Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 29

Van Vliet, Louis – Nimzowitsch, AaronMeisterturnier, Ostende, 18. Mai 1907

(Diese Partie ist bereits in meiner Broschüre "Die Blockade" erschienen. Da aber erneutes Studium zu einer teilweisen Revision der dort ausgesprochenen Urteile geführt hat, so bringen wir die Partie auch hier.) In der Eröffnung bekundete Van Vliet seinen Willen, gegen e5 zu drücken: 1. d4 d5 2. Sf3 c5 3. e3 e6 4. b3 Sf6 5. Ld3 Sc6 6. a3 Ld6 7. Lb2 O-O 8. O-O b6 9. Se5 Lb7 10. Sd2 a6 11. f4 Nun hielt ich den Zeitpunkt für eine Gegenaktion für gekommen, also: 11… b5 Es folgte: 12. dxc5! Lxc5 13. Df3 Für den in der Zentralisierungsstrategie Bewanderten stellt sich das weiße Manöver 12. dxc5 und 13. Qf3 als ein Versuch dar, die frei gewordenen Zentralfelder durch Figurenwirkung zu beherrschen und im weiteren Verlaufe auch zu okkupieren. Es ist klar, dass Schwarz nicht untätig zusieht, sondern seinerseits um die Beherrschung der Zentralfelder kämpft. 13… Sd7 (Greift den dank 12. dxc5 entwurzelt erscheinenden Springer e5 an und erweckt so den Anschein äußerster Konsequenz. Und doch ist der Zug nicht der beste: einen Zentralspringer (denn das ist Nf6 vollauf, er wirkt ja nach e4 hin), der zum Überfluss auch noch die eigene Rochade sichern hilft, darf man nur im äußersten Notfalle bemühen, und ein solcher lag hier nicht vor. Eine solide Zentralaktion bot sich (statt Nd7) in 13… Tc8 dar. Darauf geschah - wir folgen der Karlsbader Partie Dus-N. - 14. Dg3 Sxe5! 15. Lxe5 Ld6 16. Ld4 De7! 17. b4 g6! 18. Dg5 und nun hätte Schwarz durch 18… Sd7 19. Dxe7 Lxe7 20. e4 Sf6 bequem ausgleichen können.) (Interessant ist, dass statt 13. ... Nd7 auch ein sofortiges Vorgehen 13… d4 in Betracht komme. Der Versuch scheitert nun zwar an 14. Sxc6 dxe3 15. Se4! Sxe4 16. Sxd8 e2+ 17. Kh1 exf1=D+ 18. Txf1 Sf2+ 19. Dxf2 Lxf2 20. Sxb7 erweist sich aber bei aller Unzulänglichkeit doch als belehrend: das Vorgehen d5-d4 müsse vorbereitet werden, sagt uns dieser gescheiterte Versuch.) (Also 13… Tc8! Und falls dann 14. Dg3 so entweder 14… Sxe5 wie gegen Dus, oder aber (14… d4 15. e4 Sxe5 16. fxe5 Sd7 17. Sf3 mit Chancen und Gegenchancen. Nach dem Textzuge erhält Schwarz ein äußerst schwieriges Spiel.)) 14. Sxc6 Lxc6 15. Dg3! Sf6 (Falls 15… f6 so 16. Dh3! f5 und nun okkupiert Weiß durch 17. b4 Le7 18. Sb3 Lf6 19. Sd4 die Mittelfelder, doch scheint Schwarz in der angegebenen Variante mittels 19… Dc8 sodann g6 und Nb6 starken Widerstand entgegensetzen zu können. Demnach scheint 15. ... f7-f6 der rechte Zug zu sein. Nach dem Textzug wird die schwarze Stellung derart, dass Weiß selbst bei x-beliebigen Zügen - es braucht nicht gerade der strategisch angezeigte Plan zu sein - das Heft in der Hand behält.) 