel: g5; dies rächt sich späterhin. 33. fxe5 (33. g5 führte zu keinem Resultat, zum Beispiel: 33… fxg5 34. fxg5 hxg5 35. Tg3 Sf7 36. Sf3? g4 usw.) 33… dxe5 34. Sf3 Sf7 35. Tef1 Kg8 36. Sh4 Sd6 37. Sf5 Lxf5 38. gxf5 Sg5 Vergleiche die Note zum 32. Zuge. 39. Lxg5 hxg5 40. La4 Er kümmert sich nicht um seinen eigenen schutzbedürftigen h-Bauern und sucht vielmehr den gegnerischen Damenflügel aufzurollen (Bc6 nebst a2-a4-a5 usw.). Wir werden gelegentlich der später zu besprechenden Partien sehen, dass diese Aufrollungsaktion dem Sinne nach eine Strafexpedition bedeutet (das geschehene c7-c5? wird geahndet). Dass Janowsky, trotz der im eigenen Lager vorhandenen Schwächen, den kühnen Versuch unternimmt, die gegnerischen Schwächen rücksichtslos aufzudecken, muss rühmend anerkannt werden. (Janowsky hatte ein wunderbar feines Schachgefühl). - Anderer Meinung ist das Kongressbuch: es verurteilt Janowskys scharfe Kombination und hält den hieraus resultierenden Bauernverlust für entscheidend. Aber selbst wenn dem so wäre - was wir bezweifeln -, so bliebe der Wert der Variante in gewissem Sinne doch unangetastet. Denn durch das Janowskische Manöver - ob korrekt oder nicht - wird das Geheimnis der Stellung entschleiert! Wir geben den Rest in fortlaufender Reihe. 40… Tf8 41. Lc6 Tb8 42. a4 Kf7 43. Kg2 Th8 44. Th1 Th6 45. Ta1 Dc7 46. Kf2 Tbh8 47. Ke3 Kg8 48. Kd3 Df7 49. a5 Txh5 50. Txh5 Txh5 51. axb6 Th3+ 52. Kc2 axb6 53. Ta8+ Kh7 54. Td8 Da7 55. Ta8 Df7 56. Kb3 (Hier stolpert Weiß. Wie sollte denn Schwarz nach 56. Rd8 gewinnen können? Man sehe 56. Td8 Da7 57. Ta8 Dc7 58. Kb3 Th4 59. Da2 Txe4 60. Tf8 Sxf5 (oder 60… g6 61. Da8 gxf5 62. Th8+ Kg6 63. Le8+ Kg7 64. Lh5 nebst Matt in wenigen Zügen.) 61. Da8 Sd6 62. Td8 usw. Es scheint also, dass die zur Umgehung verdichtete Aufrollungsaktion stark genug war, und dass das Kongressbuch somit irrt, wenn es den Bauernverlust für entscheidend hält. Nach dem fehlerhaften Textzuge sollte Schwarz allerdings leicht gewinnen können.) 56… Dh5! 57. Dxh5+ Txh5 58. Le8 Sxe8? (Ermüdet durch die langwierige Verteidigung verfehlt hier Schwarz die sofort entscheidende Gewinnfortsetzung. Sie bestand in 58… Th6! Falls hierauf 59. Td8 so einfach 59… g4 usw.) (falls aber 58… Th6 59. Lg6+ so gewinnt Schwarz durch 59… Txg6 60. fxg6+ Kxg6 61. Kc2! Sxe4 62. Kd3 Kf5! (diesen letzten Zug hatte Schwarz in der Vorausberechnung übersehen!). Nach dem Textzuge dürfte ein Gewinn für Schwarz nicht mehr nachzuweisen sein. Es folgte) 59. Txe8 Th2 60. Ta8 g4 61. Ta1 Kh6 62. Ka4 Kg5 63. Kb5 Kf4 64. Tg1 Der beste Zug. Es drohte Kxe4 nebst Kf5 und schnellster Vormarsch der Freibauern 64… Kxe4 65. Txg4+ Kxf5 66. Txg7 Tb2+ 67. Kc6 e4 68. d6 Td2 69. d7 e3 70. Kxb6 (70. Kc7 verlöre für Weiß) 70… e2 71. Te7 Txd7 72. Txe2 Td3 73. Tc2 Td8 Nach weiteren zwölf Zügen als Remis erklärt. Eine schwierige Partie. 74. Tc1 Tb8+ 75. Kc7 Te8 76. Kd6 Td8+ 77. Kxc5 Tc8+ 78. Kd6 Txc4 79. Kd5 Tc8 80. c4 Td8+ 81. Kc6 Kg4 82. Tg1+ Kh3 83. c5 f5 84. Kc7 Tf8 85. c6 f4 1/2–1/2