Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 54
Nach den Eröffnungszügen 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. Sc3 Lb4 6. Sd5 Le7 7. O-O O-O 8. Te1 d6 9. Sxf6+ Lxf6 10. c3 verhielt sich Schwarz abwartend: 10… h6 Denn seine Stellung - eine Froschstellung par excellence - lässt sich gar nicht mehr groß verändern, der geschehene Wartezug soll dies betonen. Es folgte: 11. h3 Se7 12. d4 Sg6 13. Le3 Kh7 Schwarz "verharrt". 14. Dd2 Le6 15. Lc2 De7 16. d5 Auch Weiß hätte besser getan, zu verharren. d4-d5 hätte nur dann einen Sinn, wenn damit ein Angriff gegen den feindlichen Damenflügel (mit c3-c4 und b2-b4) eingeleitet würde. Weiß will aber am Königsflügel operieren, und dazu ist d4-d5 eine schlechte Vorbereitung. 16… Ld7 17. Kh2 Sh8! Ein Präventivzug, der gegen den Kriegsplan Ng1 nebst f2-f4 gerichtet ist. 18. Sg1 g5 19. g3 Sg6 20. Dd1 Lg7 21. Df3 a5 Wiederum Präventivspiel, diesmal soll der Möglichkeit c4 nebst b4 vorgebeugt werden. 22. Se2 Lb5 23. a4 Ld7 Es ist erreicht, der weiße Damenflügel hat seine Durchschlagskraft verloren (die vorhin erwähnte Aktion, eingeleitet durch c4 und b4, ist nun passe). 24. Th1! (Damit plant Schlechter gelegentlichen Durchbruch mittels h3-h4, zum Beispiel: 24. Th1 b6 25. h4 gxh4 26. gxh4 Sxh4 27. Dh5 f5 28. Kg1 usw. Aber Schwarz findet einen Zug, der nicht nur hohen Präventivwert, sondern auch das Verdienst hat, den Gegner zu schnellem Tun anzutreiben.) 24… De8!! Damit droht Qc8, zum Beispiel: Qc8 h4? Bg4 nebst Springergewinn, Weiß hat also zu weiteren Vorbereitungen keine Zeit und eröffnet die Durchbruchsschlacht. 25. h4 Dc8! Drohend Bg4. 26. Ld3 Lg4 27. Dg2 gxh4 28. f3 h3 29. Df1 Der Durchbruch scheint gelingen zu wollen, denn falls nun Bd7, so 30. g4 nebst Qxh3 und entscheidendem Angriff. 29… f5! Der von langer Hand vorbereitete Gegenstoß, der die Schlacht für Schwarz entscheidet. 30. fxg4 fxe4 Jetzt erst erkennt man die volle Tragweite des Zuges 28. ... h3. Hierdurch wurde die Dame von g2 nach f1, in die Schußlinie des Turmes f8, gedrängt. 31. Dxh3 exd3 32. Lxh6 Th8! Aufgegeben. Die Partie zeichnet sich u. a. durch umfassende Prophylaxe aus: sowohl gegen c4 plus b4, als auch gegen f4 und schließlich auch gegen h4 wurden Präventivmaßnahmen getroffen. - Es erübrigt sich, noch einige Worte über den Charakter der hier gewählten Präventivzüge zu sagen: das abwartende Verfahren 10. ... h6 ist u. E. stilgemäß, denn Wartezüge bilden den Anfang jeder Prophylaxe! Dass der Präventivzug 24. ... Qe8! zugleich auch eine Drohung enthält, macht den Zug keineswegs "zweckunrein", denn es handelt sich hier vielmehr um eine ganz bestimmte Abart der Prophylaxe, bei der das Antreiben des Gegners zu beschleunigtem Vorgehen mit zum Plane gehört. 0–1