Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 50
Nach 1. e4 Sc6 2. Sc3 e6 3. d4 Lb4 (sicherer wäre 3… d5) 4. Se2 d5 5. e5 wählte Schwarz unseren Präventivaufbau: 5… h5 (doch würde uns 5. ... Nge7 besser gefallen, zum Beispiel: 5… Sge7 6. Sf4 Sg6 7. Sh5 Tg8 sodann Be7, und Schwarz schreitet zur Vorbereitung der langen Rochade) 6. Sf4! g6 7. Le3 Lxc3+? (äußerst riskant gespielt; die Schwäche des gegnerischen Doppelkomplexes wird durch den Besitz der Schräge g5-d8 überkompensiert. Richtig war 7… Sge7) (oder sogar 7… Lf8!) 8. bxc3 Sa5 9. Ld3 Se7 10. Sh3! c5 11. Lg5! c4 12. Le2 Sac6 13. Lf6 Weiß sollte jetzt ziemlich mühelos gewinnen können, vergleiche die Steiner-Partie in der Vorbesprechung 13… Tg8 14. O-O (schwächlich; richtig war 14. Sg5 nebst f3 und g4 oder auch 14. Ng5 nebst 15. g4. Nach hxg 16. Bxg4 entschiede dann h2-h4-h5) 14… Da5 die geringfügige Gegenchance 15. Dd2 Sf5 16. Tfd1 (ökonomischere Verwendung der Türme war hier durch 16. Tad1 zu erzielen; der a-Bauer wäre natürlich tabu) 16… Kd7! ein schwerer Entschluss: der König überlässt den f-Bauern seinem Schicksal. Und doch erscheint diese Spielweise berechtigt, entspricht sie doch dem in den Partien Nr. 29 und 30 skizzierten Stratagem: "Königsflucht als Palliativmittel" 17. Sg5 Tf8 (es fragt sich, ob nicht das unbekümmerte 17. ... Kc7 eher im Sinne jenes Stratagems gewesen wäre. Es kommt hier nämlich nicht so sehr auf den f-Bauern als solchen an, als vielmehr darauf, zu verhindern, dass Weiß (nach vollzogenem Nxf7) den Punkt f7 zu einer Basis für neue Angriffe macht. Diesem weißen Bestreben hätte die fortgesetzte Königsflucht entgegengewirkt, zum Beispiel: 17… Kc7 18. Sxf7 Ld7 19. f3 Taf8 20. Sg5 und nun entweder 20… Sg7 nebst Ne8 (oder auch 20… Kb8 mit abwartender Haltung, und ein weißer Gewinn erschiene zweifelhaft)) 18. h3? (die verkehrte Methode, 18. f3 wäre die rechte gewesen) 18… Kc7 19. g4 hxg4 20. hxg4 Sfe7 21. Kg2 Sg8? (ein schwerer Fehler, der vom Gegner allerdings nicht ausgenutzt wird. Mittels 21… Ld7 22. Th1 Tae8 23. Th7 Sd8 hätte Schwarz sich stattdessen igelartig zusammenrollen können) 22. Lg7 Te8 23. Th1? (23. Nxf7! hätte nicht nur den Bauern, sondern auch das Standfeld d6 erobert. Falls nach 23. Sxf7! Te7 24. Sd6 Ld7 (24… Txg7? 25. Se8+ Kd8 26. Sxg7 Dc7 27. Dg5+) 25. Lh6 und Weiß stände gut) 23… Ld7 24. Th3 Sd8 25. Tf3 Tc8! 26. Th1? (Unmotiviertes Bauernopfer; es stellt sich nämlich bald heraus, dass die geplante Turmverdoppelung ein Stoß ins Leere ist. In Betracht kam 26. Nxf7 oder 26. Qc1 nebst Qb2. Auf 26. Sxf7 käme 26… Sxf7 27. Txf7 Te7 28. Txe7 Sxe7) (Auf 26. Dc1 andererseits, würde 26… Kb8 folgen, zum Beispiel: 27. Db2 Tc6! 28. Db4! Dc7 29. Lf8! Tb6? 30. Ld6 Aus Gesagtem ergibt sich zweierlei. Erstens die Richtigkeit der prophylaktischen Methode 26. Qc1 nebst 27. Qb2. Zweitens die innere Wahlverwandtschaft zwischen den weißen Leichtfiguren einerseits und Punkt d6 andererseits. Unbekümmert um die nicht selten krausen Pläne der Menschen entfalten die Figuren ihre eigene Logik, die, wie auch hier der Fall, zumeist schön und zwingend ist.) 26… Dxa2 Mit diesem Resultat der sehr geringfügigen Gegenattacke darf Schwarz natürlich sehr zufrieden sein. 27. Th7 Kb8 28. Sxf7 Sxf7 29. Txf7 Lc6 Die dublierten Türme stehen nun geradezu deplaziert. 30. Lf6 a5 (Den Vorzug verdiente 30… Db2 um dem Präventivzuge 31. Qc1 zuvorzukommen. Aber Weiß denkt nicht an Präventivmanöver.) 31. Th1 Db2 32. Lg5 Tf8 33. Tfh7 Tc7 34. Txc7 (Oder 34. T7h3 Tcf7) 34… Kxc7 35. Dc1! So wenig hervorragend Weiß bisher "auf Gewinn" gespielt hat, so trefflich versteht er es nun, seine geringen Remischancen wahrzunehmen. Die nun folgenden Rettungsversuche sind erstklassig - unwillkürlich wird man an Schlechter erinnert. 35… Dxc3 36. Da1! Dxa1 37. Txa1 Ta8 38. Ld2 b6 39. Kg3 Nun droht Königsmarsch nach g5. 39… Se7 40. Ld1! Ld7 (Wenn überhaupt, so war das schwarze Spiel nur durch 40… Lb7 zu gewinnen, denn nun folgt:) 41. Lb4! Sc6 42. Ld6+ Kb7 43. c3 b5 44. Tb1 b4 45. La4! (Nicht 45. cxb4 axb4 46. Lxb4 Sxd4 47. Lc5+ Sb5 usw.) 45… b3 (Sieht gut aus, gestattet aber eine Mumifizierung. Zweischneidig wäre allerdings 45… Sxd4 46. Lxd7 Se2+ 47. Kf3 Sxc3 48. Lxe6 Kc6 usw.) 46. Lxc6+ Kxc6 47. g5! Verwehrt dem Läufer den Ausgang über g6. 47… Ta7 48. Tb2 Tb7 49. Kf4 (Damit gestattet Weiß einen studienartigen Durchbruch, 49. La3 hätte remis gemacht.) 49… Lc8 drohend Rh7. 50. Kg3 Tb4!! Der Gewinnzug. 51. cxb4 Muss, sonst Ra4 usw. 51… a4 52. b5+ Kxb5 53. La3 c3 54. Tb1 Kc4 Da Ba3 und Rb1 nun unbeweglich sind - sonst entschiede b2 nebst Kb3 sofort -, kann der König in aller Ruhe d4 verspeisen und dann wieder nach c4 zurückkehren. Dies - die Pointe - entscheidet. Es folgte noch 55. f4 Kxd4 56. Kf2 Kc4 57. Ke1 d4 58. Ke2 Kd5 59. Kf3 (59. Kd3? La6#) 59… Lb7 60. Te1 Kc4+ 61. Kf2 b2 62. f5 exf5 63. e6 Lc6 Aufgegeben. 0–1