Aus dem Buch «Mein System» von Aaron Nimzowitsch

9.4 Übertragung der Blockaderegeln vom „Freibauern“ auf die „Kette“

Das Abtauschmanöver (um einen gegnerischen starken Blockeur durch einen „eher zugänglichen“ zu ersetzen) auf die Bauernkette angewandt.

Es ist für uns, die wir das 4. Kapitel studiert haben, einleuchtend, daß jeder feindliche Stein, der einen sonst als beweglich anzusprechenden Bauern stoppt, als Blockeur aufzufassen ist. Und trotzdem muß es überraschen, daß wir etwa nach 1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 3. e4-e5 die weißen Bauern d4 und e5 als regelrechte Blockeure zu betrachten willens sind. Das überraschende liegt darin, daß es ganz ungewohnt wirken müsse, einen Bauern (!) als Blockeur bezeichnet zu sehen. Die Bauern figurieren doch sonst stets als die blockierten Steine; die Rolle eines Blockeurs blieb doch dem Offizier vorbehalten? Sehr richtig; aber die Kettenbauern sind Bauern höherer Ordnung und in ihren Funktionen dementsprechend differenzierter als die anderen Bauern. Die Kettenbauern als Blockeure empfinden und behandeln zu wollen, dürfte daher ganz korrekt erscheinen.

Um obige Erkenntnis reicher, versuchen wir nun unser uns aus dem 4. Kapitel bekannte „Abtauschmanöver auf dem Blockadefelde“ im Kettenbereiche anzuwenden. Innere Berechtigung hatte genannter Abtausch nur dann, wenn der als Ersatz für den gefallenen Blockeur auftauchende neue Blockeur sich als schwächer erweist als sein Vorgänger. Auch im Kettenbereich ist das Verhältnis das eben angedeutete.

Beispiel:

Nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. Sc3 kann Schwarz den Blockeur (Bauer d4) durch einen neuen Blockeur (Dame d4) zu ersetzen versuchen. In der Tat entpuppt sich nach den weiteren Zügen 4… cxd4! 5. Dxd4 Sc6 die Dame als ein schwerlich zu behauptender Blockeur und damit erweist sich das Abtauschmanöver als korrekt. (Dieses trotz eines möglichen 6. Bb5, denn nach 6. Lb5 Ld7 7. Lxc6 bxc6 hätte Schwarz zwei Läufer bei beweglicher Zentralmasse und wäre im Vorteil.)

Dagegen wäre erwähntes Abtauschmanöver schwächlich nach 1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. Le3 denn nach 4. ... cxd4 5. Bxd4 wäre der Läufer ein äußerst zäher Geselle (starker Blockeur) und ein weiterer Abtausch desselben, also 4… cxd4? (besser ist 4… Db6) 5. Lxd4 Sc6 Anm. W. Krebbers: In Nimzowitschs Notation fehlt dieser sowie der nächste weiße Zug. Die angegebene Zugfolge ist somit fehlerhaft da 5. ... Nxd4 nicht möglich ist. 6. -- Sxd4 7. Dxd4 Se7 8. Sf3 Sc6 9. Df4 würde zwar zur Vertreibung der Blockadetruppen führen, aber nur unter Zeitverlust, verursacht durch die doppelte Bewegung des schwarzen Königsspringers. Weiß stünde ganz gut: seine Figuren sind im Sinne eines Königsangriffs postiert, entfalten aber auch genügende Einwirkung auf das Zentrum, z. B. 8. Qf4 9… f6 um die weiße Kette aufzurollen 10. Lb5 a6 11. Lxc6+ bxc6 12. O-O und Schwarz wird nie dazu gelangen, den Bauern e6 beweglich machen zu können, da auf gelegentliches f6xe5 der Zug Nf3xe5 mit Einnistung dieses Springers erfolgen würde.

