Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch
Partie 71
1. e4 c5 2. Sf3 Sf6 3. Sc3 d5 4. exd5 Sxd5 5. Lb5+ (in Betracht kam 5. Se5) 5… Ld7 6. Lc4 Sb6 7. Le2 Sc6 8. O-O (er verzichtet mit Recht auf 8. d4 , zum Beispiel: 8… cxd4 9. Sxd4 Sxd4 10. Dxd4 Lc6) 8… Lf5 (Um nach Kräften alle Zentralfelder zu fixieren (also hier d4 und e4). Indes war das altklassische 8… e5 auch keineswegs zu verachten.) 9. Te1 a6 um den Zentralpunkt e5 indirekt zu verteidigen 10. d3 e6 11. Se4 Dc7 12. c3 Td8 13. Dc2 Sd5 Jeder der Partner hat nun seinen Zentralspringer, und das Spiel steht ungefähr gleich. 14. Lg5! Le7 15. Lxe7 Dxe7 16. h3 O-O 17. Tad1 Td7 18. Lf1 Tfd8 19. Dc1 h6 20. Kh2 g5 (eine in Anbetracht der eigenen beträchtlichen Zentralfestigkeit wohl zulässig erscheinende Lockerung, doch wäre 20… Lh7 immerhin solider gewesen, zum Beispiel: 21. d4? Lxe4 nebst Nf6 usw.) 21. Sg3 (Die Verwicklungen nach 21. h4 g4 22. Dxh6 gxf3 23. c4! schlagen wegen 23… Se5 24. gxf3 Sxf3+ nebst Nxe1 zugunsten des Nachziehenden aus. Mit dem Textzug erreicht Weiß ein klares, gleichstehendes Spiel) 21… Lg6 22. d4 Sb6 mit Rücksicht auf eine eventuell geplante Diversion nach a4 hin 23. dxc5 Dxc5 24. Txd7 Txd7 25. Kg1 De7 ein wohlmotivierter Rückzug, auf c5 hatte die Dame nicht mehr viel zu suchen, stand wegen evtl. drohenden b4 nebst a3 und c4 sogar etwas exponiert 26. Td1 Txd1 27. Dxd1 Dd8 28. Dc1 Kg7 29. De3 Sd5 30. Dd2 Sf4 31. Dxd8 die Partie strebt dem Endspiel zu, für welches der Schwarze infolge seines beweglicheren Königs freilich etwas besser gerüstet erscheint 31… Sxd8 32. Se5! Lb1 33. a3 f6 34. Sd7! Kf7 35. Sc5 eine treffliche Springerstellung 35… Ke7 36. Lc4 f5 37. Se2 (Gibt dem Gegner eine Gelegenheit zur Beseitigung des schönen Läufers; 37. Sf1 mit der Folge 37… Kd6 38. b4 b5 39. Lb3 Se2+ 40. Kh2 und nun 40… a5! wäre allerdings noch weniger günstig gewesen.) 37… Kd6 38. b4 La2! 39. Sxf4 Lxc4 40. Sh5 b6 41. Sa4 Lb3! 42. Sb2 (42. Sxb6? Kc7! 43. Sa8+ Kb7) 42… Sf7 43. Sg3 Se5 44. Sf1 b5 Schwarz steht offenbar überlegen, aber es ist schwer, weiterzukommen, denn die weißen Springer sind hier gute Torwächter. 45. Sd2 Ld5 46. a4 h5 47. axb5 axb5 48. f3 Kc6 Die Einleitung zu einem komplizierten Lavierungsspiel. Die erforderlichen beiden gegnerischen Schwächen sind offenbar gegeben, der weiße Königsflügel bildet die eine (Drohspiel: g5-g4 oder e6-e5-e4), der Damenflügel die andere (Drohspiel: schließliches Eindringen des Königs über c4). Als Lavierungsachse fungiert vor allem Punkt d5, sodann aber auch das ganze dem Punkt d5 benachbarte Terrain, zum Beispiel Punkt c4 und die sich aus der Besetzung des letzteren ergebenden Diversionsfelder. - Der Königszug ermöglicht das Ziehen des Ne5, denn auf allfälliges c4 (nach vorhergegangenem Nf7) gewänne bxc4 Nxc4 Bxc4 Nxc4, Kb5 einen Bauern. 