Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 37

Nimzowitsch, Aaron – Réti, RichardIII. internationales Schachmeisterturnier, Karlsbad, 12. Mai 1923

Ein negatives Beispiel: es gelingt Meister Reti nicht, das Ineinanderschieben der Bauernstellung zu erzwingen (wenn ich sage "negativ", so meine ich dies nur in Bezug auf den theoretisch-didaktischen Wert der Spielführung, keineswegs aber soll dieser Ausdruck besagen, dass die Partie etwa schlecht gespielt sei). 1. Sf3 Sf6 2. c4 g6 3. b4 eine von mir herrührende Neuerung, die Reti später selbst anzuwenden Gelegenheit fand, siehe Reti-Capablanca, New York 1924 3… a5 von zweifelhaftem Wert 4. b5 Lg7 5. Lb2 O-O 6. e3 d6 7. d4 Sbd7 8. Le2 e5 dieser Zug wäre nur dann stark, wenn Schwarz in der Lage wäre, d4-d5 zu erzwingen, oder zum mindesten d4xe5; denn dann erhielte er den trefflichen Blockadepunkt c5, zum Beispiel 9. dxe5? Ng4 usw. 9. O-O exd4 (womit er die eben erst eingeleitete Blockierungsaktion bereits als gescheitert anerkennt. Im strategisch-theoretischen Sinne korrekt erscheint nur 9… Te8 und falls hierauf 10. Sbd2 so 10… c6 um sodann, je nach den Umständen, entweder durch Qc7 zu decken oder mittels e4 nebst d5 eine Bauernkette zu etablieren) 10. exd4 Te8 11. Sbd2 (es ist für Weiß jedenfalls nicht leicht, die bessere Bauernstellung zur Geltung zu bringen; durch 11. Sc3! statt des den gegnerischen Vorstoß d6-d5 wenig berücksichtigenden Textzuges, wäre er aber seinem Ziele bedeutend näher gerückt) 11… Sf8 12. Te1 Se6 13. g3 h6 14. Lf1 Sg5 15. Sxg5 hxg5 16. Lg2 mit einem Springer auf c3 statt auf d2 müsste die nun von Weiß erreichte Druckstellung als gewinnverheißend betrachtet werden. Da der Springer aber unglücklicherweise auf d2 steht, kann Schwarz nun so ziemlich ausgleichen 16… d5! 17. Txe8+ (die einzige Möglichkeit, den dahinschwindenden Vorteil festzuhalten, lag in 17. c5 womit Weiß, zumindest am Damenflügel, eine klar überlegene Stellung erreicht hätte; ob diese aber nach 17… Lf5 18. Da4 b6 irgendwie zu verwerten gewesen wäre, ist mehr als zweifelhaft. Es scheint also, dass die im zentralistischen Sinne tadelnswerte Entwicklung 11. Nd2 nicht mehr gutzumachen war) 17… Dxe8 18. cxd5 Dxb5 19. Db3 Ld7 20. Dxb5 (oder 20. Tc1 Se8 21. Dxb5 Lxb5 22. Se4 g4 nebst gelegentlichem Rd8 usw.) 20… Lxb5 21. Tc1 Te8 (angängig wäre auch das einfache 21… Se8 zum Beispiel: 22. Se4 g4 23. h3 gxh3 24. Lxh3 Td8 usw.) 22. Txc7 Te1+ 23. Sf1 Lxf1 24. Lxf1 Sxd5 25. Txb7 Tb1 26. Tb8+ Kh7 27. Tb5 Sc7 28. Tb7 Se6 29. Kg2 Lxd4 30. Txf7+ Kg8 31. Te7 Txb2 32. Lc4 Txf2+ 33. Kh3 Tf6 34. Lxe6+ Kf8 35. Td7 Txe6 36. Txd4 Nach dem interessanten Geplänkel der letzten vierzehn Züge ist es nun zu einem Turmendspiel gekommen, in dem Weiß zwar etwas besser steht, den Gewinn aber doch nicht zu erzwingen vermag, es folgte. 36… Te5 37. Td6 Kf7 38. Ta6 Tc5 39. Kg4 Td5 und die Partie wurde, allerdings erst beim 90. Zuge, remis gegeben 40. Kh3 Kg7 41. a4 g4+? 42. Kxg4 Td4+ 43. Kg5 Td5+ 44. Kh4 Tc5 45. Kh3 Kh6 der Fehler des 41. Zuges hat dem Schwarzen immerhin etwas Spielraum für den König verschafft, der Bauernverlust ist daher zu verschmerzen 46. Tf6 Tc4 47. Tf4 Tb4! 48. Kg4 g5 49. Txb4 axb4 50. a5 b3 und das Damenendspiel erwies sich als nicht zu gewinnen 1/2–1/2