Damit wären wir dem Verständnisse der Bauernkette näher gerückt: alle Abtauschwendungen im Kettenbereich geschehen nur mit Rücksicht auf das erstrebte Ersetzen gegnerischer starker Blockeure durch schwächere und hier muß die von uns im 4. Kapitel erworbene „Spürnase“ kräftig helfen. Wir müssen, meine ich, von Fall zu Fall unterscheiden, ob der betreffende Blockeur stark oder schwach, elastisch oder unelastisch etc. ist. Dieses Unterscheidungsvermögen wird uns treffliche Dienste leisten. Man sehe beispielsweise Diagramm 117.

Ausgangsstellung, Weiß am ZugWeiß: Kg1, Dd1, Ta1, Tf1, Ld3, Le5, Sb1, a2, b4, c3, f2, g2, h2. Schwarz: Ke8, Db6, Ta8, Th8, Ld7, Le7, Sf6, a7, b7, d5, e6, g7, h7.

Hier wäre 1. Dc2? (ein schwächlicher Zug, trotz der enthaltenen scharfen Drohung Bxf6 nebst Bxh7. Der Fehler liegt darin, dass Weiß viel lieber etwas zum Schutze seines Blockadewalles hätte tun sollen, also etwa 1. Sd2 O-O! 2. Sf3) Auf 1. Qc2? dagegen geschähe 1… O-O! 2. Lxf6 Txf6 3. Lxh7+ Kh8 4. Lg6 (oder 4. Ld3) 4… e5! Weiß hat einen Bauern gewonnen, aber Schwarz hat die "Blockade" überwunden und steht nun marschbereit in der Mitte, Weiß dürfte verloren sein.

Im Diagramm 118 käme 15. Ld4 Dc7 16. De2 in Frage, um 17. Se5 folgen zu lassen.

Nimzowitsch, Aaron – Salwe, GeorgII. internationales Schachmeisterturnier, Karlsbad, 9. September 1911

1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 Db6 6. Ld3 Ld7 7. dxc5 Lxc5 8. O-O f6 9. b4 Le7 10. Lf4 fxe5 11. Sxe5 Sxe5 12. Lxe5 Sf6 13. Sd2 O-O 14. Sf3 Ld6 15. De2 (Dieser eben skizzierte Plan, den Blockadering zu erweitern, ist indes undurchführbar, denn auf 15. Ld4 Dc7 16. De2 folgt 16… Sg4!! 17. h3 e5! und die Expansionslust des e-Bauern ist, allen Gegenmaßnahmen zum Trotz, doch zur Geltung gekommen. Richtig ist vielmehr 15. Qd1-e2 ; es geschah) 15… Tac8 (oder 15… Lxe5 16. Sxe5 Tac8 17. c4!) 16. Ld4 Dc7 17. Se5 und Schwarz ist beträchtlich blockiert. Also wir sagen: schlecht wäre 15. Bd4 Qc7 16. Qe2, weil der auf der Lauer liegende Blockeur (= Blockade-Prätendent Nf3) von nur geringer Blockadewirkung wäre, d.h. er gelangt gar nicht nach e5. 17… Le8 18. Tae1 Lxe5 19. Lxe5 Dc6 20. Ld4 Ld7 21. Dc2 Tf7 22. Te3 b6 23. Tg3 Kh8 24. Lxh7 e5 25. Lg6 Te7 26. Te1 Dd6 27. Le3 d4 28. Lg5 Txc3 29. Txc3 dxc3 30. Dxc3 Kg8 31. a3 Kf8 32. Lh4 Le8 33. Lf5 Dd4 34. Dxd4 exd4 35. Txe7 Kxe7 36. Ld3 Kd6 37. Lxf6 gxf6 38. Kf1 Lc6 39. h4 1–0

Gelegentlich der Glossierung meiner Partie gegen Salwe, der wir die letzthin vorgeführte Diagrammstellung entnehmen, werden wir unsere Abtauschwendung an weiteren Beispielen erhärten.