Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 38
Im Gegensatz zur vorigen Partie gelingt es hier dem blockierenden Partner, das "Blockadenetz" nach allen Regeln der Kunst "auszuwerfen". Hierzu bedient er sich in ausgedehntem Maße des Stratagems der Prophylaxe. Nach den Zügen 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Ld2 O-O 5. Sf3 b6 6. e3 tauschte Schwarz auf c3 denn falls statt dessen zunächst 6. ... Bb7, so 7. Bd3, und Weiß wäre bereit, die drohende Okkupierung von e4 folgendermaßen abzuwehren: [siehe Anmerkung zum nächsten Zug] 6… Lxc3 (6… Lb7? 7. Ld3 Lxc3 8. Lxc3 Se4 9. Lxe4 Lxe4 10. Sd2 Lxg2? 11. Tg1 mit chancenreichem Angriff.) 7. Lxc3 Es folgte 7… Se4 8. Dc2 Lb7 9. O-O-O f5 10. Se5 (Auf 10. Ld3 hätte ich einen gegen die Durchbruchsmöglichkeit d4-d5 gerichteten Präventivzug gewählt, nämlich 10… Df6! Falls dann 11. d5 so 11… Sxc3 12. Dxc3 Dxc3+ 13. bxc3 Sa6 nebst Nc5 mit positionellem Gewinnspiel für Schwarz.) 10… De7 Der Zug d7-d6 läuft nicht davon, zuerst muss der Punkt e6 gegen allfälliges Ne5-d3-f4 (in der Variante beginnend mit d7-d6) gestärkt werden. 11. f3 Sxc3 12. Dxc3 d6 13. Sd3 Sd7 14. Kb1! Tad8! (Ein Präventivzug, Schwarz beugt dem geistreichen Drohspiel c4-c5 vor. Bei 14… Tae8 wäre dasselbe mittels 15. Da3 a5 16. c5! dxc5 17. dxc5 Sxc5 18. Sxc5 Dxc5 19. Dxc5 bxc5 20. Tc1 unangenehm in die Erscheinung getreten.) 15. h4 (Es ist richtig, dass 15. Qa3 nebst 16. c5 nicht mehr ausreichend gewesen wäre, und zwar wegen 15. Da3 a5 16. c5? dxc5 17. dxc5 Se5 mit der Doppeldrohung 18. ... Nc4 und 18. ... Nxf3! Andererseits ist aber auch der Textzug recht zweischneidig. (stärker als 17… Sxc5 18. Tc1)) (In Betracht kam 15. Le2 und falls hierauf 15… e5 so 16. Sc1 (nicht 16. d5 wegen 16… Dg5)) 15… Df6 Um den Wert des kommenden e6-e5 zu erhöhen. 16. Da3 a5 17. Le2 e5 18. d5 Das langsame, prophylaktisch betonte Entwicklungssystem hat sich bewährt, Weiß wurde zu d4-d5 gezwungen, und das Blockadenetz umspannt schon jetzt Damenflügel und Zentrum. In den nächsten Zügen wird aber auch der weiße Königsflügel in Mitleidenschaft gezogen. 18… f4! 19. e4 (Erzwungen, denn 19. exf4 exf4 überließe dem Nachziehenden die e-Linie nebst wertvollen Mittelpunkten.) 19… Dg6 Bg2 nebst Punkt g3, fernerhin auch Bh4 erscheinen nun schwach. 20. Tdg1 Sf6 Mit der Absicht Nf6-h5-g3, zum Beispiel: [siehe Anmerkung zum nächsten Zug] 21. g3 (21. c5 eine nicht üble Gegenattacke 21… Sh5! 22. g4 fxg3 23. cxb6 cxb6 24. Db3 La6 25. Sxe5 dxe5 26. Lxa6 g2 und gewinnt.) 21… fxg3 22. c5 Ein geistreicher Rettungsversuch, der aber durch ein Gegenopfer widerlegt wird. 22… Sxe4! Eine schöne Kombination! Sie lautet: [siehe Anmerkung zum nächsten Zug] 23. cxb6 (23. fxe4 Dxe4 24. Ld1 (24. Lf1? Txf1+ nebst g2) 24… g2 25. Th2 La6 26. Lc2 Tf1+) (oder 23. fxe4 Dxe4 24. Te1 g2 25. Thg1 dxc5 und gewinnt.) 23… Sd2+ 24. Ka1 (Niedliche Springerrevolutionen mit Tempogewinn bald auf Kosten des Königs, bald auf Kosten der Dame wären bei anderen Königszügen möglich geworden, zum Beispiel: 24. Kc2 Sc4 25. Dc3 (oder 25. Db3 Se3+ nebst Bd5: wiederum mit Tempogewinn) 25… Se3+ nebst Nd5 mit Angriff auf die Dame) (oder 24. Kc1 Dh6) 24… cxb6 25. Th3 g2 26. Dc3 (Auf 26. Th2 wollte ich mittels 26… Sxf3 27. Thxg2 Sxg1 28. Txg6 hxg6 die Dame opfern.) 26… Dh6 27. Txg2 Tc8 28. Da3 Sxf3 29. Th1 Lxd5 "Grausamer" als e4, denn nun hängen sämtliche Figuren, Weiß gab daher auf. 0–1