Aus dem Buch «Die Praxis meines Systems» von Aaron Nimzowitsch

Partie 72

von Gottschall, Hermann – Nimzowitsch, AaronInternationales Meisterturnier, Hannover, 10. August 1926

1. e4 e6 2. d4 d5 3. Ld3 c5 4. c3 dxe4 5. Lxe4 Sf6 6. Lf3 nimmt dem Ng1 das natürliche Entwicklungsfeld und gestattet in der Folge das befreiende e6-e5 6… Sbd7 7. Se2 Le7 8. O-O O-O gibt den ins Auge gefassten Kampfplan - 7. ... e6-e5 - ohne ersichtlichen Grund auf und gerät so in Schwierigkeiten 9. Le3 cxd4 10. cxd4 Sb6 11. Sbc3 Dd7!! um die Stellung mittels Rfd8 und Nd5 ehestens zu konsolidieren 12. Tc1? (den Vorzug verdiente 12. Db3 mit nachfolgendem Ne2-f4-d3, dadurch hätte er seinen Isolani immerhin verwerten können) 12… Td8 13. Db3 Sfd5 14. Sxd5 er spielt auf Remis 14… Sxd5 15. Lxd5 Dxd5 16. Dxd5 Txd5 17. Sc3 Ta5 18. Tfd1 Lb4 um d4-d5 zu vereiteln 19. a3 Lxc3 20. Txc3 Ld7 Eine tote Remisstellung!? Das Stück ist aus!? Nein, in der Partie steckt noch eine Menge drin und das Stück soll erst beginnen. Die große Auseinandersetzung über Licht- und Schattenseiten des Isolani folgt erst im "dritten Akt"! 21. Tc5 Txc5 22. dxc5 Lc6 Der Isolani ist nicht nur eine Bauern-, nein, auch eine Punktschwäche: die "benachbarten" Felder d5 c4 und e4 sind schlecht zu decken, und daran kann auch das Verschwinden des Isolani von der Bildfläche nur wenig ändern. Vergleiche die Vorbesprechung zum vierten Abschnitt. 23. f3 f6 24. Kf2 Kf7 25. Td4 a5 26. g3 (Besser erscheint 26. b3 und auf 26… Ld5 dann 27. Td3 . Nach h3 hätte Weiß wohl eine schwer zu erschütternde Stellung.) 26… a4 27. f4 h5 28. h3 Th8! Eine Präventivmaßnahme gegen das vom Gegner geplante g3-g4. 29. Td1 Kg6 30. Td4 Kf5 31. Ld2 Tf8! 32. Le1 e5 33. fxe5 fxe5 34. Th4 g5! 35. Tb4 (35. Txh5?? Kg6+ und gewinnt.) 35… Ke6+ 36. Ke2 e4 37. Lf2 Tf3 Jetzt ist die Basis zu einem systematischen Lavieren insofern gegeben, als c5 und h3 bereits zu Schwächen tendieren: nach h5-h4 gxh4 gxh4 Bxh4 muss nämlich der Läufer den Bauern c5 einen Moment unbeobachtet lassen. Aber auf welche Art und Weise wäre dieser geringfügige Umstand auszunutzen? 38. Tb6 Ke5! 39. Tb4 Kd5! Damit ist eine Zugzwangsstellung von großer Pikanterie erreicht. Weiß hat nämlich keinen vernünftigen Zug. 40. h4 Er will nicht nach b6. Nun aber erhält der schwarze König Raum am Königsflügel. (Falls 40. Tb6 , so 40… h4 41. gxh4 gxh4 42. Lxh4 , und nun geschieht zunächst mal 42… Kxc5 mit Angriff auf den Turm. (Aus diesem Grund wurde der Turm nach b6 gelockt.)) (Falls andererseits 40. Td4+ , so 40… Kxc5 , und 41. Txe4+? wäre wegen der Antwort 41… Txf2+ unzulässig.) 40… gxh4 41. gxh4 Th3 42. Td4+ Ke5 43. Td8 Ld5 Der Gewinn ist nicht mehr allzu schwierig: trotz störender Schachgebote wälzt die zu einem Ganzen zusammengeschweißte schwarze Armee sich immer näher heran. Das Lavierungsspiel hat nun klare Ziele, verfügt aber auch über tadelloses Lavierungsterrain (mit der Achse g4 usw.). Der Rest bedarf nur weniger Erläuterungen: 44. Te8+ Le6 45. Td8 es drohte Rb3 45… Kf4 46. Tf8+ Lf5 47. Tf7 Th2 (nicht 47… e3 wegen 48. Lg1!) 48. Te7 Lg4+ 49. Ke1 (49. Kf1? Th1+ 50. Lg1 Kg3 usw.) 49… Kf3 50. Tf7+ Kg2 51. Kd2 Kf1! 52. Ke3 Lf3 und gewann Ab hier Fortsetzung laut Webquelle, in der gedruckten Fassung nicht belegt: 53. Lg3 Txb2 54. Ld6 Tb3+ 55. Kd4 Kf2 56. Tg7 e3 57. Lg3+ Kf1 58. Tf7 e2 59. Te7 Lc6 Aufgegeben. Diese Partie, die ich zu meinen bestgespielten zähle, ist auch für den Isolani als Endspielschwäche bezeichnend. 0–1