Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 100
1. Sf3 Sf6 2. b3 d6 3. g3 e5 4. c4! ("Bizarr"! Er fürchtet sich nicht vor e5-e4. Jeder andere hätte 4. d3 gewählt) 4… e4 dieser die schwarzfeldrigen Punkte schwächende Zug legt den Grund zu allen kommenden Schwierigkeiten 5. Sh4! das Feld g2 war also nicht für den fianchettierungsbedürftigen Läufer f1 bestimmt, sondern für den "bizarren" Springer! 5… d5 Dieser Zug, der im Falle eines geschehenen 5. Nd4? stark gewesen wäre, führt unter den gegebenen Umständen nur zu einer nicht völlig einwandfreien Damenexkursion. Etwas besseres dürfte aber kaum vorhanden sein. 6. cxd5 Dxd5 7. Sc3 Dc6! 8. e3 Damit wird die Möglichkeit einer Fianchettierung für immer aufgegeben. 8… a6 (Konsequenter war 8… Lg4 ; hierauf geschah am besten 9. Dxg4! (weil der Nf6 später ein Tempo durch den erzwungenen Rückzug verliert) 9… Sxg4 10. Lb5 Sf6 11. Lb2 a6 12. Lxc6+ Sxc6 13. Se2 Sg4! 14. f3 (sonst folgt Ne5) 14… exf3 15. Sxf3 O-O-O mit nur minimalem Vorteil für Weiß. Diese Variante gewährt uns einen Einblick in die Verteidigungsressourcen des Nachziehenden: er besitzt offenbar etwas weißfeldriges Gegenspiel; spielt er seine (nicht gerade zahlreichen) Trümpfe richtig aus, so hat er die Chance, den feindlichen schwarzfeldrig betonten Angriff hemmen zu können. Der von Aljechin gewählte Zug erschwert die Verteidigung, ohne sie allerdings aussichtslos zu gestalten.) 9. Lb2 Lg4 10. Le2 Lxe2 11. Sxe2 Sbd7 12. Tc1 Db6 13. O-O (Hier kam 13. Dc2 stark in Betracht, zum Beispiel: 13… Ld6 14. Sf5) (Schwarz könnte aber anscheinend besser spielen: ( 13. Dc2 ) 13… Sc5! Falls nun 14. Ld4 so 14… Sd3+ 15. Dxd3 exd3 16. Lxb6 cxb6 17. Sd4 (oder 17. Sc3 La3! mit entwundener c-Linie) 17… Lc5 18. Tc3? Sd5 19. Txd3 Sb4 20. Tc3 Lxd4 nebst Nxa2 und Schwarz steht besser.) (Trotzdem erscheint die mit 13. Dc2 Sc5 beginnende Variante als für Weiß günstig; nur müsste statt 14. Bd4 die Rochade gewählt werden, zum Beispiel: 14. O-O Sd3 15. Lxf6! D oder Bxf6 16. Nf4 (drohend Nd5) mit weißem Vorteil.) (Auch bei anderen Zügen (statt Nc5) würden wir das weiße Spiel vorziehen, beispielsweise: ( 13. Dc2 ) 13… O-O-O 14. O-O und Schwarz ist um eine plausible Fortsetzung verlegen. Diese hier angeführten Varianten erwecken den Eindruck, dass die seitens des Nachziehenden im 8. Zuge begangene Unterlassung nicht mehr ohne weiteres gut zu machen sei: 13. Qc2 hätte den Druck wohl aufrechterhalten. Aber nicht genug damit, selbst der schwächere Textzug (13. 0-0) sollte es dem Gegner nicht gestatten, sich dem Drucke zu entziehen. Die einmal versäumte Gelegenheit zur Einleitung eines weißfeldrigen Gegenspiels sollte nicht wiederkehren. Und daher stehen wir dem von Aljechin in den nächsten Zügen versuchten weißfeldrigen "Staatsstreich" recht zweifelnd gegenüber.) 