Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 44
1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Sxd4 d5 eine von mir in Karlsbad 1923 in der Partie gegen Rubinstein zuerst versuchte Neuerung 5. Lb5 (am besten erscheint hier 5. Sxc6 bxc6 6. exd5 Dxd5 7. Sc3 Dxd1+ 8. Sxd1 und Weiß hat die kompaktere Bauernstellung, wenn auch das Spiel im übrigen ausgeglichen sein mag) 5… dxe4 6. Sxc6 Dxd1+ 7. Kxd1 a6 8. Sd4+ axb5 9. Sxb5 Lg4+ 10. Ke1 Td8 (die lange Rochade unterblieb, da sie etwas baufällig zu sein schien. Es könnte beispielsweise folgen: 10… O-O-O 11. S1c3 e5 12. h3! Lh5 13. g4 Lg6 14. a4 nebst 15. a5 und 16. a6.) (Oder 10… O-O-O 11. S1c3 e5 12. h3 Ld7! (statt Bh5) 13. Le3 Lb4 14. Ke2 in beiden Fällen erscheint die schwarze Königsstellung angreifbar) 11. S1c3 e5 (So gut dieser Zug auch aussehen mag, den gestrengen Anforderungen, die die Blockierungsstrategie an ihren Mann stellt, entspricht er keineswegs. Die Basis der Blockierungsoperation war nämlich in der Schrägwirkung g4-d1 zu erblicken, ergo sollte letztere gedeckt und überdeckt werden, dies um so mehr, als der Gegner schon jetzt beabsichtigt, eben genannte Basis unsanft in die Luft zu sprengen, nämlich mittels 12. h3 Bh5 13. g4. Das blockierungsgerechte Vorgehen bestand in 11… f5 (statt 11. ... e5) Falls dann 12. h3 Lh5 13. g4 fxg4 14. Sxe4 gxh3 so könnte Weiß zwar mittels 15. Lf4 Lf3 16. Sg5 Lxh1 17. Sc7+ Kd7 18. Sf7 größere Verluste vermeiden, seine Partie wäre aber nach den weiteren Zügen 18… Lf3! 19. Sxh8 e5! 20. Lxe5 Ld6 21. Lxd6 Kxd6 zum Aufgeben reif.) (Verzichtet aber Weiß auf gewaltsame Sprengungsversuche, um sich stattdessen ruhig weiterzuentwickeln, also etwa 11… f5 12. Lf4 so folgt 12… Sf6 nebst e6 Kf7, und Weiß hätte keinerlei Ersatz für den dislozierten Turm auf h1. Nach dem Textzug dagegen wird die Sache fraglich.) 12. h3! Lh5 (Zu 12… Ld7 13. Sc7+ Ke7 14. S3d5+ Kd6 15. Le3 konnte ich mich nicht recht entschließen.) 13. g4 Lg6 14. Sc7+? (Die gegebene Fortsetzung bestand hier in 14. Le3 und, falls hierauf 14… f5 so 15. Ke2 womit die Dislozierung überwunden wäre. Schwarz hätte dann die strategische Verpflichtung, auf die Wiedereroberung der stolzen Schräge (h5-d1) zu spielen, etwa wie folgt: 15… fxg4! 16. hxg4 Sf6 17. g5 Lh5+ 18. Kf1 Lf3 19. Th4 Sg4 20. Sxe4 Lxe4 21. Txg4 Lxc2 22. Sc3 mit etwa gleichem Spiel. Diese eben ausgeführte Variante imponiert übrigens durch ihren streng logischen Bau.) 14… Kd7 15. S7d5 Kc6 16. Se3 (Verlockend war hier 16. Be3 aber nach 16. Le3 Txd5 17. Sxd5 Kxd5 18. Td1+ Kc6 19. Td8 käme 19… Sf6 20. Ke2 Tg8 und die Entfesselung durch Be7 wäre unvermeidlich.) 16… Lb4 (Der Logos des Partiegeschehens hätte hier ein unmittelbares h7-h5 verlangt (z. B. 16… h5! 17. g5 f5 oder auch 17. ... h4 mit schwarzem Vorteil). Indem Schwarz stattdessen einigermaßen mechanisch "entwickelt", zahlt auch er den Tribut an die Irrlehre der alten Schule, dass man zuerst "alle Puppen" im Spiel haben müsse, ehe man zum Angriff übergehe. Wie lächerlich und überlebt wirkt doch ein solches Postulat in unseren Tagen!) 17. Ld2 Se7 18. h4 (Etwas besser erscheint 18. a3 womit vielleicht etwas Gegenspiel zu erlangen gewesen wäre.) 18… h5! Die Rückeroberung der umkämpften Schräge wird in die Wege geleitet. Die nächsten acht Züge bringen einen erbitterten Kampf voller Spannung. Aber nach diesen acht Zügen ist der eigentliche Kampf vorüber, der Gegner liegt am Boden, blockiert und geknebelt und muss in Resignation das Weitere abwarten. 19. g5 Sf5! 20. Sxf5 Lxf5 21. Tg1 Td4 Drohend e4-e3 Be3: Rh4:, und Schwarz erhält einen Freibauern. 22. a3 Thd8! 23. axb4 Txd2 24. Td1 Txd1+ 25. Sxd1 Lg4 26. Se3 Lf3 27. c4 Eine recht hilflose Stellung für Weiß. 27… b5 28. b3 Td3 29. Tg3 g6 30. Tg1 (Der weiße Turm ist auf die Züge g3 und g1 beschränkt. Falls nämlich 30. Th3? so 30… Txb3 31. Kd2 Td3+ 32. Kc2 bxc4 und 33. Sxc4 verbietet sich wegen 33… Ld1+ nebst RxTh3.) 30… Kb7 31. cxb5 Erleichtert den Gewinn. Bei 31. Rg3 käme zunächst die Königswanderung nach e6. Sodann in einem Moment, da der weiße Turm auf g3 steht, folgt die Abwicklung: Rxb3 Kd2 bxc4 Nxc4 Rxb4 Ne3, und nun besetzt der schwarze Turm die erste Reihe des Gegners. Die so entstandene Stellung ist für Weiß natürlich unhaltbar; wenn nicht anders, so könnte Schwarz (bei der Stellung des weißen Turmes auf h3) mittels Rh1 den Turmtausch erzwingen, um sodann f7-f6 mit mühelosem Gewinn folgen zu lassen. - Der Rest ist eine "Erdrosselung"! 31… Kb6 32. Tg3 Kxb5 33. Th3 Kxb4 34. Kf1 Txb3 35. Kg1 Tb2 36. Sd5+ Kc4 37. Se3+ Kd3 38. Sg2 Tb1+ 39. Kh2 Ke2 Komisch, wie der schwarze König nachrückt. 40. Kg3 Tg1 41. Th2 Kf1! 42. Kh3 Lxg2+ Aufgegeben. 0–1
Die Partiesammlung von pgnmentor.com geht ab hier anders weiter: hier 18… h5, dort 18… h6. Spätere Züge sind nicht verglichen.