Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 102
1. e4 Sc6 2. d4 d5 3. exd5 Dxd5 4. Le3 e6 5. Le2 (wie in der Partie 99 ausgeführt, hätte 5. Sf3 dem Gegner Sorgen genug bereitet. Immerhin ist auch der Läuferzug stark) 5… Dxg2! Wir glauben an die Kraft der Verteidigung. 6. Lf3 Dg6 7. Se2 Sb4 Die moderne Abwehrtechnik setzt mit Nachdruck ein: eine Zentralisierung (Nd5) wird vorbereitet. 8. Sa3 Sd5 9. Sc4 (Die richtige Fortsetzung bestand in 9. Sb5 zum Beispiel: 9… c6 (am besten) 10. Sf4! Sxf4 11. Sc7+ Kd7 12. Sxa8 mit unklarem Ausgang (die von Dr. Lasker im Verein mit dem Verfasser angestellten Versuche ergaben ein Remis).) 9… Df6!! 10. Sg3 Dd8! Was bedeutet dieses Manöver? - Zweierlei! Die Dame strebt nach Sicherheit, und die Zentralisierungsidee wird schärfstens betont, denn nun wirken bereits drei Steine dem gegnerischen Durchbruchsplan c4 und d5 (natürlich nach vorhergegangenem Wegzug des Nc4) entgegen. Kurzum: der Zentralspringer wird überdeckt. - Es ist im übrigen klar, dass das gewählte Rückzugsmanöver höchst neuromantisch wirkt, denn Schwarz zeigt damit deutlich, dass er an die Widerstandskraft der Anfangsstellung glaubt, während doch die Pseudoklassiker im Gegensatz hierzu Fanatiker der beschleunigten Entwicklung waren. 11. Dd2 Sgf6 Fortgesetzte Überdeckung! 12. Se5 c6! "Überdeckend" und "abwartend" zugleich! Er möchte sich die Möglichkeit beider Rochaden so lange offenhalten, bis der Gegner Farbe bekennt, d. i. kurz oder lang rochiert hat. Dieses Zögerndürfen bedeutet für die eingeschränkte schwarze Stellung eine Ressource mehr. Man denke übrigens auch an die 4. Abteilung dieses Abschnittes ("Das kleine Zentrum"). 13. O-O! (Auf 13. O-O-O wäre 13… Lb4 gefolgt, zum Beispiel: 14. c3 Le7 und Schwarz bereitet mittels Qc7 oder a5, Bd7 und Rhf8! die lange Rochade vor. Nach dem Textzuge wäre die 0-0-0 aber zu gefährlich.) 13… Ld6 14. Kh1 Dc7 15. c4 Sxe3 16. Dxe3 c5 (Ein Gegenangriff ist stets von trefflicher Wirkung, auch im psychologischen Sinne. Dies wussten bereits unsere Altvordern. Doch wird die Stellung andererseits auch etwas gelockert. Daher dürfte 16… Sd7! doch wohl vorzuziehen sein.) 17. Dg5 (Um den Gegner für dessen "Keckheit" zu bestrafen. Richtiger war aber 17. Tae1 cxd4 18. Dxd4 Ld7 obgleich Schwarz auch in diesem Falle nicht gerade gefährdet wäre ( 19. Sf5? exf5 20. Sg6+ Le6 21. Sxh8 Ke7 und gewinnt).) (Auch 17. Sd3 cxd4 18. Dxd4 käme übrigens in Frage.) 17… cxd4 18. Tae1 (Falls 18. Dxg7 so 18… Tg8 19. Dxf6 Lxe5 mit geringem Vorteil für Schwarz.) 18… Kf8! (Falsch wäre die Rochade, zum Beispiel: 18… O-O 19. Tg1 h6 20. Df4 Lxe5 21. Txe5 Sd7 22. Sh5! Dxe5 23. Dxh6 g6 24. Tg5! Dh8 25. Txg6+ nebst Matt in zwei Zügen.) 19. Tg1 h6 20. Df4 Lxe5 21. Dxe5 (Oder 21. Txe5 Sd7 usw.) 21… Dxe5 22. Txe5 Sd7 (Einfacher wäre 22… g6 zum Beispiel: 23. Td1 Ke7 24. Txd4 Td8 mit siegreichem Schlussspiel) 23. Tb5 (Wesentlich größere Schwierigkeiten hätte Schwarz nach 23. Ta5! zu überwinden.) 23… a6 24. Tb3 (Oder 24. Tb4 Se5 25. Lg2 (25. Lxb7? Tb8) 25… Sd3! mit der Drohung Nf2 matt.) 24… Sc5 25. Ta3 Tb8 26. b4 Sd7 27. c5 Se5 28. Te1 Sxf3 29. Txf3 Ld7 30. Td3 Td8 31. Kg1 Lb5 32. Td2 Td5 33. Se4 Ke7 34. Sd6 (Ein Fehler in hoffnungsloser Stellung. Auf 34. f3 , was noch relativ am besten war, wäre Rhb8 geschehen, zum Beispiel: 34… Tb8 35. Sd6 b6 36. Sxb5 axb5 37. cxb6 Txb6 und Schwarz gewinnt mit Leichtigkeit.) 34… Tg5+ 35. Kh1 Lc6+ Aufgegeben. 0–1