Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 30
Eine ziemlich harmlos anmutende "Holländische" im Anzuge, die allerdings in den Zügen 6-10 einen - wenn auch unzureichenden - Anlauf nimmt, ungewöhnliche Wege zu gehen: 1. b3 Sf6 2. Lb2 e6 3. f4 d5 4. Sf3 Le7 5. e3 Sbd7 6. Ld3 (um auf 6. Ld3 Sc5 zu rochieren 7. O-O nach 7… Sxd3 8. cxd3 folgt d3-d4 d2-d3 Ne5 nebst Spiel in der c-Linie) 6… Se4 7. Se5 O-O 8. O-O Sxe5 9. Lxe4 Sd7 10. Lf3 Lf6 das Spiel sieht nach Remis aus 11. Sc3 c5 12. De1 (12. De2 d4 13. Se4? d3! 14. Sxf6+ Dxf6 15. Lxf6 dxe2 und gewinnt) 12… b6 (12… Sb6 um e6-e5 vorzubereiten, gefiele uns besser) 13. g4 La6 14. d3 d4 (dies führt im Ergebnis nur zu einer Versteifung des Bauernskeletts, während Schwarz doch gerade eine Öffnung des Spiels anstreben sollte. Richtig war 14… Tc8 nebst evtl. c5-c4) 15. Se4 Tc8 16. Sxf6+ Sxf6 17. e4 e5 18. f5 h6 19. Dg3 Te8? (Die Stellung hat nun eine gewisse Ähnlichkeit mit der im Diagramm 33 (Partie 29, nach 21. f4-f5) veranschaulichten. Hier wie dort erscheint die Königsflucht angezeigt, und in beiden Fällen ist der weiße Vorstoß g4-g5 (nach vorhergegangenem h2-h4) keineswegs zu verhindern. Im Falle des Diagramms 33 (Partie 29) musste Schwarz durch langsame Strategie den gegnerischen Sturm geradezu herausfordern, denn dieser ergab Verbauung eines eigenen Figurenfeldes (des Feldes h4 für den weißen Springer) und gestattete somit eine ungestörte Abwicklung des Fluchtmanövers. Ganz anders liegt die Sache hier. Die Gefahr, dass die geplante Flucht durch weiße Figurenzüge verhindert werden könnte, lag hier überhaupt nicht vor, also bedeutet die "gewollte Langsamkeit" (sofern sie übrigens überhaupt gewollt war) hier nur schädlichen Zeitverlust. Richtig war sofortiges 19… Sd7 nebst f7-f6 und Kf7. Zum Beispiel: 20. h4 f6 21. Lc1 Kf7 22. g5 hxg5 23. hxg5 Th8 und Schwarz wird seinen König ungestört über d6 nach b8 führen. Späterhin kann auch an den "in der Stellung liegenden" Angriff b6-b5 nebst c5-c4 gedacht werden. Kurz, Schwarz hatte es in der Hand, seine Position voll und ganz zu konsolidieren. Nach dem fehlerhaften Textzuge kommt der schwarze König nicht mehr aus dem brennenden Haus und stirbt eines elendiglichen Flammentodes (wer sagt, dass der Flammentod schön sei?!). Es folgte:) 20. h4 Sh7 21. Lc1 f6 22. Tf2 Tc7 23. Tg2 De7 24. Dh3 Tc6 25. Ld2 Td8 26. Kh1 Tdd6 27. a4 b6-b5 war vorhin stets an der Antwort a2-a4 gescheitert, aber nun braucht Weiß den Damenturm auf der Königsseite, deshalb präveniert er zunächst am Damenflügel. 27… Lc8 28. Tag1 a6 29. Th2 Jetzt ist g4-g5 nicht mehr abzuwehren. 29… Kh8 30. g5 fxg5 31. hxg5 b5 32. axb5 axb5 33. Dh4 c4 Es gab keine Verteidigung mehr. 34. gxh6 Dxh4 35. hxg7+ Aufgegeben. (Es könnte folgen: 35. hxg7+ Kg8 36. Txh4 Td8 37. La5 Te8 38. Lh5! Te7 39. Lf7+! Txf7 40. Txh7 Kxh7 41. g8=D+ usw. - Moral: Fordere den gegnerischen Bauernsturm nur dann heraus, wenn die dadurch zu provozierende Felderverbauung deinen Plänen (der Königsflucht) dienlich sein dürfte. Andernfalls aber laufe schnellstens auf und davon, die "gewollte Langsamkeit" der Partie 29 wäre dann ganz zwecklos!) 1–0