Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 49

Vajda, Árpád – Nimzowitsch, AaronInternationales Schachmeisterturnier - Endrunde, Kecskemét, 11. Juli 1927

Nach 1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. Sc3 e6 4. e5 geschah 4… Sge7! (nicht 4… Lb4 wegen 5. Dg4) 5. Sf3 (denn auf nunmehriges 5. Dg4 würde 5… h5 folgen) 5… b6 6. Se2 "Die beiden sagten abwechselnd Monologe her, glaubten aber ein Zwiegespräch zu führen", sagte einst ein etwas melancholisch gestimmter Verfasser. Dieses Aneinandervorbeisprechen trifft auch hier zu: Der Nachziehende sucht die weißfeldrigen Punkte zu erobern, der Anziehende spielt seinerseits auf Okkupierung der schwarzfeldrigen Punkte - er plant Ne2-g3-h5 mit Druck gegen g7 und f6 -, und die einzige Verbindung zwischen den beiden besteht nur darin, dass sie abwechselnd ziehen. 6… La6 7. c3 (in Betracht kam sofortiges 7. Sg3 zum Beispiel: 7… Lxf1 8. Kxf1 h5 (sonst Nh5) 9. h4 nebst Ng5) 7… Dd7 8. Sg3 Lxf1 9. Sxf1 h5 10. Lg5 Sa5 das "Spiel" gegen die "weißen" Punkte b5 c4 und f5 wird nun deutlich 11. De2 a6! 12. Se3 Db5 13. b4 Dxe2+ 14. Kxe2 Sac6 (Schlecht wäre sowohl 14… Sc4 wegen 15. Sxc4 dxc4 16. Lxe7 nebst 17. Nd2 und auf b5 18. a4) (als auch 14. ... Nb7, weil c7-c5 nur dem Weißen zugute kommen würde ( 14… Sb7 15. Se1 c5? 16. bxc5 bxc5 17. Tb1 usw.)) 15. Se1 Sg6 16. Sd3 Le7 Schluß der Monologe, das (blutige) Zwiegespräch kann beginnen! 17. Lxe7 Scxe7 18. f4 (18. g3 Sf8! nebst Nd7 0-0 Rfc8 und endlich c7-c5 mit vollem Spiel für Schwarz.) 18… Sh4! Erobert Punkt f5. Hätte Weiß dieses im vorigen Zuge durch 18. g3 verhindert, so wäre gefolgt 18. ... Nf8! nebst Nd7 0-0 Rfc8 und endlich c7-c5 mit vollem Spiel für Schwarz. 19. g3 Shf5 20. Sxf5 Sxf5 21. Kf3 Ein Anschlag auf den Ritter f5 wird geplant, nämlich h3 g4 usw. Wie ist solcher Anschlag zu vereiteln? 21… a5 Im richtigen Moment. 22. a3 (Auf 22. b5 c6 23. bxc6 Tc8 wollte Weiß sich nicht einlassen; der Druck in der c-Linie wäre in der Tat lästig geworden, die weiße b-Linie wäre kein Äquivalent dagegen.) 22… Kd7 23. h3 (Übersieht die Kombination des Gegners. In Betracht kam 23. Thb1 sodann Nd3-e1-c2-e3. Etwas besser stand Schwarz aber auch dann.) 23… axb4 24. Sxb4 (Bitteres Muss! Auf 24. axb4 wäre nämlich gefolgt 24… h4 25. g4 Sg3 26. Thc1 Se4 und erobert die a-Linie oder den c-Bauern.) 24… Ta4 Auch jetzt kam das eben vorgeführte Manöver sehr stark in Betracht. Indes Ra4 dürfte auch gut genug sein. 25. g4 Se7 26. Ke3! c5 (Schwarz will sich nicht mit der Variante 26… hxg4 27. hxg4 Txh1 28. Txh1 Txa3 begnügen, die dem Gegner die h-Linie einräumen würde.) 27. Sc2 Sc6 28. Tab1 Tc8 (Hier gewann 28… cxd4+ 29. cxd4 (29. Sxd4? Txa3) 29… Tc4 30. Kd3 Tc8 31. Txb6 Sxe5+ 32. fxe5 Tc3+ 33. Kd2 Txc2+ 34. Ke3 g5 leicht für Schwarz. Der Nachziehende war in Zeitnot.) 29. Txb6 cxd4+ 30. cxd4 Sxe5 31. fxe5 Txc2 32. Tb3 Der Vorteil des Schwarzen hat sich so ziemlich verflüchtigt. 32… hxg4 33. hxg4 (Hier stand eine äußerst pikante Remiskombination zur Verfügung, nämlich 33. Tf1 Th2 34. Txf7+ Ke8 35. Tbb7! (sieht wie ein grober Fehler aus) 35… Txa3+ 36. Kf4 Tf2+ 37. Kxg4 Txf7 doch nun kommt Weiß dran, spielt 38. Tb8+ und macht Remis!) 33… Tg2 34. Tb7+ (34. Kf3 hätte remis gemacht, zum Beispiel: 34… Ta2 35. Th7) (oder 34. Kf3 Td2 35. Th7 usw.) 34… Kc6 35. Thb1 Txa3+ 36. Kf4 Ta6 37. Kg5 (oder 37. Kf3 Tg1) 37… f6+ (nicht 37… f5 wegen 38. Txg7 Txg4+ 39. Kf6 usw.) 38. exf6 gxf6+ 39. Kxf6 Txg4 40. Te7 auch andere Züge dürften wenig nutzen, der weiße König steht eben fürs Endspiel zu schlecht, und für Mattangriffe reicht seine Kraft ebensowenig aus 40… Tf4+ 41. Kxe6 Txd4 42. Kf5 Taa4 43. Te6+ Kc5 44. Kf6 Tf4+ 45. Ke7 Ta7+ 46. Ke8 Te4 Aufgegeben. Trotz der Unterlassung im 28. Zuge halten wir diese Partie für eine bedeutende strategische Leistung. Wer hätte es gewagt, den Vorstoß c7-c5 bis zum 26. Zuge hintanzuhalten, jenen allein seligmachenden Vorstoß, ohne den sich zum Beispiel Dr. Tarrasch überhaupt keinen Kampf und keinen wie immer gearteten Widerstand gegen eine feindliche Bauernkette denken kann! Fürwahr, in dieser Partie ist Neuland gezeigt worden. 0–1