Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 43
Diese, übrigens im Kongressbuch fehlende Partie (welcher Umstand wohl einem Versehen zuzuschreiben ist), ist nicht nur als Blockadepartie dem Studium unserer Leser zu empfehlen. Es ist dies auch zugleich eine Linienpartie von A bis Z! Die Vorgänge in der freien Linie werden daher mit besonderer Sorgfalt beleuchtet. Das Spiel gestaltete sich zunächst sehr geschlossen: 1. Sf3 e6 2. g3 b6 3. Lg2 Lb7 4. O-O c5 5. d3 Sf6 6. e4 Le7 7. Sc3 O-O 8. Ld2 Sc6 9. e5 (damit kommt Leben in die Bude, zu weniger hätte jedenfalls die Weiterentwicklung durch 9. Kh1 nebst Ng1 und f2-f4 verpflichtet) 9… Se8 10. Se4 Tc8 ein Präventivzug, gegen das späterhin denkbare c2-c3 nebst d3-d4 gerichtet 11. Lc3 b5 Um b2-b3 zu provozieren, der Zweck wird bald ersichtlich. 12. b3 f5! 13. exf6 Sxf6 14. De2 Sd5 15. Lb2 b4 Nun hat Schwarz einen unvertreibbaren Zentralspringer. Aber Weiß auch, und man sieht nicht recht ein, wie die Sache weitergehen soll. 16. Tae1 a5 17. a4 (Nicht gut, 17. Sfd2 nebst f2-f4 war am Platz.) 17… De8 (Er hätte ruhig öffnen sollen: 17… bxa3 18. Lxa3 Sd4 19. Sxd4 (auf 19. Dd1 darf sich Weiß wegen 19… Sc3! 20. Sxc3 Lxf3 21. Dc1 De8 und 21. ... Qh5 nicht einlassen) 19… cxd4 und die c-Linie und mit ihr der Präventivzug 10. ... Rac8 wären zu Ehren gelangt. Nach dem Textzug ist die drohende Mumifizierung nicht mehr leicht abzuwehren.) 18. Sed2 (Der andere Springer hätte dahin gehen sollen, zum Beispiel: 18. Sfd2 Sd4 19. Dd1 nebst 20. f4 und 21. Nf3.) 18… Lf6 19. Lxf6 gxf6! Die schwarze Stellung wird zusehends kompakter, und im selben Maße verringert sich der Wert der weißen e-Linie: e6 ist nach wie vor ein Granitblock, die Punkte e4 und e5 aber befinden sich bereits unter der Kontrolle des Nachziehenden. 20. Sc4 Dh5 21. Sd4 Dxe2 22. Sxe2 Tc7! 23. f4 La6 24. Lxd5 exd5 25. Sd6 f5 Der mutige Nd6! Um seiner Partei die e-Linie zu sichern, begab er sich in eine Sackgasse. Nun wird es sehr interessant: wird die weiße e-Linie die "Sackgasse" aufwiegen? 26. Tf2! Sd8 27. Sc1 Tc6 28. Sb5 Lxb5 29. axb5 Te6 Da haben wir's: Rb6 muss aus Respekt vor der weißen e-Linie unterlassen werden. 30. Tfe2 Kf7 31. Kf2 (Spiel in der e-Linie durch Besetzung des Vorpostenpunktes e5 erschien dringend angezeigt. Schwarz hätte dann ein äußerst schwieriges Problem zu lösen: 31. Te5 Kf6 32. Kf2 d6! 33. Txe6+ (nicht 33. Txd5 wegen Turmtausch und Ke6) 33… Sxe6 34. Se2 Tb8 35. Ta1! Txb5 36. c4 bxc3 37. Sxc3 Txb3 38. Sxd5+ Kf7! 39. Txa5 Txd3 40. Ta7+ Ke8! 41. Sf6+ Kd8 42. Sxh7 c4 43. Sg5! Sc5! 