Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 6

Yates, Frederick – Nimzowitsch, AaronInternationales Meisterturnier des British Empire Club, London, Oktober 1927

1. e4 c5 2. Sf3 Sf6 Die von mir in San Sebastian eingeführte Neuerung. 3. e5 Sd5 4. Lc4 Sb6 5. Le2 Sc6 Weiß hat mit dem Läufer Tempi verloren, andererseits steht aber der Springer auf b6 weniger gut. Das Läufermanöver ist also nicht zu tadeln. 6. c3 d5 7. d4 (Wir hätten 7. exd6 den Vorzug gegeben.) 7… cxd4 8. cxd4 Lf5 9. O-O e6 10. Sc3 Le7 11. Se1 (Wenn der hiermit geplante Angriff f4 nebst g4 und f5 sich wirklich als durchführbar erweisen sollte, so wäre damit ein Beweis für die Fehlerhaftigkeit von 8. Bf5 erbracht, und das wäre ja ein Nonsens. In Wirklichkeit verhält sich die Sache aber so, dass durch 11. Ne1 nichts Besonderes erreicht wird, und dass diese Diversion viel besser durch ein planmäßiges Spiel in der c-Linie zu ersetzen gewesen wäre, zum Beispiel: 11. Le3 O-O 12. Tc1 gefolgt von a3 und b4 nebst Nf3-d2-b3-c5, und der im System propagierte Vorposten ist erreicht.) 11… Sd7! 12. Lg4! (Geistreich gespielt. Auf 12. f4? wäre 12… Sxd4 13. Dxd4?? Lc5 gefolgt.) (Ungünstig wäre auch 12. Le3 wegen 12… Sdxe5 13. dxe5 d4 14. Ld2 dxc3 15. Lxc3 Dc7 mit einigem Stellungsvorteil für Schwarz. Mit Hilfe des Textzuges (12. Bg4) ermöglicht Yates das erstrebte f4 auf eine ganz verblüffende Weise!) 12… Lg6 13. f4 Sxd4 14. Sxd5! Sc6! (Auf 14… Lc5 folgt stark 15. b4) (Ganz schlecht wäre auch 14… exd5 wegen 15. Lxd7+ nebst Qxd4.) 15. Sxe7 Db6+ 16. Kh1 Sxe7 17. Da4 (Da haben wir unseren in der Vorbesprechung erwähnten typischen Fehler! Schwarz plant offenbar eine Besetzung der Mittelpunkte, und um diese sollte Weiß naturgemäß kämpfen, anstatt mittels Qa4 glatt davonzulaufen. Also 17. De2! (Absicht: Be3) 17… Sd5 18. Lf3 Dc5 19. Ld2 S7b6 20. Tc1 De7 und nun etwa 21. Le3 , und Weiß hat "mehr" vom Zentrum als der Schwarze. Aber selbst wenn ein solches "Mehr" nicht zu erreichen gewesen wäre - was verschlägt's! -, auch dann hätte Weiß kämpfen müssen! - Nun aber ereilt ihn die gerechte Strafe.) 17… h5 18. Lh3 (Erzwungen, denn auf 18. Lf3 würde 18… Sf5 mit neuem zentralen Terraingewinn folgen, außerdem aber würde eine Mattdrohung auftauchen: h4 nebst Ng3+) 18… Lf5 19. Da3 Db5 Räumungsmanöver für den Nd7, der über b6 nach d5 strebt. 20. Kg1 Sb6 21. Df3 Sbd5 22. b3 Db6+ 23. Tf2 Tc8 Dieser Zug führt in Verbindung mit dem nächstfolgenden zu einer Dezentralisierung des einen Turmes, wodurch die so überaus harmonisch aufgebaute Stellung einen Makel erhält. Ungestörte Harmonie versprach dagegen die Fortsetzung 23. ... 0-0-0! Nach 24. ... Kb8 und 25. ... g6 stände einer zentralistischen Verwendung der Türme nicht mehr hindernd im Wege, also: 26. ... Rd7 und 27. ... Rc8. (Noch besser aber erscheint 23… Lg4! 24. Lxg4 hxg4 25. Dxg4 Txh2 26. Dxg7 O-O-O 27. Kxh2 Dxf2 28. Sd3 De2 , und Schwarz muss gewinnen.) (Möglich war schließlich auch eine Verquickung beider Spielweisen, nämlich 23… O-O-O 24. La3 und nun 24… Lg4 Falls dann etwa 25. Tc1+ Kb8 26. Lc5 so 26… Dxc5 27. Txc5 Lxf3 28. Txf3 Tc8 mit siegreichem Eindringen via c-Linie.) 24. Ld2 Th6 (Interessant, und schließlich und endlich kann die schwarze Stellung, zentralisiert wie sie ist, einen abenteuerlichen Ritt vertragen, korrekter war aber jedenfalls 24… O-O nebst g6 und Rfd8.) 25. Td1 Lxh3 26. Dxh3 Sf5 27. Dd3 Tg6 28. Sf3 Tg4 29. h3 Tg3 30. a4 Sh4 Der schwarze Aufbau leidet nun an einem inneren Zwiespalt: die Stellung des versprengten Turmes lässt ein Mattspiel wünschenswert erscheinen, die restierende Armee ist aber eher aufs Endspiel eingerichtet. (Fürs Endspiel wäre der Nd5 enorm, auch wären die weißen Felder im unbestrittenen Besitz des Nachziehenden.) 31. Kf1 Tc6! Um das Drohspiel Qh7 nebst Qg8 zu entkräften: der Turm läuft beizeiten davon. - Schwarz muss übrigens sehr vorsichtig lavieren. 32. a5 Dd8 33. Kg1 Sf5 (Nicht gut wäre 33… Sxf3+ 34. Txf3 Txf3 35. Dxf3 g6 wegen 36. f5) 34. Kh2 a6 35. Db1 Um Nd4 zu drohen. 35… De7 Er lässt sich die Drohung gefallen, schielt übrigens auch nach c5 (Qc5). 36. Sd4 (Verliert, besser war 36. Tc1) 36… Dh4! Da die versprengten Truppenteile nicht zur Armee zurückkonnten, kommt die Armee zu ihnen. 37. Le1 (Falls 37. Sxc6 so 37… Txh3+ nebst matt in zwei Zügen.) 37… Sxf4 Wiederum mit Mattdrohung (nämlich durch Rxg2+ usw.). 38. Txf4 Txh3+ Am einfachsten. 39. gxh3 Dxf4+ 40. Kg2 Se3+ und matt in zwei Zügen. Für diese Partie wurde mir übrigens ein Preis von zehn Pounds zuerkannt (for the best played game). 0–1