Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 55
1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. Sc3 dxe4 4. d5 Se5 5. Lf4 Sg6 6. Lg3 a6 (Dieser Zug will richtig verstanden sein. Die Drohung Nb5 wäre anscheinend einfacher durch 6. ... f7-f5 abzuwehren, zumal letztgenannter Vorstoß doch geschieht, aber Schwarz will - und das gehört zum Wesen der Prophylaxe - seine Karten nicht zu früh aufdecken. Auf 6… f5 würde 7. h4 f4 8. h5 fxg3 9. hxg6 gxf2+ 10. Kxf2 und nun - spät aber doch - wäre die Zugänglichkeit des Feldes b5 von Belang.) 7. f3! f5! 8. fxe4 (Falls jetzt 8. h4 so 8… e5 9. h5 Dg5 mit schwarzem Vorteil.) 8… f4 9. Lf2 e5 10. Sf3 Ld6 Gegeben durch das Gesetz der Blockade (Freie und halbfreie Bauern sollen blockiert werden!). Die Stellung ist nun ungefähr gleich; Weiß sollte danach trachten, seine Mehrheit durch c2-c4-c5 ins Treffen zu führen, aber das ist hier mit großen Schwierigkeiten verbunden. 11. h4 (Hier hätte ich 11. Ld3 0-0 Ne2 und c2-c4 vorgezogen.) 11… b5! Eine aus dem Präventivzuge 6. ... a7-a6 organisch hervorgewachsene Diversion. 12. h5 Sf8 13. Lh4 Dd7! Es droht Qg4. 14. Le2 b4! 15. Sb1 Sf6! Die Pointe. Da e4 und h5 zugleich angegriffen sind, so ist Bxf6 erzwungen, und die schwarzen Figuren bekommen plötzlich Spielraum (Qg7). 16. Lxf6 gxf6 17. Sbd2 Dg7 18. Kf1 Sd7 19. h6 Dg3 Um Rh3 zu provozieren, wodurch Weiß im 22. Zuge ein Tempo verliert. 20. Th3 Dg8 21. Sh4 Sc5 22. Th1 Tb8 23. c3 Die b-Linie gereicht dem Schwarzen zum Vorteil, aber Schwarz steht eben besser in jedem Falle. 23… bxc3 24. bxc3 Dg3 25. Dc2 Tg8 26. Sc4! Ld7 27. Sxd6+ cxd6 28. Lf3 (Weiß hat seine Stellung einigermaßen konsolidiert, und der Gegner hat nun mit den Abschüttelungsversuchen 29. Qf2 oder gar 29. Nf5 Bxf5 30. exf5 mit der komischen Remisdrohung Rh3 Qg5 Rh5 usw. zu rechnen. Sehr gut wäre nun die prophylaktische Königstour 28. ... Ked8 und 29. ... Kc7. Dann würde Turmverdoppelung in der b-Linie drohen. Spielt Weiß auf 28. Lf3 Kd8 das geplante 29. Df2 so folgt 29… Dxf2+ 30. Kxf2 Tb2+ 31. Kg1 f5 32. Te1 Txa2 33. exf5 Ke7) (geschieht aber auf 28. Lf3 Kd8 die Diversion 29. Sf5 so besetzt der schwarze Turm nach 29… Lxf5 30. exf5 gleich die richtige Linie: 30… Te8 und auf 31. Th3 verschwindet die Dame dann nach 31… Dg8 mit stark überlegenem Spiel. 28. Ke8-d8 wäre also ein trefflicher Präventivzug, der jeder noch so entfernten Königs- wie Damenanrempelung die Spitze abbrechen würde. - Indes gibt es hier - statt 28. Kd8 - eine versteckt liegende Kombination, die noch schneller zum Ziele führt. Diese wählte ich.) 28… Lb5+ 29. c4 Lxc4+ 30. Dxc4 Tb2 31. Le2 Tg4! 32. Dc1 (Die von mir ins Auge gefasste Parade. Falls stattdessen 32. Th3 so 32… Txh4 33. Txg3 Th1+ 34. Kf2 fxg3+ 35. Kxg3 Txa1 Schwarz gewinnt den a-Bauern und entscheidet durch direkte Turmangriffe, während im Hintergrunde noch der Freibauer lauert.) 32… Txh4 33. Txh4 Txe2 34. Kxe2 Dxg2+! Die Pointe; der Turm g3 läuft nicht davon, und Schwarz erhält ein entscheidendes Bauernübergewicht. 35. Kd1 Df1+ 36. Kd2 (Das ansonsten bessere 36. Kc2 würde an dem Problemmatt 36… Dd3+ nebst Na4 scheitern.) 36… Dd3+ 37. Ke1 Dg3+ 38. Kf1 Dxh4 Jetzt ist Weiß verloren. 39. Kg1 Dg3+ 40. Kh1 Dh3+ 41. Kg1 Sxe4 42. Dc6+ Führt mit Hilfe einiger Schachgebote die Dame zur Verteidigung nach g2. 42… Kf7 43. Dc7+ Kg6 44. Dg7+ Kh5 45. Dg2 De3+ 46. Kh2 Sf2! 47. Tf1 (Auf 47. Tg1 folgt einfach 47… De2 da Weiß kein Schach hat.) 47… Sg4+ 48. Kh1 e4 49. Tg1 f5 50. a4 Kxh6 51. a5 Kg5 52. Tb1 f3 53. Db2 f2 Aufgegeben. Eine meiner besten Partien. 0–1