Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 31

Nimzowitsch, Aaron – Sämisch, FriedrichInternationales Meisterturnier, Dresden, 14. April 1926

Es gelingt dem Schwarzen nicht, den gegnerischen Doppelkomplex zu einem Vormarsch zu bewegen (Weiß "verharrt" vielmehr), das Krankheitsbild tritt somit nur unklar in die Erscheinung. Doch entschädigt hierfür die mögliche Beobachtung eines interessanten Nebensymptoms, nämlich einer bezeichnenden "Hilflosigkeit" der weißen Offiziere. Diese Offiziere wären an und für sich wohl angriffsbereit, doch wird ihre Angriffslust durch das Bewusstsein gelähmt, dass auf das Mitgehen der eigenen "Bauernpartei" nicht absolut zu rechnen ist. Da die inkriminierte Bauernmasse auch im defensiven Sinne ziemlich unzuverlässig ist (denn schließlich droht doch mal eine Aufrollung durch c7-c6 nebst d6-d5), so erscheint die unschlüssige Haltung der Offiziere (10. Qc2 11. Qd2) genügend motiviert. - So wird die verborgene Bauernschwäche auf eine für den Lernenden deutlich sichtbare Fläche projiziert und das Studium der Partie lohnend gemacht. 1. c4 e5 2. Sc3 Sf6 3. Sf3 Sc6 4. e4 Lb4 5. d3 d6 6. g3 Lg4 7. Le2 eine nur scheinbare Inkonsequenz, denn der Zug g2-g3 war namentlich auch als Deckungszug für den gelegentlich nach h4 strebenden Springer gedacht, auch würde 7. Bg2 - andererseits - Nd4 zulassen 7… h6 8. Le3 Lxc3+ 9. bxc3 Dd7 10. Dc2 (Weiß erkennt die Beweglichkeit der eigenen Zentralmasse als gering an, denn d3-d4 und gar d4-d5 würde ja nur zu einer - in der Schwäche von Punkt c5 begründeten - Lähmung führen. Also sucht er seine Figurenzüge den bescheidenen Terrainverhältnissen anzupassen. In diesem Sinne käme auch 10. Sd2 in Betracht (um mittels f2-f3 eine Froschstellung zu etablieren), beispielsweise 10… Lxe2 11. Dxe2 Sg4 12. f3 Sxe3 13. Dxe3 O-O 14. O-O mit annähernd gleichem Spiel.) (Dagegen wäre 10. Qd2 als ein Missbrauch des zu Gebote stehenden bescheidenen Terrains aufzufassen, denn das Feld d2 soll offen bleiben; auch stände die Dame mit Rücksicht auf den möglichen Ausblick nach a4 einerseits und die Reservedrohung d4 andererseits doch besser auf c2. Auf 10. Dd2 empfehlen wir 10… Sa5 zum Beispiel: 11. Dc2 O-O nebst Rfe8 c7-c6 und d6-d5, und Schwarz dürfte im Vorteil sein. Es folgte:) 10… O-O? (Auch jetzt würden wir 10… Sa5 vorgezogen haben 11. d4? Sxc4!) 11. Dd2! Nun am Platz, die schwarze Rochade ist gefährdet. 11… Sh7? Um f7-f5 folgen zu lassen. Dies erweist sich jedoch als undurchführbar, und so bleibt als Fazit bloß der dezentralisierte Nh7 übrig. 12. h3! (Außerdem wäre auch noch 12. Sh4 ausreichend gewesen.) 12… Lxh3 (Verliert eine Figur. Schwarz hatte nur mit 13. Bxh6 gerechnet, was übrigens auch stark gewesen wäre 12… Lxh3 13. Lxh6 Lg2 14. Th2 Lxf3 15. Lxf3 gxh6 16. Dxh6 f6 17. Lg4! usw.) 13. Sg1! Lg4 14. f3 Le6 15. d4 und Schwarz kann die Figur nicht retten. Es folgte noch 15… exd4 16. cxd4 d5 17. cxd5 Lxd5 18. exd5 Dxd5 19. Td1 Tfe8 20. Kf2 Sf6 reumütige Wiederkehr des dezentralisierten Springers 21. Th4 Se7 22. Ld3 Sf5 23. Lxf5 Dxf5 24. Kg2 Te7 25. Lf2 Tae8 26. Tf4 Dg6 27. d5 nach vollzogener Konsolidierung - Zug 24 und 25 - sucht Weiß dem Gegner nun Punkt d5 streitig zu machen, damit schwindet die letzte Hoffnung des Nachziehenden 27… Te5 (falls 27… Td7 so 28. Da5 usw.) 28. Td4 Td8 29. Da5 Sh5 30. Dxc7 Tde8 31. d6 Aufgegeben. 1–0