13… Ld6 14. f3 (Für besser hält Aljechin den Zug 14. d3) 14… Le5!? Äußerst interessant! Er will um jeden Preis weißfeldrig okkupieren (d3 besetzen). Was sagt aber hierzu der Logos der Partie? Nun, er steht der Sache skeptisch gegenüber: warum und wieso sollten die weißfeldrigen Punkte die schwarzfeldrigen plötzlich in den Schatten stellen können!? Nach der Unterlassung im 8. Zuge (seitens Schwarz) war doch die schwarzfeldrige Schwäche des Nachziehenden chronisch geworden; Weiß hat keine Fehler begangen (denn 13. 0-0 war noch keiner); der gewaltsame Versuch des Gegners muss also, aller Genialität zum Trotz, doch irgendwie inkorrekt sein. 15. Lxe5 Sxe5 16. fxe4 Sd3 17. Tc3 O-O-O 18. Db1 Sxe4 (Kein "Staatsstreich" ohne "Opfer"! Ob 18… Sc5 besser gewesen wäre, erscheint nach den weiteren Zügen 19. d3 Sa4 20. bxa4 Dxe3+ 21. Tf2 (auch 21. Kh1 Dxe2 22. Tfc1 wäre chancenreich) 21… Sg4 22. Df1 zweifelhaft.) 19. Txd3 Sxd2 20. Txd8+ Txd8 21. Df5+ Kb8 22. Te1 (Auch 22. Tc1 kam in Betracht.) 22… Dxe3+ 23. Df2 Dd3 24. Sf4 Dc3? (Mit 24… Dc2 hätte Schwarz gute Remischancen behalten. Was würde aber daraus folgen, etwa dass der Staatsstreich korrekt gewesen sei? Oder dass die "schwarzen" und "weißen" Punkte nach Belieben die Macht an sich reißen können? Nein, nichts von alledem. Denn erstens wäre das Remis (nach 24. ... Qc2!) noch nicht ausgesprochen, zweitens ist es noch nicht erwiesen, dass Weiß nicht irgendwo hätte stärker spielen können (zum Beispiel: im 22. Zuge), und drittens gibt es ja eben leider viele Stellungen, in denen der als solcher klar nachweisbare Vorteil nicht zum Gewinn ausreicht. (Der Beraubungssieg sollte zählen!)) 25. Te3 Dc1+ Es folgt nun ein erbitterter Kampf. Weiß gewinnt, aber erst nach stundenlangem zähesten Ringen. 26. Kg2 Dc6+ 27. Sf3 g5 28. Sd3 Sxf3 29. Dxf3 Dc2+ 30. Sf2 f5 31. Te2 Dc5 32. Sd3 Dd4 33. Se5 f4 34. Sc4 Nach Spielmann war g3-g4 ein sicheres Verfahren, denn Weiß müsste zu einem Mittelspielangriff gelangen können. Aber wenn es doch zum Endspiel kommt? Kann der gedeckte Freibauer nicht unangenehm werden? 34… fxg3 35. Td2 Dh8 36. Txd8+ Dxd8 37. hxg3 Dd4 38. Df8+ Ka7 39. Df2 Dxf2+ 40. Kxf2 h5 Der Gewinn hängt immer noch an einem Haar, nämlich an einer studienartigen Wendung, vergleiche die Note zum 41. Zuge von Schwarz. 41. Ke3 Der versiegelte Zug. 41… c5 (Die Hauptvariante besteht in 41… b5 42. Sd2! h4 43. g4 h3 44. Kf3 c5 45. Se4 c4 46. b4 Kb6 denn nun sieht das Hineinmanövrieren des Königs unangenehm genug aus; dies um so mehr, als es ja an der nötigen Zeit zum Bauernraub g5 mangelt. Die Pointe kommt nun: 47. Kg3 und falls 47… Kc6 dann (nicht eher!) geht auf einmal der ersehnte Raub, nämlich 48. Sxg5 c3 49. Sf3! und gewinnt.) 42. a4 b5 43. axb5 axb5 44. Sd2 Kb6 45. Se4 h4 46. g4 h3 47. Kf3 b4! Ein letztes geistreiches Aufflackern vor dem Erlöschen. 48. Sxg5 c4 49. Se4 cxb3 (Oder 49… c3 50. Sf2 nebst Nd3.) 50. g5 b2 51. Sd2 Kc5 52. g6 h2 53. Kg2 Kd4 54. g7 Kd3 55. g8=D Kxd2 56. Da2 Kc2 57. Dc4+ Aufgegeben. Eine Großkampfpartie. 1–0