Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 32
Der Doppelkomplex der vorigen Partie, durch d3-d4 erweitert und ... geschwächt, dies bildet das Kampfthema der vorliegenden Partie. Mag der weiße Vorstoß (d4) auf die weiße Partie, als Ganzes genommen, auch stimulierend eingewirkt haben, für den Komplex selbst bedeutete er den ersten Schritt auf einer abschüssigen Bahn. Und d4-d5 war der zweite und letzte Schritt. Man verstehe mich recht: Das Wohl und Wehe des Komplexes braucht sich nicht immer mit dem des ganzen Partieorganismus zu decken, in der Regel pflegt dies allerdings doch der Fall zu sein. - Man beachte des weiteren, auf welche Art und Weise Weiß trotz allen Sträubens doch zu d4-d5 gezwungen wurde. Hier die Partie: 1. d4 Sf6 2. Sf3 e6 3. c4 b6 4. g3 Lb7 5. Lg2 Lb4+ 6. Sc3 um das Problem des Doppelkomplexes zur Diskussion zu stellen 6… O-O 7. O-O Lxc3 8. bxc3 d6 9. a4! um a7-a5 zu provozieren und das Feld a5 somit für ein etwaiges Nb8-c6-a5 zu sperren 9… a5 (oder 9… Sc6 10. Sd2 Sa5 11. Lxb7 Sxb7 12. Sb3 und der Komplex befindet sich einigermaßen wohl) 10. La3 Sbd7 11. Sd2 Lxg2 12. Kxg2 e5 13. e4 jetzt ist der durch d3-d4 erweiterte Komplex der Nr. 31 in Lebensgröße zu sehen 13… Te8 (drohend exd4 nebst Nxe4). Für gewöhnlich erweist sich dieses Drohspiel als hinreichend, um d4-d5 erzwingen zu können, hier aber ist der e-Bauer bequem zu decken 14. f3 Sf8 der Re8 fungiert nun als Präventivfigur, er erschwert f3-f4 15. Tf2 Dd7 16. Sf1 Sg6 17. Lc1 Kh8 18. Se3 Sg8 19. h4 Dc6 20. h5 S6e7 21. Dd3 Tf8 22. g4 g6! 23. Ld2! gxh5 24. Sf5 (Die Idee, den drohenden Vorstoß f7-f5 selbst um den Preis eines Bauernopfers zu verhindern, ist richtig, es fragt sich aber, ob dieselbe durch 24. Rah1 nicht schärfer zu pointieren gewesen wäre, zum Beispiel: 24. Th1 Dxa4 25. Txh5 f6 26. Kg3 nebst Triplierung in der h-Linie. Aber Weiß, der auf den ersten Preis stand, wollte nicht allzu scharf vorgehen.) 24… Sxf5 25. gxf5 Sf6 26. d5 Also doch! Immerhin hat der Komplex in puncto "Verharren" gute Arbeit geleistet. 26… Dd7 27. De3 Tg8+ 28. Kh1 De7 29. Th2 Tg7 30. Le1 Sd7 Mit Rücksicht auf das drohende Bh4. 31. Txh5 (Einfacher erscheint 31. Lh4 f6 32. Dh6 Df7 gefolgt von Hin- und Herzügen des Damenturmes (Ra1-d1-a1 usw.).) 31… Tag8 32. Lf2 f6 33. Th2! Die das Spiel konsolidierende Aufstellung. 33… Tg5 34. Lh4 Th5 35. Tg1 Df8 36. Tg4 Dh6 37. Dxh6 Txh6 38. Lf2 (Zu einem klaren Remis hätte 38. Txg8+ nebst Bf2 geführt.) 38… Txh2+ 39. Kxh2 Tb8! (Es ist für die Bedeutung der Schwäche eines gelähmten Doppelkomplexes bezeichnend, dass Schwarz ungeachtet dessen, dass seine eigenen Bauern in gewissem Sinne auf schwachen Füßen stehen (denn sie stehen ja auf Feldern von der Farbe des gegnerischen Läufers), doch Gewinnversuche machen dürfen. Und nicht nur durch den Textzug, sondern auch durch 39. ... Rc8. Zum Beispiel: 39… Tc8 40. Tg1! c6 (das ist das in Lähmungsfällen ganz besonders angezeigt erscheinende Befragen des vorgelockten Komplexes: zuerst wird das Vorlaufen provoziert, d3-d4-d5, und dann erfolgt mittels c6 die Abrechnung; hier verläuft dieselbe allerdings nicht ungestört, denn durch direkten Königsangriff hatte Weiß seinerseits gegnerische Schwächen provoziert) 41. Tb1! cxd5 42. cxd5 Txc3 43. Lxb6 Txf3 44. Lxa5 Sc5 die Stellung ist dann äußerst zweischneidig, immerhin scheint mir der Nachziehende eher im Vorteil zu sein.) 40. Tg1 Sc5 41. Ta1 Kg7 42. Le3 Kf7 43. Ta2 Sd3 Gerade dagegen waren die zwei letzten Präventivzüge gerichtet. Schwarz sollte mit Remis zufrieden sein. 44. Td2 Se1 45. Kg3 Tg8+ 46. Kf2 Sg2 47. Lh6! (Die Parade, die in einem Springerfang gipfelt, nämlich 47. Lh6 Sh4 48. Ke3 Tg3 49. Th2! Sxf3 50. Kf2 Sxh2 51. Kxg3 Sf1+ 52. Kg2 und der Springer ist eingesperrt.) 47… Sf4? (Kostet einen Bauern und nach zähem Endkampf auch die Partie. Durch 47… Sh4 48. Ke3 Sg2+ konnte Colle das von ihm gut geführte Spiel leicht remisieren. Das Schlussspiel geben wir in fortlaufender Notation, obzwar dasselbe eine äußerst lehrreiche Illustration zu der "absoluten" 7. Reihe darstellt. Wir sparen eben an Platz, nicht aber an Regeln, Winken und ... Mühewaltung!) 48. Lxf4 exf4 49. Td1 Ke7 50. Th1 Tg7 51. Th4 c6 (ein spätes Befragen, auf das aber die Antwort nicht leicht fällt) 52. Txf4 h5 53. Th4 Th7 54. Th1! Kd7 55. Tg1 cxd5 56. cxd5 h4 57. Tg8 h3 58. Ta8 Th6 59. Ta7+ Kc8 es ist erreicht, der Turm hält die absolute 7. Reihe, während das Blockieren vom König besorgt wird 60. Kg1 h2+ 61. Kh1 Th3 nun kommt es darauf an, wer der Schnellere ist 62. Tf7 Txf3 63. Txf6 Kd7 64. Tf7+ Ke8 65. Tb7 Txc3 66. Txb6 Ke7 67. Tb7+ immer dasselbe Motiv, die 7. Reihe! 67… Kf8 68. Ta7 Tc4 69. Txa5 Txe4 70. Ta7 Tf4 71. a5 Txf5 72. a6 Triumph der "absoluten" 7. Reihe, will besagen des Besitzes der 7. Reihe bei dem auf der 8. Reihe festgehaltenen König, vergleiche Partie 12 72… Tf1+ (denn auf 72… Txd5 73. Tb7 Ta5 entscheidet 74. a7 nebst Rb8 mit Schachgebot!) 73. Kxh2 Ta1 74. Ta8+ Kg7 (oder 74… Ke7 75. a7 nebst Rh8 usw.) 75. Kg3 Ta4 76. Kf3 Kf6 77. a7 Kg7 78. Ke3 Aufgegeben. 1–0