Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 7
Nach den Zügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. exd5 exd5 5. Sf3 Lg4 6. Le2 Se7 7. O-O Sbc6 8. Lf4 Ld6 9. Se5 (9. Dd2 sieht natürlicher aus) 9… Lxe2 10. Sxe2 Lxe5 11. Lxe5 Sxe5 12. dxe5 hatte jeder der Partner seine Bauernmehrheit, doch machte die weiße einen weniger beweglichen Eindruck. Es folgte 12… Dd7 13. f4 O-O-O 14. c3 Kb8 15. Db3 c5 16. Tae1 (16. Tad1!) 16… h5! 17. Kh1 Sf5 Und nun ist die Beweglichkeit der weißen Mehrheit auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Doch von da bis zu einer erfolgreichen Aufrollung der gelähmten Mehrheit ist noch ein weiter Weg. 18. Sg1 h4 19. Sh3 d4 20. cxd4 cxd4 21. Dd3 Se3 22. Tf2 Dd5 Schwarz hat immerhin etwas erreicht, nämlich eine starke Zentralstellung, einen guten, wenn auch blockierten Freibauern und die Möglichkeit f6. Es folgte 23. a3 f6 Diese Aufrollung der (dank Ne3) isoliert erscheinenden Bauernmasse konnte noch durch Rhe8 und womöglich durch a7-a6 (um gelegentliche Deblockierung durch Qb5 zu drohen) vorbereitet werden. Doch ist der Textzug vollständig korrekt und geeignet, den schwarzen Vorteil klarzustellen. 24. exf6 gxf6 25. f5! Thg8 (Es galt, den Zug Nf4, der offenbar geplant wird, irgendwie zu verhindern bzw. unschädlich zu machen. Dazu empfahl sich der Präventivzug 25… The8 Falls dann 26. Sf4 so (26. Tfe2? Sxg2! 27. Txe8 Sf4+ 28. De4 Txe8 und gewinnt) 26… Dxf5 (noch stärker und von sofort entscheidendem Wert wäre freilich die kombinatorische Widerlegung von 26. Nf4, nämlich die Antwort 26… Sg4!!) 27. Dxf5 (27. Txe3?? dxe3!) 27… Sxf5 28. Txe8 Txe8 29. Sd3 Sd6! 30. Txf6 Kc7 und alle schwarzen Figuren stehen bereit, den d-Bauern zu unterstützen. Der strategische Inhalt vorstehender Variante wäre so zu charakterisieren: die schwarze Zentralisierung hat sich vom Mittelspiel aufs Endspiel vererbt, ein Stratagem, das in allen einschlägigen Fällen aufs wärmste zu empfehlen ist. Es muss übrigens im Namen der objektiven Wahrheit festgestellt werden, dass der Anschluss an das oben skizzierte Stratagem durch 25. ... Rhg8 keineswegs endgültig aus der Hand gegeben ist. Der Turmzug nach g8 ist also durchaus korrekt.) 26. Sf4 Dc6 (Der Anschluss an unser mehrfach erwähntes Stratagem war hier durch das einfache 26. ... Qxf5 zu erreichen, zum Beispiel: 26… Dxf5 27. Dxf5 Sxf5 28. Sh5 Tge8! 29. Tc1 Se3 30. Sxf6 Te6 Vergleicht man die nun entstandene Stellung mit der im Diagramm 7 [Stellung nach dem 25. Zug von Weiß] veranschaulichten, so wird man die vor sich gegangene Entstoppung des Freibauern d4 als deutlich wahrnehmbares Plus buchen müssen. Auch wird man, des weiteren, bemerken, dass die Zentralisierung zwar endspielartigen Charakter angenommen, an Intensität aber trotzdem nichts eingebüßt hat. Es könnte beispielsweise folgen 31. Sd7+ Ka8 32. Sc5 Tc6 33. Sd3 Txc1+ 34. Sxc1 d3! 35. Sb3 (Oder 35. Td2? Tf8!) (Falls 35. Sxd3 so 35… a6! 36. Td2 Sg4! und gewinnt) 35… Sc4 36. Sd2 Sxb2 37. Tf4 b5 nebst Nc4 und gewinnt. Demgemäß war Qxf5 der richtige Zug, der ohne größere Mühe einen bequemen Übergang ins Endspiel (mit vererbter Zentralisierung!) gestattet hätte. Mit dem in der Partie gewählten Zuge (26. ... Qc6) ist völlige Klärung nicht ohne weiteres zu erzielen.) 27. Sg6 Richtig war 27. Kg1, denn nun hätte Schwarz durch folgende elegante Kombination glatt gewinnen können: [Siehe Anmerkung zum 27. Zug von Schwarz.] (Dagegen wäre es nach 27. Kg1! nicht so leicht gewesen, den schwarzen Vorteil klarzulegen, zum Beispiel: 27. Kg1 Tg4 28. De2 (28. Txe3? Dc1+) 28… Tdg8 29. Sg6 T4xg6 30. fxg6 Txg6 31. Dd2 De4 und Schwarz steht zwar imponierend, hat aber mittelspielartige Verpflichtungen, die ihm auf die Dauer doch nicht ganz erwünscht sein dürften.) 27… Tde8? (Ein Fehler, verursacht durch Zeitnot, Schwarz spielte drei Partien gleichzeitig und hatte somit dreimal zwanzig Züge in der Stunde zu machen. Mittels 27. ... h3 konnte er, wie gesagt, glatt gewinnen. 27… h3! 28. Se7 Dc7! 29. Sxg8 Sg4! 30. Dg3 Dxg3 31. hxg3 Sxf2+ 32. Kg1 Sd3 33. Td1 h2+! 34. Kxh2 Sf2 35. Tf1 Sg4+ nebst Rxg8.) 28. Sxh4 Tg4 29. Sf3 Dd5 30. Td2 Tge4 31. Sxd4 Sxg2 Dies hätte ihm nichts mehr nützen sollen, nach dem Fehler des 27. Zuges war die Partie eben nicht zu halten. Aber es kommt anders. 32. Txe4 Txe4 33. Sc6+! (Noch klarer als 33. Sf3 Dxd3 34. Txd3 Se3 35. Td4! Te8 36. Kg1 nebst Kf2.) 33… bxc6 34. Dxd5 cxd5 35. Kxg2 Te5 36. Tf2 (Dieser eine schwache Zug gibt der schwarzen gleichsam unter Kohlen glimmenden Zentralisierung die Chance, neu aufzuflackern. Richtig war 36. h4 falls dann 36… Txf5 so (36… Kc7 37. Kg3 Kd6 38. h5 Txf5 39. Th2 Tg5+ 40. Kf4 Ke6 41. h6 Tg8 42. h7 Th8 43. b4 und Weiß gewinnt.) 37. Tf2 Th5 38. Kh3 f5 39. Td2) 36… Kc7 37. Kg3 Kd6 38. Kg4 Te4+ und Schwarz gewann wie folgt: 39. Kh5 (39. Tf4? Ke5 40. Txe4+ Kxe4 und gewinnt) 39… d4 40. Kg6 Ke5 41. b4 Tg4+ 42. Kf7 Tf4 43. Txf4? natürlich ein grober Fehler, die Partie dürfte aber ohnehin verloren sein 43… Kxf4 44. Kxf6 d3 45. Kg6 d2 46. f6 d1=D 0–1