44. Ke2 und nun 44… Ke8! (Stellung Weiß: Ke2 Ra7 Ng5 Bauern f4 g3 h2; Schwarz: Ke8 Rd3 Nc5 Bauern c4 d6 f5). Nun droht Vormarsch des c-Bauern, was im 44. Zuge wegen Ne6+ noch ein Fehler wäre. Nun geschieht: 45. Tc7! c3 46. Sf7 (46. Sf7 falls nun 46… c2? so 47. Sxd6+ usw.) (46. Sf7 Falls aber 46… Td5 um auf 47. Sxd6+ den König nach f8 zu spielen 47… Kf8 so folgt (nicht 47… Kd8 wegen 48. Txc5) 48. Sb7! c2? 49. Sxc5 c1=D 50. Se6+ und gewinnt.) 46… Td2+! der Gewinnzug! 47. Ke3 Td5 48. Sxd6+ Kf8 und der c-Bauer marschiert mit Schachgebot herein. Dass das Spiel durch 49. Tf7+ Kg8 50. Txf5 c2 51. Txd5 c1=D+ nur hinzuziehen wäre, sei nur beiläufig erwähnt.) (In der Stellung nach dem 44. Zuge von Schwarz könnte Weiß sein Spiel auch durch andere Züge nicht mehr retten, zum Beispiel: 31. Te5 Kf6 32. Kf2 d6 33. Txe6+ Sxe6 34. Se2 Tb8 35. Ta1 Txb5 36. c4 bxc3 37. Sxc3 Txb3 38. Sxd5+ Kf7 39. Txa5 Txd3 40. Ta7+ Ke8 41. Sf6+ Kd8 42. Sxh7 c4 43. Sg5 Sc5 44. Ke2 Ke8 45. h4 c3 46. h5 c2 47. Ta1 Ta3 48. Tc1 Sb3 49. Txc2 Sd4+ und gewinnt. Dies ist die langzügige, aber in ihrem ganzen Verlauf sehr spannende Lösung des beim 31. Zuge entstandenen Problems. Möglicherweise bietet sich in 44. ... Kc8 (mit der gelegentlichen Absicht Kb8) eine partielle Nebenlösung dar, die aber der Schönheit der Autorlösung nur wenig Abbruch tut. - Also: Die "Sackgasse" überwiegt die "e-Linie".) 31… Kf6 32. Kf3? (Noch immer hatte Weiß es in der Hand, mittels 32. Te5 das oben skizzierte Problem aufs Brett zu zaubern. Und überhaupt: die Lineartechnik darf nicht plötzlich versagen! Die Ausnutzung einer Linie, insbesondere die Besetzung des Vorpostenpunktes, das muss man nur so aus dem Ärmel schütteln können. Vergleiche meine Ausführungen über die offene Linie in meinem "System" (1. Kapitel).) 32… Sf7 Sichert e5 vor Einbruch. Der b-Bauer ist verloren. 33. Sa2 d4! 34. Ta1 Tb8 Nun ist es endlich Zeit, an die Heimholung der Bauernbeute zu gehen. Man beachte von nun an die schon sehr merkliche Blockadewirkung. Die Bewegungen und Umstellungen der weißen Figuren vollziehen sich schwerfällig und mit wachsender innerer Reibung, während die schwarzen Offiziere leichtfüßig das Brett beherrschen. 35. Sc1 Txb5 36. Td2 Sd8 37. Se2 Sc6 38. Sg1 d5 Erst im 38. Zuge setzt sich der Damenbauer in Bewegung! 39. Se2 Tb8 40. Ta4 Tbe8 Nun ist Schwarz Herr der e-Linie. 41. Ta1 h5 42. Sg1 Te3+ 43. Kf2 Jetzt endlich ist die Stellung durchbruchsreif. 43… c4 44. Tad1 (Oder 44. dxc4 dxc4 45. bxc4 Tc3) 44… c3 Opferkombination als Krönung des Blockadebaues. 45. Te2 a4! 46. bxa4 b3 47. cxb3 Sb4 und Schwarz gewann Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 48. Txe3 Txe3 49. Se2 c2 50. Ta1 Sxd3+ 51. Kf1 Txe2 52. Kxe2 c1=D 53. Txc1 Sxc1+ 54. Kf3 Sxb3 55. h3 d3 Aufgegeben. 0–1