16. Tad1 (Natürlich ein ganz farbloser Zug. Die Zentralstrategie 16. b4! nebst Nb3 lag doch wahrlich nicht so fern.) 16… a5 Schwarz spielt mit allem Aufwand: nun ist b4 usw. nicht mehr möglich, auch erscheint a3 schwach. Trotzdem ist der weißen Stellung sehr schwer beizukommen, denn der Anziehende hat ein kraftvoll zentriertes Spiel. 17. Dh3 (Im hausbackenen Stile gespielt. Der Systemspieler hätte hier eher das "Bauernopfer zu Blockadezwecken" in Erwägung gezogen, nämlich 17. Sf3! Lxe3+ 18. Kh1 und Weiß okkupiert die Zentralfelder d4 bzw. e5. Der schwarze Mehrbauer hätte keinen positiven (Bewegungs-) Wert, würde vielmehr nur negativ wirken, nämlich als Sperrstein für die eigenen Figuren. Aber wie gesagt, auch Qh3 ist sehr stark.) 17… h6 (Um g2-g4 zu provozieren und solchermaßen das Partie-Tempo zu verschärfen. Eine andere Möglichkeit bestand in 17… d4 zum Beispiel 18. e4 e5 19. fxe5 Ld7 (nicht 19… Sd7 wegen 20. e6) 20. Dg3 Sg4 21. Tde1 doch wäre Weiß wohl in diesem Falle vorzuziehen.) 18. g4 d4 Um ein Ineinanderschieben der Bauernstellung zu erzwingen, ein Stratagem, das wir späterhin unter "Aus der Werkstatt der Blockade" als wichtigen Bestandteil der Blockierung kennenlernen werden. 19. e4 Dd7 (Um g4-g5 mit e6-e5 zu beantworten. Es fragt sich aber, ob 19. ... e5 nicht besser gewesen wäre. Beispielsweise 19… e5 20. fxe5 Sd7 21. Sf3 De7 22. Dg3 Tae8 23. g5 h5 vertrauenerweckend sieht die schwarze Stellung auch in diesem Falle nicht aus.) 20. Tde1 e5 21. f5 Sh7 (Er stemmt sich dem Drohspiel g4-g5 (nach vorhergegangenem Damenzug nebst h2-h4) aus Leibeskräften entgegen, plant aber jetzt schon die später vor sich gehende Königsflucht. Von hohem strategischem Interesse wäre nun die Untersuchung folgender Frage: Wäre es nicht einfacher gewesen, die Flucht durch Qe7, dann Nf6-d7 und f7-f6 vorzubereiten, und würde dieses Arrangement dem Partiemanöver gegenüber nicht eine Zeitersparnis von zwei Tempi bedeutet haben? (Denn in der Partie macht der Springer die Rundreise Nf6-h7-f8-d7.) Antwort: Auf 21… De7 wäre 22. Sf3 Sd7 23. Sh4! gefolgt, und f7-f6 nebst Königsflucht wäre verhindert gewesen. (Andererseits wäre aber die Drohung 24. f5-f6 nebst Nf5 unangenehm geworden.) Es kommt bei dem von uns in der Vorbesprechung warm empfohlenen Manöver (nämlich: "Zu hemmen, bis der König geflüchtet ist") gar nicht so sehr auf die Schnelligkeit an, als vielmehr darauf, dem Gegner einen Bauernsturm nahezulegen. In der Natur eines Bauernvormarsches liegt es aber begründet, dass er - mindestens für einige Zeit - die eigenen Figuren in den Hintergrund schiebt, ihnen die Felder nimmt. Dieser Umstand wird uns im Falle einer geplanten Königsflucht jedenfalls nur äußerst willkommen erscheinen. Vergleiche noch die Note zum 24. Zuge.) 22. Sf3 De7 23. Dg3 Tfe8 24. h4 f6 Der weiße Bauernsturm hat ein wichtiges Figurenfeld gekostet, Nh4 ist jetzt nicht mehr möglich. 25. Ta1 Db7 26. Tfe1 Kf7 27. Te2 Th8! 