Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 48

Nimzowitsch, Aaron – Ahues, Carl OscarInternationales Schachmeisterturnier, Bad Niendorf, 11. August 1927

Das hier im 25. Zuge gebrachte Opfer ist nur scheinbar ein "Opfer auf Blockade". In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um eine Angriffsdiversion, die Blockierung war schon vor dem Opfer da. Da aber alles eine Bezeichnung haben muss, so würden wir dieses Spiel so charakterisieren: eine durch Opfer gekrönte Blockierungspartie. 1. c4 Sf6 2. Sc3 d6 3. d4 Sbd7 4. e3 e5 5. Ld3 Le7 Bis hierher schon dagewesen. Nun pflegt man an dieser Stelle mit Nge2 0-0 und f2-f4 fortzusetzen, was zweifellos eine gesunde Strategie ist. Der Führer der weißen Steine versucht aber eine schärfere Entwicklungsmethode anzubringen. 6. f4 O-O 7. Sf3 exd4! 8. exd4 d5 Schwarz hat gut pariert und etwa gleiches Spiel erlangt. 9. c5! c6! Nun droht beständig die Aufrollung durch b7-b6. 10. O-O (Verzichtet auf 10. a3 wegen 10… b6 11. b4 bxc5 12. bxc5 Sxc5 13. dxc5 Lxc5! mit starkem Angriff.) 10… a5 (Es lag keine Veranlassung vor, den befreienden Zug b6 zurückzuhalten, zum Beispiel: 10… b6! 11. Se5 Dc7 12. cxb6 (am besten) 12… axb6 13. Ld2 nebst Re1 mit annähernd gleichem Spiel. Nach dem Textzug kommt Schwarz in Nachteil.) 11. Se5 Dc7 12. Da4 (Damit wird b7-b5 erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht. In der Partie stand ich freilich unter dem Eindruck, dass 12. ... b7-b5, gestützt auf kombinatorische Feinheiten, doch möglich sei, zum Beispiel: 12. Da4 b5 13. cxb6 Dxb6 14. Sxc6 Ld6 und dieser Eindruck war so stark, dass ich mich auch späterhin davon nicht frei zu machen wusste.) (Zum Beispiel empfahl ich in "Kagans Neueste Nachrichten" auf die Spielweise 12. Da4 b5 13. Dc2 und der gegnerische Plan, Punkt e4 zu besetzen, wäre dann wie folgt gescheitert: 13… b4 14. Sa4 La6 15. Lxa6 Txa6 (nun droht Ne4) 16. De2! und gewinnt wegen der indirekten Bedrohung des Läufers auf e7.) (Heute vermag ich aber nicht einzusehen, weshalb das Bauernopfer nicht anzunehmen gewesen sein sollte; nach 12. Da4 b5 13. cxb6 Dxb6 14. Sxc6 Ld6 hätte Weiß einfach 15. Kh1 nebst 16. Ne5 spielen können; und Schwarz hätte keinerlei Kompensation erlangt.) 12… Te8 13. Kh1 Sf8 (Und wiederum suche ich in "Kagans Neueste Nachrichten" den Zug 13. ... b7-b5 (statt des Textzuges) auf komplizierteste Art zu parieren, anstatt mittels cxb6 in die vorhin gezeigte Variante einzulenken. Zum Beispiel: 13… b5 14. cxb6 Dxb6 15. Sxc6 (in "Kagans Neueste Nachrichten" gebe ich nur 15. Dxc6) 15… Lb7 (oder 15… Ld6 16. Se5) 16. Se5 Sxe5 17. fxe5 Se4 18. Sxe4 dxe4 19. Lc4 Tf8 20. Db3 usw. Somit scheint also erwiesen, dass Schwarz mit seinem 10. Zuge einen nicht mehr wieder gutzumachenden Unterlassungsfehler begangen hat.) 14. Db3 Nun sollen die Züge b6 oder b5 direkt verhindert werden. 14… Se6! Sehr gut! Auf Be3 soll Bxc5! folgen. 15. Se2 Sd7 Es ist dem Schwarzen zwar gelungen, den Springer c3 von der Route a4 und b6 abzubringen, aber dieser Erfolg ist durch die (wie man gleich sehen wird) ungünstige Stellung des Ritters auf e6 teuer erkauft. Es kommt nun zu einer "Einengung". 16. Sxd7 Lxd7 Hier hätte ich mit der Dame wieder genommen, denn dann kommt Schwarz unter allen Umständen zu Bf6, was nach dem Textzuge nicht der Fall ist. 17. f5 Sf8 18. Lf4 Dc8 19. Le5! f6 Vergleiche die vorige Anmerkung. 20. Lg3 a4 21. Db4! (Der einzige Zug, der den Blockadering vor Sprengung bewahrt, zum Beispiel: 21. Dc3 b6! 22. cxb6 Ld8 nebst evtl. Qb7 usw.) 21… b5 22. Dd2 Nun hat Weiß freie Hand am Königsflügel; am linken Flügel ist alles abgeriegelt. 22… Ld8 (Hier war 22… Td8 um den Bd7 schleunigst nach f7 bringen zu können, sehr zu erwägen.) 23. Tf3 Lc7 24. Taf1 Te7 (Ermöglicht einen interessanten gegnerischen Ausfall. Etwas besser erscheint daher 24… Lxg3 zum Beispiel: 25. Sxg3 Dc7 26. Sh5 Te7 27. g4 h6 28. h4 Sh7 Aber auch in diesem Falle dürfte Weiß nach 29. Sf4 nebst 30. Nh3 sturmbereit dastehen.) 25. Ld6!! Ein weit berechnetes Bauernopfer! Gewiss kommt Bauer d6 auf einen verlorenen Posten, aber in dem Moment, wo Schwarz sich anschickt, den Bauern zu vernichten, wird seine Königsstellung durch ein Springeropfer auf f6 in die Luft gesprengt. 25… Lxd6 26. cxd6 Te8 27. Sg3 Dd8 28. Dc1! Wieder ein stiller Zug, Bc8 wird verhindert (Bc8? Qxc6). 28… Db6 29. Df4 Ted8 30. Sh5 Ta7 (Denn auf Be8 wäre Nxf6 mit Zerschmetterung erfolgt! Man sehe: 30… Le8 31. Sxf6+ gxf6 32. Tg3+ K~ 33. Qh6 und gewinnt.) 31. Sxf6+ Aufgegeben. (31. Sxf6+ Auf 31. ... Kh8! hatte ich 32. Nxh7! geplant und sofort nach Schluss der Partie demonstriert, zum Beispiel: 31… Kh8! 32. Sxh7! Sxh7 33. Dh4 Kg8 34. f6 Sxf6 35. Txf6 usw.) (oder 31. Sxf6+ Kh8 32. Sxh7 Kxh7 33. f6+ g6 34. Dh4+ Kg8 35. f7+ Kg7 36. Df6+ Kh7 37. Tf5 usw.) (Schwächer wäre nach 31. Sxf6+ Kh8 die Fortsetzung 32. Dh4 denn es folgt 32… h6 zum Beispiel: 33. Sg4 Sh7 34. f6 Lxg4 und es bedarf einer neuerlichen "Anstrengung", nämlich 35. Dxg4! Sxf6 36. Dg6 und der weiße Angriff dürfte durchdringen.) 1–0