Aus dem Buch «Mein System» von Aaron Nimzowitsch
9.5 Der Begriff des Überrumpelungskrieges und der des positionellen Belagerungskampfes, angewandt im Kettenbereich. Der Angreifer am Scheidewege!
Wenn der Angreifer im Sinne unserer Ausführungen gespielt hat (also Angriff gegen die Basis und korrekte Anwendung des Abtauschmanövers auf dem Blockadefelde), so wird sich ihm nicht selten das völlige Freiwerden der gehemmt gewesenen Bauern als Belohnung darbieten. Zuweilen gelangt aber der mit angedeuteten Mitteln geführte Kampf an einen toten Punkt, und in solchen Fällen ist die Anwendung eines neuen Stratagems vonnöten. Siehe folgende von A bis Z höchst lehrreiche Partie, die ich übrigens als Stammpartie im Sinne der von mir herrührenden neuen Zentrumsphilosophie betrachte.
1. e4 e6 2. d4 d5 3. e5 c5 4. c3 Sc6 5. Sf3 Db6 Wie man sieht, versucht Schwarz andauernd, den Gegner durch Bitten und Drohungen zur Aufgabe der Basis d4 zu bewegen. Eben angedeutete Tendenz, die mit nachfolgender Aufrollung der ganzen Kette liebäugelt, rubrizieren wir unter Überrumpelungsstrategie. Man beachte übrigens den Zug Qb6 als solchen; Damenzüge in der Eröffnung sind doch sonst selten angebracht, hier aber ist die Bauernkette das dominierende Prinzip; das Wohl und Wehe im Kettenbereiche bestimmt alle unsere Handlungen! 6. Ld3 Ld7 (Ein sehr plausibler Zug; da Weiß mit d4xc5 immer noch zaudert, so will Schwarz ihm durch Rac8 den schweren Entschluss erleichtern helfen! Richtig war aber 6… cxd4 7. cxd4 mit Übergang in ein ganz neues Fahrwasser. In der Partie geschah) 7. dxc5 Lxc5 8. O-O f6 Schwarz fühlt sich nun als Triumphator und stürzt sich voller Begier auf den letzten Sprössling aus der einst so stolzen Kettenfamilie, um ihn zu vernichten. Seine Kriegsparole ist: "Platz für Bauer e6." Aber es kommt ganz anders. 9. b4! (Um e5 auf nachhaltige Weise decken zu können. 9. De2 wäre auch eine Deckung, aber keine nachhaltige, denn hiernach käme der "Abtausch" 9… fxe5 10. Sxe5 Sxe5 11. Dxe5 Sf6 und der Blockeur Qe5 ist leicht vertreibbar) 9… Le7 10. Lf4 fxe5 Wiederum unsere mehrmals besprochene Abtauschwendung, der es aber diesmal an innerer Berechtigung fehlt, denn der neue Blockeur Be5 erweist sich als ein äußerst zäher Geselle 11. Sxe5 Sxe5 12. Lxe5 Sf6 (Denn das sonst erwünschte 12… Lf6 würde an 13. Dh5+ g6 14. Lxg6+ hxg6 15. Dxg6+ Ke7 16. Lxf6+ Sxf6 17. Dg7+ scheitern) 13. Sd2 (Dass der nach 13. Dc2? O-O! mögliche Bauerngewinn trügerisch ist, haben wir bereits erwähnt, siehe Diagr. 