Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 53

Behting, Carl – Nimzowitsch, AaronFreie Partie, Riga, 27. März 1910

1. e4 d6 2. Sc3 Sf6 3. f4 e5 Führt zur Stellung des mit d7-d6 abgelehnten Königsgambits. 4. Sf3 Sbd7 5. d4 Keineswegs zu tadeln, denn e4 wird natürlich mit leichter Mühe zu halten sein, vergleiche die Anmerkung zum 8. Zuge. 5… exd4 6. Sxd4 Le7 7. Lc4 O-O 8. O-O a6 (Einer von jenen mysteriösen Zügen, für die die pseudoklassische Schule von Anno dazumal nur Worte des Hohnes fand. Denn das geschlossene Vorgehen c5 nebst b5 ist hier nur Nebenzweck. Der Hauptzweck besteht darin, den Zug Qf3 abzuwarten, um sodann den prophylaktischen Aufbau Re8 und Bf8 zu wählen. Sofortiges 8… Te8 würde nämlich an der Antwort 9. Sf3! mit der Doppeldrohung 10. e5 und 10. Ng5 scheitern. Demnach bedeutet a7-a6 also ein Tempoopfer zwecks Ermöglichung der "Prophylaxe" Re8 usw., und dieser Gedanke musste den Strategen von damals als eine ungeheuere intellektuelle Zumutung erscheinen, denn für die Prophylaxe hatten sie nur ein geringschätziges Achselzucken übrig, dieselbe aber gar erst durch Tempoopfer vorbereiten zu wollen, das war "bizarr", "verdreht" usw. ... Nun, in Wirklichkeit dürfte 8. ... a6 ein sehr feiner Zug sein, Bauer e4 ist nämlich statisch wie dynamisch recht lebenskräftig, Hemmungsoperationen erfordern also Umsicht und Geduld, sprich Warte- und Präventivzüge.) (Ein direktes Vorgehen, wie etwa 8… Sb6 (statt a6), hätte nach 9. Le2! d5 10. e5 Se4 11. f5 nur zu schwarzem Nachteil geführt.) 9. Sf5 (Möglich war a2-a4, dies hätte den status quo ante wiederhergestellt. Wahrscheinlich hätte ich mich hierauf zu 9. ... c6 entschlossen, zum Beispiel: 9. a4 c6 10. La2! (es drohte d5 nebst Nb6) und nun doch 10… Te8 Falls dann 11. Sf3 so 11… h6 und der Vorstoß 12. e5? wäre wegen 12… dxe5 13. fxe5 Sxe5 14. Sxe5 Dxd1 15. Lxf7+ Kf8 16. Txd1 Lc5+ nebst Rxe5 verfehlt.) 9… Sc5 10. Sg3 (Falls 10. Sxe7+ Dxe7 11. Te1 so 11… b5 (nicht 11… Scxe4 wegen Springertausch nebst Bd5) 12. Ld5 Sxd5 13. Sxd5 Dd8 oder d7, und Schwarz erhält mit Re8 und Bb7 etwas Spiel gegen Bauer e4. - Der Textzug deckt diesen Bauern zwar gründlich, bedeutet aber immerhin eine erfolgte Dezentralisierung: Nd4-f5-g3.) 10… b5 11. Ld3 b4 12. Sd5 Sxd5 13. exd5 Schwarz hat zwar den Erfolg zu buchen, dass das weiße Zentrum - dank 13. e4xd5 - dynamisch wertlos geworden ist, steht aber andererseits vor der schwierigen Aufgabe, nach zwei Seiten hin gleichzeitig präventiv vorgehen zu müssen: denn Weiß plant sowohl a3 mit Aufrollung, als auch f5 mit Terrainzuwachs. Mit 13. ... a5! wäre beides zu verhindern gewesen (wegen der Drohung Nxd3 Qxd3 Ba6). 13… f5 Beugt der Möglichkeit f4-f5 vor, plant aber auch gleichzeitig ein Spiel in der e-Linie (Bh4 Bxg3 Re8 nebst Festsetzung des Springers auf e4). 14. a3! bxa3 15. Txa3 Tb8 16. c3 Lh4 17. Df3 Lxg3 18. Dxg3 Te8 19. Lc2 Df6 20. b4 Se4 21. Dd3 Es ging für Schwarz also auch ohne Präventivaktion am Damenflügel, denn die Schwäche des a-Bauern erscheint nun durch die Stärke der e-Linie kompensiert. Aber nun geht es ohne Präventivspiel nicht weiter, denn Weiß plant die Zentralisierung Bc1-e3-d4, und dann stände Schwarz eher schlechter. Wie ist nun dem geplanten Aufbau zuvorzukommen? 21… Df7! 22. Le3 Sf6! 23. Lb3 Lb7 24. Td1 (Dies ist nicht gut; ich hatte natürlich 24. c4 erwartet, und darauf wollte ich durch 24… Lc8 25. Ld2 Se4 26. Le1 Df6 die frühere Stellung herbeiführen: doch wäre die lange Diagonale für den Gegner dann unweigerlich verloren gewesen. Diese Präventivkombination, die zu gleicher Zeit eine sechszügige Rückkehrwendung enthält, wird den aufmerksamen Leser über die Fülle und Mannigfaltigkeit des zu Gebote stehenden präventivkombinatorischen Materials aufklären. Ich zähle sie zu meinen Lieblingskombinationen.) 24… Lxd5! 25. Lxd5 Dxd5 26. Dxd5+ Sxd5 27. La7 (Ein gefährlicher Zug, der aber dem Schwarzen nicht entgangen war, als er sich auf den Abtausch einließ. Die Fortsetzung 27. Txd5 Txe3 28. Txf5 Tbe8 wäre für Schwarz günstig.) 27… Se3! 28. Td3 Sg4 29. Td1 Ta8 30. Ld4 (Auch auf 30. Txa6 würde Schwarz mit 30… Te4 31. g3 Te2) (oder 30. Txa6 Te4 31. Tf1 Se3 -d5 in Vorteil kommen.) 30… Te4 31. h3 Se3 32. Lxe3 Nunmehr wegen Nc4 oder Nd5 erzwungen. 32… Txe3 33. Kf2 Te4 34. g3 Kf7 Schwarz gibt den Bauer a6 auf, um dafür mit dem König entscheidend ins Spiel einzugreifen. 35. Tda1 Ke6 36. Txa6 Txa6 37. Txa6 Kd5 38. Ta5+ Es drohte Re4-c4 nebst Kd5-e4-d3. 38… Kc4 39. Txf5 Te7! Der weiße König ist abgeschnitten, und Schwarz droht, sich zwei verbundene Freibauern zu machen. Weiß versuchte noch: 40. b5 Kxc3 41. b6 cxb6 (nicht schon 41… c6 wegen 42. Ta5 Tb7 43. Ta7 Txb6 44. Txg7 mit recht zweifelhaftem Ausgange) 42. Td5 Td7 43. Tb5 Tb7 44. Td5 b5 45. Txd6 b4 46. Ke2 b3 47. Tc6+ Kb2 48. f5 Kb1 49. g4 b2 50. g5 Ka2 und Weiß gab nach wenigen Zügen auf. 0–1