49. Kf1 (Die erzwungene Rücksichtnahme macht sich bereits geltend, falls nämlich 49. Kf2 (statt Kf1), so 49… g4 50. hxg4 hxg4 51. fxg4 Sxg4+ 52. Kg1 Se3 mit Unannehmlichkeiten für Weiß.) 49… h4 50. Sd1 Lc4+ Vergleiche die Note zum 48. Zuge. 51. Kg1 (Falls 51. Sxc4 , so 51… Sxc4 52. Ke2 Kd5 53. Kd3 e5 und Weiß ist im Nachteil.) 51… Sd3 52. Se3 (Auch jetzt wäre Nxc4 recht fraglich, zum Beispiel: 52. Sxc4 bxc4 53. Se3 Kb5 54. Sc2 Ka4 55. Sd4 e5 56. Sxf5 Kb3 57. b5 Kxc3 usw.) 52… Ld5 53. Sc2 Sb2! 54. Sd4+ Kb6 55. Kh2 Sd1 56. Se2 e5 Der Springer hat das Feld c4 als Sprungbrett benutzt, Weiß hat in den letzten Zügen an Terrain verloren. 57. Kg1 (Auf 57. g3 gefolgt. 57… f4) 57… Kc6 58. Kf1 La2 59. Kg1 Se3 60. Kf2 Sd5 61. g4 (Es drohte wohl schon Nf4, zum Beispiel: 61. Kf1 Sf4 62. Sxf4 gxf4 63. Ke2 Kd5 nebst e4 und e3 und gewinnt. Man beachte die volle Ausnutzung der Lavierungsachse d5 (sowohl für den Läufer als auch für den Springer).) 61… hxg3+ 62. Kxg3 Sf6 63. Kf2 (Das geplante 63. h4 würde an der Antwort 63… f4+ 64. Kh3 Le6+ scheitern. Nun aber hat die Schwäche des weißen Königsflügels greifbare Gestalt angenommen (der Bauer h3 wird bald zum Sorgenkind). Bei klar umrissenen Schwächen hat der Lavierende aber ein leichteres Spiel.) 63… Kd6 64. Sg3 Ke6 65. Se2 Sd5 66. Kg3 Sf6 67. Sc1 Ld5 68. Sd3 Sh5+ 69. Kh2 e4 Endlich kommt die Majorität ins Rollen: da der weiße König an den schwachen Punkt h3 gekettet ist und somit nicht an der Lokalisierung des feindlichen Durchbruchs teilnehmen kann, wirkt letzterer katastrophal. 70. fxe4 fxe4 71. Se1 Sf4 72. Sc2 Se2! Zum zweiten Mal dringt dieser Springer ins Spiel ein. 73. Sb1 (73. Sd4+? Sxd4 74. cxd4 verliert sofort. 74… e3) 73… Lc4 74. Kg2 Ld3 75. Sca3 Sf4+ 76. Kf2! Er gibt schon was her, aber ... 76… Sd5! Der Gegner will nicht. Denn nun sind beide Springer patt! 77. Kg3 (Oder 77. Sd2 e3+ usw.) 77… e3 78. Kf3 Ke5 79. c4 (Erzwungen, denn bei 79. Kg3 Sf4 80. Kf3 e2 81. Kf2 Sg2 wäre es vorbei.) 79… bxc4 80. b5 Kd6 81. b6 Kc6 82. b7 Kxb7 83. Sb5 Zugzwang! Ihm fehlten ja die Züge! 83… Lxb1 84. Sd6+ Kc7 85. Sxc4 Lf5 Aufgegeben. Dauer der Partie zwölf Stunden. Eine meiner besten Endspielleistungen. Schlage hat sich übrigens trefflich verteidigt. 0–1