28. Kg2 Sf8 29. g5 hxg5 30. hxg5 Sd7 Schwarz steht jetzt einigermaßen wohlkonsolidiert da: dem Könige winkt das Ruheplätzchen d6 (oder auch c8), auch hält er (Schwarz) die h-Linie. Und fürs Endspiel hat er in Bauer a3 ein bequemes Angriffsziel. Trotzdem ist es nach wie vor sehr schwer, vorwärtszukommen. 31. gxf6 Um Punkt g6 durch den Springer zu besetzen. Wir halten diesen Plan für gut anwendbar und sehen keine Veranlassung dazu, den Zug zu tadeln (das Kongressbuch versieht den Zug mit einem Fragezeichen). Mag sein, dass 31. Rag1 besser aussieht, aber was wäre schließlich für Weiß nach 31. ... Ke7 nebst Rae8 und Ke7-d8-c8 auszurichten gewesen? Und a3 ist schutzlos ... Nein, 31. gxf6 ist nicht zu tadeln, die weiße Stellung sieht nach wie vor sehr gut aus, doch nagt der Wurm an ihr, daran kann weder 31. gxf6 noch 31. Rg1 wesentlich etwas ändern. 31… gxf6 32. Sh4! Tag8 33. Sg6 Th5 34. Kf2 Sf8 35. Tg1 Tg5 (Alles dies ist von Schwarz ganz richtig gespielt, der Punkt g6 lässt sich wohl kaum behaupten. Möglich war übrigens auch 35… Sxg6 36. fxg6+ Kg7 und hernach Rg8-h8.) 36. Dh4 (36. Dh2 scheint notwendig zu sein.) 36… Txg1 (Er verzichtet auf die sich zufällig ergebende Nebenlösung 36… Sxg6 die ja bei 36. Qh2! nicht möglich gewesen wäre und spielt die Hauptvariante.) 37. Kxg1 Sxg6 38. Dh5 Kf8 39. fxg6 Dg7 40. Tg2 Th8 41. De2 Th4!? (Er verfolgt eine falsche Fährte (noch im Jahre 1925 hatte ich sie für die richtige gehalten, siehe "Blockade"). Schwarz glaubt nämlich irrtümlicherweise, dass Bauer e4 wegen des "abzugsschwangeren" Bc5 unhaltbar ist. Die Partie war vielmehr durch einfaches Angriffsspiel - gegen g6 gerichtet - zu entscheiden. Nämlich 41… Th6 42. Dg4 Ld7 43. Dg3 Le8 und gewinnt.) 42. Lc1! Txe4!? 43. Dd2? (Er sieht nicht, dass Fortuna ihm lächelt (aber auch Teichmann und ich selbst und all die anderen sind an der sich hier bietenden Rettungsmöglichkeit blind vorbeigegangen). Weiß konnte durch das Damenopfer 43. Dxe4 Lxe4 44. Lxe4 mit der Drohung Rg2-h2-h7, wohl ein Remis erreichen. Das Schachgebot durch 44… d3+ wäre wegen der Antwort 45. Kf1 nutzlos. - Nach dem Textzuge dagegen ist es mit Weiß vorbei.) 43… Th4 44. Dxa5 Dd7 45. g7+ Kg8 46. Lc4+ bxc4 47. Dxc5 Th1+ Aufgegeben. Eine Aufgabe für den Leser: Er übernehme die Führung der schwarzen Steine in der nach 30. ... Nfd7 erreichten Stellung. Der - ziemlich gleichwertige - Gegner spiele nun 31. Rg1. Versuchen Sie das schwarze Spiel zu halten. Beginnen Sie, wie gezeigt, mit Ke7 und lassen Sie evtl. Rae8 nebst K-d8-c8 folgen. Was aber den Kern des Problems bildet: in welchem Tempo und unter welchem Zwang wird sich der für Sie günstige Austauschprozess vollziehen? Kann der Gegner etwa nach g7 eindringen, ohne schließlich erfolgenden Abtausch zuzulassen? Oder strebt die Partie langsam aber sicher dem Endspiel zu, das ja für Schwarz überlegen steht? Diese Übung wird interessant und zugleich auch lehrreich sein. 0–1