117) 13… O-O 14. Sf3! Die Blockadetruppen sollen durch den Springer verstärkt werden 14… Ld6 (14… Lb5 wäre wenig ersprießlich, denn 15. Ld4 Da6 16. Lxb5 Dxb5 17. Sg5 gewänne einen Bauern) 15. De2 siehe Diagramm 118 (Dass 15. Ld4 hier noch verfrüht wäre, haben wir bereits erläutert) 15… Tac8 16. Ld4 Dc7 17. Se5 Nun ist die Unbeweglichkeit der blockierten Bauern größer denn je. Weiß hat sehr ökonomisch gespielt. Die Möglichkeit einer erfolgreichen Okkupation von d4 und e5 hing aber auch an einem Haare, an einer minutiösen Ausnützung des Terrains, nämlich der Punkte d4, e5, c2 und e2 17… Le8 18. Tae1 Lxe5 19. Lxe5 Dc6 20. Ld4! Um den Be8, der auch nach h5 schielt, zur Entscheidung zu zwingen 20… Ld7 21. Dc2 Die entscheidende Umgruppierung 21… Tf7 22. Te3 b6 23. Tg3 Kh8 24. Lxh7 Aus dem 6. Kapitel ist uns die große Wirkung zentralisierter Steine, auch nach den Flügeln hin, bekannt 24… e5 (24… Sxh7 verlöre wegen 25. Dg6) 25. Lg6 Te7 26. Te1 Dd6 27. Le3 d4 28. Lg5 Txc3 29. Txc3 dxc3 30. Dxc3 und Weiß gewann Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 30… Kg8 31. a3 Kf8 32. Lh4 Le8 33. Lf5 Dd4 34. Dxd4 exd4 35. Txe7 Kxe7 36. Ld3 Kd6 37. Lxf6 gxf6 38. Kf1 Lc6 39. h4 Aufgegeben. 1–0
Es empfiehlt sich nun, einen retrospektiven Blick auf eben besprochene Partie zu werfen. Nach den einleitenden Zügen 1. e2-e4 e7-e6 2. d2-d4 d7-d5 3. e4-e5 c7-c5 4. c2-c3 Sb8-c6 5. Sg1-f3 Dd8-b6 6. Lf1-d3 konnte und mußte Schwarz mittels 6. ... c5xd4 7. c3xd4 Lc8-d7 nebst evtl. Sg8-e7-f5 in ein ruhiges Fahrwasser übergehen. Er zog es aber vor, auf völlige Kapitulation des Gegners (wir meinen im Kettenbereich) zu spielen. Der Plan war
- d4xc5 und e5xf6 soll erzwungen werden,
- allfällige Ersatzblockeure, z.B. ein Läufer e5, sollen verjagt werden,
- die freigewordenen schwarzen Mittelbauern sollen triumphierend vorgehen.
Dieser Plan scheiterte aber daran, daß die Ersatz-Blockeure eben nicht zu vertreiben waren, will besagen, sie waren von starker Blockadewirkung. Für uns aber ist es von Bedeutung, folgende zwei Postulate aufzustellen:
- den strangulierten (sprich gehemmten) schwarzen Bauern macht es gar keinen Unterschied aus, ob sie von Bauern oder Offizieren stranguliert werden, das eine ist so peinlich wie das andere, und
- folglich bedeutet die Vernichtung der hemmenden Kettenbauern allein noch keineswegs eine vor sich gegangene mehr oder minder vollendete Befreiungsaktion, denn noch wären allfällige Ersatz-Blockeure, die Offiziere, zu verdrängen. Ob und in welchem Maße letzteres möglich ist, erst dieser Frage kommt entscheidende Bedeutung zu.
Zur Beleuchtung des Verhältnisses zwischen Bauer und Offizier diene folgendes: „Freilich sind gerade die Bauern zur Zentrumsbildung am geeignetesten, weil am stabilsten, aber im Zentrum plazierte Figuren können sehr wohl die Bauern ersetzen.“ A. N. 1913, entnommen meinem Artikel „Die Aufgabe des Zentrums – ein Vorurteil.“ Auf diesen Artikel werden wir noch öfter zurückkommen und bemerken nur noch, daß wir geneigt sind, jede zwar eingeleitete aber unbeendet gebliebene Befreiungsaktion (wie Salwes Versuch in vorgeführter Partie) für recht schädlich anzusehen, nämlich für den sich angeblich Befreienden. - Und nun zurück zur Diagrammstellung.