Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 9
Nach den Zügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 Lb4 4. exd5 exd5 5. Ld3 Se7 6. Se2 O-O 7. O-O Lg4 8. f3 Lh5 war auf e3 eine kleine Schwäche entstanden, die allerdings nur durch den etwas gewagt erscheinenden Vorstoß c7-c5 aufgedeckt werden kann. 9. Sf4 Lg6 10. Sce2 Ld6 11. De1 (lässt sich unter "Vernachlässigung des Zentralkomplexes" rubrizieren. Die Zentrallupe weist deutlich auf 11. Bxg6 nebst 12. Nd3 hin, die Zentralfelder c5 und e5 erschienen dann fixiert) 11… c5! 12. dxc5 Lxc5+ 13. Kh1 Sbc6 14. Ld2 Te8 15. Sxg6 hxg6 16. f4 (Eine Flügelattacke bei inferiorer eigener Zentralstellung! Relativ am besten erscheint stattdessen: 16. Dh4 Sf5 17. Dxd8 Taxd8 mit nur geringem Endspielvorteil für Schwarz.) 16… Sf5 17. c3 d4! 18. c4 Db6 Schwarz steht deutlich überlegen. 19. Tf3 Lb4! erobert Punkt e3 für die schwarzen Figuren 20. a3 Lxd2 21. Dxd2 a5 22. Sg1 Te3 23. Td1 Tae8 24. Df2 Das hier vorhandene Zentralterritorium ähnelt dem uns aus der Partie Nr. 7 wohlbekannten. Hier wie dort bildet Bd4 den Kern der Zentralisierungsaktion, ihm logisch angegliedert erscheint Punkt e3 mit dazugehöriger e-Linie. Und in beiden Partien führt (oder sollte führen) der schwarze Zentraldruck zur Vernichtung des weißen Blockeurs auf d3. Es geschah nun 24… Db3 25. Td2 Sd6 26. c5 Sc4 27. Lxc4 Dxc4 Es ist vollbracht, der Blockeur ist gefallen! Der Lernende aber möge nun wie folgt verfahren: Er baue zunächst - auf einem zweiten Schachbrett - das aus der Partie Nr. 7 stammende Diagramm 7 [Stellung nach 25. f5] auf, füge demselben die dort geschehenen Züge 25. ... Rhg8 26. Nf4 an und studiere sodann die Glosse zum 26. Zuge. Ist dies geschehen, vergleiche er damit die Entwicklung der Dinge, wie wir sie in der jetzt vorgeführten Partie Nr. 9, Zug 24-27, zu beobachten Gelegenheit hatten. Danach suche er den Unterschied in der jeweils zur Anwendung gelangten Strategie zu erfassen und klar zu präzisieren. Unsere Formulierung findet sich nach Schluss dieser Partie. 28. Tc2 Dd5 29. Tc1 De4 Nun liegt bereits u. a. Rxf3, Qxf3, Qxf3, Nxf3, Re2 mit entscheidender Besitzergreifung der 2. Reihe in der Luft. 30. f5 Ein geistreicher Rettungsversuch 30… Txf3 31. Sxf3 Dxf5 32. b4! axb4 33. axb4 Sxb4 (Nicht übel ist auch die Fortsetzung 33… Se5 zum Beispiel 34. Te1 Te6) 34. Dxd4 Sd3 35. Tc2 (Nicht 35. Tc3 wegen 35… Te1+ nebst Qf1+ und Nf2#) 35… Tc8! (Verführerisch aber schlecht wäre 35… Se1 wegen 36. Te2!! Txe2 37. Dd8+ Kh7 38. Sg5+ Kh6 39. Sxf7+ Kh5 40. Dh8+ Kg4 41. Dh3+ Kf4 42. Dg3+ Ke4 43. Sd6+ mit Damengewinn) 36. Tc3 Sxc5 Man sei sich darüber im klaren, dass die schwarze Zugfolge 34 bis 37 als eine auf Basis der Zentralschräge f5-b1 vorgenommene Zentralisierung aufzufassen ist. - Der Rest ist Sache der Technik (der Technik der Froschstellung ganz besonders). Es folgte: 37. h4 b6 38. Sg5 Tf8! Nur keine falsche Scham, die Froschstellung ist ja nur vorübergehender Natur. 39. Tf3 Dd7 40. Dc4 Se6 41. Td3 Dc8 42. Db5 (das Turmendspiel nach 42. Dxc8 Txc8 43. Sxe6 fxe6 44. Td6 Tb8 45. Txe6 Kf7 wäre für Weiß aussichtslos) 42… Dc1+ 43. Kh2 Df4+ 44. g3 Df2+ 45. Kh1 Df1+ 46. Kh2 Sc5 NB. Beantwortung der in der Note zum 27. Zuge aufgeworfenen Frage: In Nr. 9 fällt der Blockeur in der Verteidigung, in Nr. 7 - im Verlaufe einer ihm, bzw. den Seinigen, aufgezwungenen Attacke. Die Attacke in Nr. 7 ist insofern als eine unfreiwillige aufzufassen, als Weiß andernfalls vom gegnerischen Zentraltank (und dessen Auswirkung nach g2) zermalmt worden wäre. Diese Fähigkeit, den dezentralisierten Gegner zu verfrühten Flügelattacken zwingen zu können, ist für die kraftvoll zentralisierte Stellung in hohem Grade bezeichnend. 0–1
Die Partiesammlung von pgnmentor.com geht ab hier anders weiter: hier 23. Td1, dort 23. Df2. Spätere Züge sind nicht verglichen.